31. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

„Be­stimmt lässt er nicht mehr lan­ge auf sich war­ten. Ich wün­sche Ih­nen noch ei­nen schö­nen Tag.“

Ro­sa war­te­te, bis die Haus­da­me ver­schwun­den war, erst dann öff­ne­te sie die Tür, schlüpf­te hin­ein und dreh­te den Schlüs­sel von in­nen zwei­mal um.

„Da­mit du se­hen kannst, ob je­mand in dei­nen Sa­chen ge­wühlt hat, gibt es ein paar ein­fa­che Tricks“, hat­ten ihr Oz’ Leu­te er­klärt. „Leg ei­nen Fa­den zwi­schen die Wä­sche, klemm ein Pa­pier­kü­gel­chen zwi­schen zwei Klei­der­bü­gel, stell dei­ne Schu­he auf klei­ne St­ein­chen.“Ro­sa be­merk­te es al­so so­fort. Sehr ge­schickt. Oh­ne Fa­den, Pa­pier­kü­gel­chen und St­ein­chen wä­re Ro­sa nichts auf­ge­fal­len. Auch das Ma­nö­ver mit der Glüh­bir­ne, ge­konnt. In wes­sen Auf­trag? Von Dros­tes? Zu viel der Eh­re, wo sie ges­tern doch kei­ne gu­te Fi­gur ge­macht hat­te. Wer in­ter­es­sier­te sich dann für sie?

Wenn die Haus­da­me ein­mal ih­re Sa­chen durch­sucht hat­te, wür­de sie es auch ein zwei­tes Mal tun. Vor al­lem, weil sie nichts hat­te fin­den kön­nen. Klei­dung, Schu­he, zwei Bü­cher auf He­brä­isch, in der ihr Oz’ Leu­te auf ei­ni­gen Sei­ten zwi­schen den Zei­len die nö­ti­gen Kon­takt­da­ten ver­steckt hat­ten. Dop­pelt ge­si­chert al­so und harm­los so­wie­so. Aber jetzt hat­te Ro­sa die Pa­ra­bel­lum mit­ge­bracht. Sie such­te nach ei­ner lo­sen Die­le im Par­kett, in­spi­zier­te die Gera­ni­en­töp­fe vor dem Fens­ter und den Was­ser­kas­ten über dem Klo­sett. Kei­ner die­ser Or­te wür­de den schar­fen Au­gen der Haus­da­me ver­bor­gen blei­ben. Die bes­ten Ver­ste­cke sind die, die nicht wie Ver­ste­cke aus­se­hen, hat­te ih­nen Wal­burg da­mals bei­ge­bracht. Und so be­schloss Ro­sa, die Waf­fe als Ge­schenk ver­packt ein­fach in den Schrank zu stel­len. Hart­mann hat­te Ag­nes nach drau­ßen an die Re­zep­ti­on ge­scheucht. Das tat er im­mer, wenn er te­le­fo­nie­ren woll­te, vor al­lem mit der Rei­sacher von der Büh­ler­hö­he. Ag­nes soll­te nicht se­hen, wie ihm der Sei­ber lief, und auch nicht hö­ren, wenn er wie ein ver­lieb­ter Go­ckel kräh­te. Jetzt war es aber schon ei­ne gan­ze Wei­le still in dem Bü­ro.

Die Schwei­zer Da­men leg­ten wie­der Pa­ti­en­cen, Max ba­lan­cier­te ein Ku­chen­ta­blett ins Jä­ger­stüb­chen, Mon­sieur Pfis­ter kam in Wan­der­schu­hen die Trep­pe her­un­ter und leg­te ihr mit ei­nem Au­gen­zwin­kern sei­nen Zim­mer­schlüs­sel auf den Tre­sen. Dann schlen­der­te er zu den Schwei­ze­rin­nen hin­über und zog sei­nen Hut.

Von Mon­sieur Pfis­ter lie­ßen sich die al­ten Schach­teln gern in ih­rem Spiel un­ter­bre­chen. Schon beim kleins­ten Kom­pli­ment ki­cher­ten sie wie Back­fi­sche. Er war halt ein gro­ßer Char­meur, da wa­ren sich im Hunds­eck al­le ei­nig.

Die Wal­burg wird den schwar­zen En­gel nicht fin­den, re­de­te sich Ag­nes ein, und wenn, dann wird sie ihn nicht er­schie­ßen. Das war ja da­mals nur aus der Ver­zweif­lung her­aus ge­sagt wor­den. Au­ßer­dem denkt die Wal­burg ja wei­ter als von A nach B, und wenn die Wal­burg ei­nes nicht will, dann den Rest ih­rer Ta­ge in ei­nem Ge­fäng­nis ver­brin­gen. Denn nichts ist für die Wal­burg so schlimm, wie ih­re Frei­heit zu ver­lie­ren. „Fräu­lein Ag­nes?“Wie­der mal hat­te sie sich in ih­ren Ge­dan­ken ver­lo­ren und nicht auf­ge­passt. Wie­so hät­te Mon­sieur Pfis­ter sonst so plötz­lich vor ihr ste­hen kön­nen, wo er doch ge­ra­de noch drü­ben mit den Schwei­zer Da­men schä­ker­te? Viel­leicht war er ein Zau­be­rer? Ih­re Unacht­sam­keit mach­te vie­le Gäs­te un­ge­hal­ten, ihn nicht, er schenk­te ihr so­gar jetzt noch ein freund­li­ches Lä­cheln. Mon­sieur Pfis­ter wur­de nie bö­se, das moch­te sie so an ihm.

„Wis­sen Sie, wo ich Mon­sieur Nour­ri­di­ne fin­den kann?“Ag­nes schüt­tel­te den Kopf.

