Wer steckt hin­ter wel­cher Mas­ke?

Ver­wirr­spiel mit zu viel Er­klä­run­gen: „Ei­ne Nacht in Ve­ne­dig“von Strauß am Thea­ter Pforz­heim

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Steckt hin­ter der Mas­ke nun Bar­ba­ra (La­ris­sa An­ge­li­ni), die ihr Mann, Se­na­tor De­laqua (Cor­ne­li­us Bur­ger) vor den Nach­stel­lun­gen des Her­zogs von Ur­bi­no in Si­cher­heit brin­gen will, oder das Fi­scher­mäd­chen An­ni­na (Fran­zis­ka Tiedt­ke), das ihr Ge­lieb­ter Ca­ra­mel­lo nun sei­nen Herrn zu­führt? Und wo ist Bar­ba­ra? Sie hat sich ei­nen schö­nen Tag mit ei­nem fe­schen Of­fi­zier ge­macht. Nie­mand weiß, wer sich hin­ter den Ver­klei­dun­gen ver­birgt – und auch Ve­ne­dig selbst war schon 1883, als Jo­hann Strauß Adel und Volk in sei­nem Kar­ne­valstrei­ben „Ei­ne Nacht in Ve­ne­dig“durch­misch­te, nur noch ei­ne schö­ne Ku­lis­se.

Al­les Dü­pier­te und Be­tro­ge­ne, wie es sich für ei­ne gu­te Ko­mö­die ge­hört. Aber kom­pli­ziert. To­bi­as Ma­ter­na, der Strauß’ Ope­ret­te jetzt auf die Büh­ne des Pforz­hei­mer Thea­ters brach­te, traut den Zu­schau­er nicht zu, dass sie das von Fried­rich Zell und Richard Ge­née ein­ge­fä­del­te Rol­len­spiel durch­schau­en. Zur Si­cher­heit führt er ei­nen all­ge­gen­wär­ti­gen Er­zäh­ler (Tho­mas Pe­ters) ein, der sich nach der Ou­ver­tü­re un­ent­wegt als En­ter­tai­ner, Mo­de­ra­tor und Spiel­füh­rer ins Ge­sche­hen mischt, Fi­gu­ren und Be­zie­hun­gen er­klärt, in die Mu­sik spricht, an­bie­dernd über Frau­en und Män­ner rä­so­niert und die Ver­wir­rung schwal­lend auf die Spit­ze treibt. Be­vor Mi­no Ma­ra­ni, der die Ba­di­sche Phil­har­mo­nie in der Ou­ver­tü­re von Kur­haus­klän­gen zu sin­fo­ni­scher Prä­gnanz führt, sich im naht­los an­fü­gen­den ers­ten En­sem­ble mit dem Chor mit­ten ins ex­plo­si­ve Ge­sche­hen stür­zen kann, stoppt die­ser Er­zäh­ler das Trei­ben und klärt auf. Sel­ten ver­liert die Mu­sik da­durch ih­re Büh­nen­schwe­re, viel­mehr wir­ken die Num­mern wie auf ei­ner Wä­sche­lei­ne auf­ge­häng­te No­ten­blät­ter an­ein­an­der­ge­reiht, dass man ru­fen möch­te: „Gebt dem Mann doch end­lich sei­nen So­lo­abend!“Die dra­ma­tur­gi­schen Hän­ger des ge­gen En­de stark schwä­cheln­den Li­bret­tos be­kommt der Er­zäh­ler – in der Text­fas­sung von To­bi­as Ma­ter­na, Tho­mas Pe­ters und Thors­ten Klein – in den Griff, in­dem er den drit­ten Akt ra­di­kal auf we­ni­ge Mi­nu­ten be­schränkt, um pünkt­lich nach zwei­ein­halb St­un­den fer­tig zu sein.

Ei­nen vor­sich­tig iro­ni­schen Blick auf den von Gon­deln und nächt­li­chen Se­re­na­den durch­zo­ge­nen Sehn­suchts­ort wirft Büh­nen­bild­ne­rin Mar­ti­na Stoi­an mit ih­ren leicht we­hen­den schma­len Stoff­bah­nen und den dar­auf ap­pli­zier­ten, wie Licht- und Was­ser­spie­ge­lun­gen wir­ken­den Pa­last­bil­dern. Aus den ein­ge­schränk­ten dar­stel­le­ri­schen Mög­lich­kei­ten des Her­zogs ver­sucht die Ins­ze­nie­rung Ka­pi­tal zu schla­gen, in­dem sie ihn zur Un­zeit aus den Ku­lis­sen auf­tre­ten und ko­rea­nisch par­lie­ren lässt, was der höl­zer­nen Aus­strah­lung von Kwon­soo Je­on, der sei­ne te­no­ra­len Ver­füh­rungs­ver­su­che in der obe­ren Mit­tel­la­ge am bes­ten zum Klin­gen bringt, nur be­dingt hilft.

Das Sa­gen ha­ben in die­sem Mas­ken­trei­ben oh­ne­hin die Die­ner und Ver­käu­fer, al­len vor­an Leib­bar­bier Ca­ra­mel­lo (Jo­han­nes Strauß) als char­man­ter und spiel­wit­zi­ger Gon­del­len­ker so­wie Mak­ka­ro­ni­koch Pap­pa­co­da (Nan­do Zick­gra), der mit stäm­mi­gem Te­nor gleich zu Be­ginn ei­ne Füh­rung durch die Stadt un­ter­nimmt. Als Fisch­händ­le­rin An­ni­na hat Fran­zis­ka Tiedt­ke den rech­ten vi­brie­ren­den Ton für ei­ne ers­te Ope­ret­ten­hel­din, wäh­rend Da­ni­el­le Rohr die schlich­te Kö­chin Ci­bo­let­ta mit ge­wich­ti­gem Mez­zo­so­pran auf­wer­tet und Ga­b­rie­la Zam­fires­cu, wie schon vor zehn Jah­ren, als Ag­ri­co­la mit ge­wohn­ter Cha­rak­ter­kunst die auf­müp­fi­gen Se­na­to­ren­gat­tin­nen an­führt. Ni­ko­laus Schmidt

i Auf­füh­run­gen

15., 28. De­zem­ber, 20 Uhr; 31. De­zem­ber, 15 und 19.30 Uhr, 8., 14. Ja­nu­ar, 19.30 Uhr. – www.thea­ter-pforz­heim.de

OPE­RET­TEN­HEL­DIN: Fran­zis­ka Tiedt­ke singt die Fisch­händ­le­rin An­ni­na mit vi­brie­ren­dem Ton. Sze­ne aus To­bi­as Ma­ter­nas Neu­in­sze­nie­rung von Jo­hann Strauß’ Werk „Ei­ne Nacht in Ve­ne­dig“. Fo­to: Hay­mann

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