Rie­sen­spaß auf klei­ner Büh­ne

Ing­mar Ot­to in­sze­niert am Kam­mer­thea­ter Karls­ru­he „Der klei­ne Hor­ror­la­den“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

„Gib’s mir“, raunt die Blon­di­ne mit üp­pi­gem De­kol­le­té im ro­ten Lack­mie­der mit keh­li­ger Stim­me – nein, man kann nicht be­haup­ten, dass sich Ing­mar Ot­tos Ins­ze­nie­rung des Mu­si­cals „Der klei­ne Hor­ror­la­den“mit sub­ti­len An­deu­tun­gen auf­hal­ten wür­de. Der Sub­text von Ro­ger Corm­ans ul­tra­bil­li­gem B-Mo­vie von 1960 um ei­ne au­ßer­ir­di­sche fleisch­fres­sen­de Pflan­ze, die von ei­nem Blu­men­la­den in New York aus die Welt er­obern will, wird am Kam­mer­thea­ter Karls­ru­he deut­lich vor Au­gen ge­führt: Ge­schich­ten wie die­se zie­len meist dar­auf, Sex­fan­ta­si­en zu be­die­nen – und sie durch die Hor­ro­r­ele­men­te in der Sto­ry zugleich be­stra­fen. In die­sem Fall ent­deckt der töl­pel­haf­te La­den­an­ge­stell­te Sey­mour ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Pflan­ze, die ihm all sei­ne Wün­sche zu er­fül­len scheint. Auch den nach sei­ner Kol­le­gin Au­drey, nach der er die Pflan­ze be­nannt hat. Doch „Au­drey II“er­nährt sich von Blut, und ihr un­still­ba­rer Hun­ger be­schwört das Ver­der­ben her­auf.

Mit dem Zu­griff auf die­sen Broad­wayHit lo­tet das Kam­mer­thea­ter ein­mal mehr die Ka­pa­zi­tä­ten sei­ner ver­gleichs­wei­se klei­nen Büh­ne aus – und ge­winnt auf gan­zer Li­nie. Dank ei­ner flott ab­schnur­ren­den, mit vie­len lie­be­vol­len De­tails und ei­ner erst­klas­sig sin­gen­den und spie­len­den Be­set­zung aus­ge­stat­te­ten Ins­ze­nie­rung wirkt das Stück wie für die­se Büh­ne ge­schrie­ben. Die sou­ve­rän auf­spie­len­de Li­ve-Band um den Pia­nis­ten und Ar­ran­geur Paul Tau­be sitzt im Schau­fens­ter ei­nes Mu­si­ka­li­en­han­dels und ist so­mit ide­al in­te­griert in das pit­to­res­ke Büh­nen­bild von Flo­ri­an An­ge­rer, das auf en­gem Raum wit­zi­ge De­tails wie mit­sin­gen­de Blu­men be­reit­hält. Zwar hat das En­sem­ble ne­ben dem be­tont ver­siff­ten Blu­men­la­den nur we­nig Platz zum Tan­zen, läuft aber in den Cho­reo­gra­fi­en von Mat­thi­as St­rahm, der auch die prä­gnan­ten und far­ben­präch­ti­gen Ko­s­tü­me ent­wor­fen hat, zu um­so grö­ße­rer Form auf – und kann vor al­lem auch dar­stel­le­risch und ge­sang­lich rund­um über­zeu­gen.

Ben­ja­min A. Merkl ist ein per­fekt be­setz­ter Sey­mour: Ne­ben al­len an­de­ren wirkt er so klein und schmäch­tig (selbst sei­ner Au­drey reicht er nur bis zum aus­la­den­den Aus­schnitt), dass man ihm so­fort den schüch­ter­nen Bo­ta­nik-Nerd ab­nimmt, der mit leuch­ten­den Au­gen und stot­tern­den Wor­ten um Au­drey wirbt. Als Ob­jekt sei­ner Sehn­sucht stat­tet die ge­bür­ti­ge Karls­ru­he­rin An­na Win­ter das nai­ve Pin-up-Girl Au­drey, das of­fen­her­zigs­tes Out­fit mit dem Selbst­be­wusst­sein ei­nes Mau­er­blüm­chens trägt, mit so viel Wür­de aus, wie es bei ei­ner sol­chen Co­mic­fi­gur über­haupt mög­lich ist. Ih­re so kla­re wie aus­drucks­star­ke Stim­me, die so­gar die­ser Gro­tes­ke gro­ße Emo­tio­nen ab­ringt, ist sie ei­ner der gro­ßen Trümp­fe des Abends. Ih­re Ge­gen­spie­le­rin als blon­des Gift ist Andrea Graf, die im Vamp-Out­fit der von Phil­ipp Hardt ge­steu­er­ten Pup­pe Au­drey II ent­steigt und Sey­mour mit ag­gres­si­vem Sex-Ap­peal um­garnt.

Mit an­ste­cken­der Spiel­lust und en­er­gie­ge­la­de­nem Ge­sang gibt Ni­ko­laj A. Bru­cker Au­dreys sa­dis­ti­schen Freund, den Zahn­arzt Or­lic, der als ers­ter im Ra­chen von „Au­drey II“lan­det, und Oli­ver Jaksch ist ein zum Schmun­zeln rup­pi­ger Mr Mush­nik in die­sem Mu­si­cal, das mit Herz, Spiel­witz und star­ken Stim­men be­geis­tert. Andre­as Jütt­ner

i Ter­mi­ne

14., 15., 16., 17., 20., 21., 22., 23., 26., 27., 28., 30. De­zem­ber; 2., 3., 4., 5., 6., 7. Ja­nu­ar, je­weils ab 19.30 Uhr. 18. De­zem­ber und 8. Ja­nu­ar ab 18 Uhr. In­ter­net: www.kam­mer­thea­ter-karls­ru­he.de

ACH­TUNG, BIS­SIG: Au­drey II (Andrea Graf) be­för­dert die Kar­rie­re des schüch­ter­nen Sey­mour (Ben­ja­min A. Merkl) – zu ei­nem ho­hen Preis. Fo­to: Koh­ler

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