„Wenn er zu­rück­kommt, sa­gen Sie ihm, dass ich ihn um halb acht zum Es­sen er­war­te.“

Ag­nes hoff­te in­stän­dig, dass ihr das er­spart blieb, aber das konn­te sie na­tür­lich nicht sa­gen. „Selbst­ver­ständ­lich, Mon­sieur Pfis­ter“, ver­si­cher­te sie und ver­barg schnell ih­re zit­tern­den Hän­de un­ter dem Tre­sen. Soll die Wal­burg ihn doch er­schie­ßen, flüs­ter­te ihr der Teu­fel ein, dann musst du ihm nie mehr et­was aus­rich­ten, nie mehr in Au­gen, kalt wie der Mum­mel­see, bli­cken.

„Dann bis spä­ter.“Wie­der zwin­ker­te Mon­sieur Pfis­ter ihr zu und ver­ließ dann schnel­len Schrit­tes das Ho­tel. „Fräu­lein Ag­nes!“Sie fuhr her­um und sah den Di­rek­tor in der Tür ste­hen. Sie rech­ne­te mit ei­nem An­schiss, der heu­ti­ge fehl­te noch, aber wenn er sie Fräu­lein Ag­nes nann­te und siez­te, brach kein Don­ner­wet­ter los. Im Ge­gen­teil, re­gel­recht be­schwingt sag­te er: „Ho­len Sie aus der Wä­sche­kam­mer drei Stück Kern­sei­fe und brin­gen Sie sie rü­ber zur Büh­ler­hö­he. Ge­ben Sie sie bei Frau Rei­sacher per­sön­lich ab mit ei­nem schö­nen Gruß von mir.“ Der Re­gen hat­te auf­ge­hört, als sich Ro­sa auf den Weg zum Hunds­eck mach­te. Ag­nes’ Schwei­gen war nicht ihr dring­lichs­tes Pro­blem, aber zu­min­dest ei­nes, das sie lö­sen konn­te. Je schnel­ler, des­to bes­ser. Auch wenn das Mäd­chen nicht von sich aus plau­dern wür­de, so könn­te sie in ih­rer Nai­vi­tät Pfis­ter oder ei­nem der Waf­fen­fa­bri­kan­ten doch von ih­rem Auf­ein­an­der­tref­fen im Kü­chen­flur er­zäh­len. Mit kla­ren Wor­ten und ein we­nig Geld woll­te Ro­sa ihr die Lip­pen ver­sie­geln.

Durch den Re­gen dampf­te der Wald vor Feuch­tig­keit und roch in­ten­siv nach Holz und Moos. Über den Was­ser­läu­fen schweb­ten Ne­bel­schwa­den, so leicht und luf­tig, dass ein Wind­hauch sie ver­trei­ben konn­te. Für ein paar Mi­nu­ten zeig­te sich die Abend­son­ne und ließ die Was­ser­trop­fen auf Tan­nen­spit­zen und Far­nen wie Edel­stei­ne glit­zern. Ro­sa schien es, als ob der Wald sie mit sei­ner Schön­heit nach die­sem auf­wüh­len­den Tag trös­ten woll­te.

Der moo­si­ge Bo­den schmatz­te un­ter ih­ren Fü­ßen, die kla­re, küh­le Luft ver­trieb ih­re Mü­dig­keit. „Nie riecht der Wald so gut wie nach Re­gen“, hat­te Wal­burg frü­her im­mer ge­sagt. Wenn es mög­lich wä­re, wür­de Ro­sa ei­nen ge­wal­ti­gen Vor­rat die­ser wür­zi­gen Luft kon­ser­vie­ren, um sie sich in den staub­tro­cke­nen is­rae­li­schen Som­mern um die Na­se we­hen zu las­sen. – Was aus Wal­burg wohl ge­wor­den war? Ro­sa stell­te sie sich als Mut­ter ei­ner rie­si­gen Kin­der­schar vor. Be­stimmt war sie in der Ge­gend ge­blie­ben und be­wirt­schaf­te­te jetzt mit ih­rem Mann den el­ter­li­chen Bau­ern­hof. Schüs­se hall­ten durch den Wald und lie­ßen ei­nen Schwarm Krä­hen auf­flie­gen. Jä­ger, ver­mu­te­te Ro­sa und er­in­ner­te sich, dass auch ihr Va­ter ge­le­gent­lich mit Kli­en­ten auf die Jagd ge­gan­gen war. Hier im Schwarz­wald hat­te er mal ei­nen Sech­sen­der ge­schos­sen, das Ge­weih hing ei­ne Zeit lang in Köln auf der Ter­ras­se, bis die Mut­ter es sang- und klang­los ver­schwin­den ließ. Eins, zwei, drei, vier Schuss zähl­te Ro­sa. Seit sie die Büh­ler­hö­he ver­las­sen hat­te, war ihr noch kein Mensch be­geg­net. Die Jä­ger muss­ten in der Nä­he des Hunds­eck auf der Pirsch sein, denn die Schüs­se klan­gen mit je­dem ih­rer Schrit­te lau­ter und nä­her.

Kurz über­leg­te Ro­sa, ob sie an der nächs­ten Weg­ga­be­lung in Rich­tung Au­to­stra­ße ab­bie­gen soll­te, um nicht von ei­nem Qu­er­schlä­ger ge­trof­fen zu wer­den, aber so plötz­lich, wie die Schüs­se durch den Wald ge­hallt wa­ren, ver­stumm­ten sie auch wie­der, und Ro­sa folg­te wei­ter dem Wald­weg. In die jä­he Stil­le hin­ein krächz­te ein un­sicht­ba­rer Vo­gel, an­sons­ten hör­te sie nur die ei­ge­nen Schrit­te.

Hunds­eck Bret­ter­wald

Fort­set­zung folgt

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