Pia­nis­ti­sches Feu­er­werk vol­ler Emo­ti­on Va­len­ti­na Li­sit­sa als So­lis­tin beim Son­der­kon­zert am Ba­di­schen Staats­thea­ter Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - Va­len­ti­na Li­sit­sa

„Vir­tuo­si­tät ist mir nicht wich­tig.“Man wünscht sich jetzt, da Va­len­ti­na Li­sit­sa (Fo­to: pr) sorg­fäl­tig ih­re Sitz­po­si­ti­on am St­ein­way für Pe­ter Tschai­kow­skis Kla­vier­kon­zert Nr. 1 b-Moll aus­ta­riert, man hät­te sie die­sen Satz vor ei­ner Wo­che am Te­le­fon nicht sa­gen hö­ren. Tschai­kow­ski und ei­ne Gleich­gül­ti­ge? Kann das gut­ge­hen? Im Ba­di­schen Staats­thea­ter sind rund 1 000 Au­gen­paa­re auf die sym­pa­thi­sche, un­prä­ten­tiö­se blon­de Pia­nis­tin aus der Ukrai­ne ge­rich­tet, de­ren YouTu­be-Vi­de­os im In­ter­net durch die De­cke schie­ßen und die jetzt so freund­lich und schüch­tern das Po­di­um be­tritt. Kann sie hal­ten, was sie ja nicht mal ver­spricht? Wird sie die­sem pia­nis­ti­schen Feu­er­werk ge­recht?

Al­le Be­den­ken wer­den Takt um Takt Lü­gen ge­straft. Ge­ra­de noch hat das Orches­ter die­se ein­gän­gi­ge ukrai­ni­sche Volks­me­lo­die sin­gen las­sen, plötz­lich ist der Zu­hö­rer mit vol­ler Auf­merk­sam­keit ver­schlun­gen in Fin­ger, die schwe­re­los und schein­bar ne­ben­säch­lich über die Tas­ten ra­sen. Jetzt wird klar: Die spielt, seit sie drei Jah­re alt ist. Li­sits­as Fin­ger be­we­gen sich si­che­rer als ih­re Bei­ne auf den ho­hen, dün­nen glit­zern­den Schu­hen, die an die­sem Abend nie­mals zu­viel Pe­dal be­mü­hen. Ob­wohl – oder ge­ra­de weil – sport­li­che Tech­nik für Li­sit­sa et­was eher Zweit­ran­gi­ges ist (ihr aber völ­lig rou­ti­niert von den Fin­gern geht), bleibt ihr viel Raum, ih­re Aus­sa­ge zu ent­fal­ten und ih­re Zu­hö­rer in ih­ren Bann zu zie­hen. Das Spiel der 42-jäh­ri­gen Pia­nis­tin hat nichts mit vir­tuo­sem Selbst­zweck zu tun. Es ist fast aus­nahms­los ex­akt, im­mens kraft­voll und prä­zi­se. Vor al­lem aber: poin­tiert und poe­tisch. Li­sit­sa schält Li­ni­en aus dem Kla­vier­satz und kos­tet sie aus. An der Poe­sie die­ser Kom­po­si­ti­on, die ef­fekt­voll sü­ße Emo­ti­on und ge­ball­te Kraft­ent­la­dung po­la­ri­siert, liegt ihr eben­so viel wie dem Orches­ter.

Das auf sei­ner ers­ten Tour­nee durch Eu­ro­pa be­find­li­che Na­tio­na­le Sin­fo­nie­or­ches­ter Ta­tars­tan lässt sich un­ter der um­sich­ti­gen Lei­tung von Alex­an­der Slad­kovs­ky auf das An­ge­bot Li­sits­as ein, sie nicht nur als So­lis­tin glän­zen zu las­sen, son­dern Kla­vier und Orches­ter als un­trenn­ba­res Gan­zes zu prä­sen­tie­ren. Den Zu­hö­rern wer­den die kon­tras­tie­ren­den The­men des Kopf­sat­zes in bril­lan­tem Ge­ben und Neh­men zwi­schen So­lo-In­stru­ment und süf­fi­gem, or­ches­tra­len Far­ben­reich­tum ge­bo­ten. Und im­mer wie­der die­ses spitz­bü­bisch ver­lieb­te Lä­cheln, mit dem Li­sit­sa im ers­ten wie im Kopf­satz wie im sprit­zi­gen Ron­do-Fi­na­le mit den Me­lo­di­en ih­rer Hei­mat ko­ket­tiert. Ih­re wun­der­voll ly­risch in­ter­pre­tier­te ers­te Zu­ga­be – das „Ständ­chen“aus Franz Schu­berts Schwa­nen­ge­sang in ei­ner Be­ar­bei­tung durch Franz Liszt – lässt den Atem sto­cken. Die zwei­te Zu­ga­be ist Liszts Un­ga­ri­sche Rh­ap­so­die Nr. 2 in cis-Moll. Hier macht Li­sit­sa voll­ends deut­lich, welch bril­lan­te Meis­te­rin in der Phra­sie­rungs­kunst sie ist.

Ein durch und durch rus­si­sches Pro­gramm rahmt in die­sem Son­der­kon­zert den Kas­sen­schla­ger von Tschai­kow­ski, der an ei­nem Frei­tag mit­ten im Vor­weih­nacht­stru­bel für ein aus­ver­kauf­tes Gro­ßes Haus sorg­te. Et­was brä­sig ist der Auf­takt: Mo­dest Mus­sorgs­kis ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­ge „Ei­ne Nacht auf dem kah­len Ber­ge“in ih­rer Ori­gi­nal­fas­sung, die sich we­sent­lich von der stark ge­glät­te­ten In­stru­men­tie­rung durch Ni­ko­lai Rim­ski-Kor­sa­kow un­ter­schei­det. Das Orches­ter kann mit die­ser das Schrof­fe, das Gro­tes­ke und das Häss­li­che nicht scheu­en­den Par­ti­tur gro­ße Ge­wich­te auf­fah­ren. Fein­zeich­nung ver­langt die­ses Werk eben­so we­nig die Sin­fo­nie Nr. 1 in d-Moll op. 13 von Ser­gej Rach­ma­ni­n­off. Sie ist die fas­zi­nie­ren­de Über­ra­schung im zwei­ten Kon­zert­teil. Ein ge­mes­sen am Ent­ste­hungs­jahr 1895 er­staun­lich pro­gres­si­ves Werk, das denn auch bei sei­ner Urauf­füh­rung im wahrs­ten Wort­sinn mit Pau­ken und Trom­pe­ten durch­fiel. Ge­ra­de­zu hyp­no­tisch ent­fal­ten vor al­lem die tie­fen Strei­cher über den rhyth­misch ge­präg­ten Duk­tus ih­re sug­ges­ti­ve Wir­kung. Al­le drei Sät­ze wer­den durch Trio­len-Be­we­gun­gen und das Dies-Irae-Mo­tiv ge­prägt. Man ge­rät in Tran­ce. Isa­bel Step­peler

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