Glän­zen­des Er­eig­nis

Hän­dels Ora­to­ri­um „Mes­siah“in his­to­ri­schem Klang

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Zu ei­nem Hö­he­punkt der Sai­son wur­de nun ei­ne Auf­füh­rung von Ge­org Fried­rich Hän­dels Ora­to­ri­um „Mes­siah“im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den. Mu­sik des 18. Jahr­hun­derts ad­äquat zum Klin­gen zu brin­gen ist das Be­kennt­nis von So­lis­ten, Chö­ren und En­sem­bles, die sich an der his­to­risch ori­en­tier­ten Aus­füh­rungs­pra­xis ori­en­tie­ren, und sie sind im Fest­spiel­haus noch eher rar. Um­so schö­ner, dass nun ei­ner der Pio­nie­re die­ser Be­we­gung, der US-Ame­ri­ka­ner Wil­li­am Chris­tie, mit sei­nem 1979 ge­grün­de­ten En­sem­ble „Les Arts Flo­ris­sants“, dem da­zu ge­hö­ren­den Chor und fünf aus­ge­zeich­ne­ten So­lis­ten Hän­dels be­kann­tes­tes Werk prä­sen­tier­te.

An­ders als Bachs gro­ße Chor­wer­ke exis­tiert für den „Mes­si­as“seit der Urauf­füh­rung in Du­blin (13. April 1742) seit fast 275 Jah­ren ei­ne un­un­ter­bro­che­ne Aus­füh­rungs­tra­di­ti­on. Das Uni­ver­sal­ge­nie E. T. A. Hoff­mann, selbst ein re­spek­ta­bler Kom­po­nist, schrieb 1814 gar vom „Ora­to­ri­um al­ler Ora­to­ri­en“. Nicht zu­letzt ha­ben Hän­dels Ex­pe­ri­men­te da­zu bei­ge­tra­gen: Kei­ne blo­ße Rei­hung von Re­zi­ta­ti­ven, Da-Ca­poA­ri­en und Chor­sät­zen be­stimmt den for­ma­len Auf­bau, viel­mehr ver­schränkt der Kom­po­nist auch in­ner­halb der Drei­tei­lig­keit im­mer wie­der ein­zel­ne Ab­schnit­te zu gro­ßen Blö­cken, de­ren Span­nungs­kur­ve oft ei­nen mit­rei­ßen­den Sog er­zeugt. Solch raf­fi­nier­te Dra­ma­tur­gie des Ablaufs fand in Wil­li­am Chris­tie und sei­nem En­sem­ble eben­so kun­di­ge wie en­ga­gier­te In­ter­pre­ten. Der in­zwi­schen 72-jäh­ri­ge Lei­ter ent­fach­te mit sei­nen Mit­strei­tern (her­vor­ra­gend Kon­zert­meis­te­rin Flo­rence Mal­go­i­re!) ein wah­res Feu­er­werk an ras­si­gem, fe­dern­dem Schwung, der gleich­wohl nir­gends ein Tem­po zu rasch oder gar hek­tisch ge­ra­ten ließ. Voll Span­nung wa­ren die dra­ma­tisch ge­stal­te­ten Ak­kom­pa­gna­ti, voll Poe­sie die ly­risch-kon­tem­pla­ti­ven Tei­le des Wer­kes. Der Chor­klang be­wegt sich et­wa in der Mit­te zwi­schen dem bis­wei­len zum glä­ser­nen nei­gen­den Tim­bre der bes­ten bri­ti­schen Chö­re und der be­deu­tend wär­me­ren Far­be der Wie­ner Tra­di­ti­on, wie sie ide­al der Ar­nold-Schõn­berg-Chor re­prä­sen­tiert.

Hän­dels For­de­rung nach zwei So­pra­nen fand durch die Be­set­zung mit Em­ma­nu­el­le de Ne­gri und Ka­the­ri­ne Wat­son ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Lö­sung: Ist die Stim­me der Fran­zö­sin in al­len La­gen und je­der Dy­na­mik von war­mem, strah­len­dem, „gol­de­nem“Klang, so klingt die der tech­nisch wie sti­lis­tisch gleich her­vor­ra­gen­den Bri­tin be­deu­tend küh­ler und her­ber. Der ita­lie­ni­sche Coun­ter­te­nor Car­lo Vis­to­li ge­hört nicht zu je­nen Sän­gern, die vor al­lem tech­nisch per­fek­te Ko­lo­ra­tur-Per­len­schnü­re an­ein­an­der­rei­hen – nicht oft er­lebt man Coun­ter­ten­ö­re, wel­che vo­ka­le Akro­ba­tik durch tief an­rüh­ren­den Aus­druck fast ver­ges­sen ma­chen. Wun­der­voll eben­mä­ßig und in al­len La­gen völ­lig un­an­ge­strengt klingt der Te­nor des Bri­ten Sa­mu­el Bo­den. Ein­zi­ger deut­scher So­list des Abends war der her­vor­ra­gen­de Bas­sist Kon­stan­tin Wolff, dem blitz­sau­be­re Ko­lo­ra­tu­ren wie auch ker­nig vi­ri­len Klang oh­ne je­des For­cie­ren zu Ge­bo­te ste­hen. Die so be­rühm­te Arie „The Trum­pet Shall Sound“ge­riet, auch dank der ob­li­ga­ten So­lo­trom­pe­te (atem­be­rau­bend schön und per­fekt si­cher ge­bla­sen von Ser­ge Ti­zac), zu ei­nem der Glanz­punk­te die­ses glän­zen­den Kon­zert­er­eig­nis­ses.

Der ver­dien­te stür­mi­sche Ap­plaus des Pu­bli­kums stand in et­was ir­ri­tie­ren­dem Kon­trast zum nicht aus­ver­kauf­ten Haus. Soll­ten sich Ken­ner und Lieb­ha­ber von den eher plat­ten Re­kla­me-Sprü­chen des Fest­spiel­hau­ses („Wie Car­mi­na Bura­na. Nur schö­ner“ist nur ei­ner da­von) am En­de ab­ge­sto­ßen ge­fühlt ha­ben? Das wä­re sehr scha­de für die­sen groß­ar­ti­gen Abend. Hart­mut Be­cker

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