Die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen

Pforzheimer Kurier - - POLITIK -

SU­SAN­NE GÜSTEN

Nach dem Tod von 44 Men­schen bei dem Dop­pel­an­schlag von Istan­bul ge­hen die tür­ki­schen Be­hör­den ge­gen Kur­den­po­li­ti­ker und an­de­re Re­gie­rungs­geg­ner vor. Das Mus­ter gleicht dem der Fest­nah­me­wel­len nach dem Putsch­ver­such vom Ju­li: Ein blu­ti­ges Er­eig­nis wird zum An­lass ge­nom­men, den Druck auf Kri­ti­ker von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan zu er­hö­hen. Auf die­se Wei­se wird sich die Ge­walt nicht stop­pen las­sen – neue Wun­den wer­den auf­ge­ris­sen.

Der tür­ki­sche Staat fragt nicht mehr nach in­di­vi­du­el­ler Schuld oder Un­schuld, son­dern han­delt auf der Ba­sis ei­nes Ge­ne­ral­ver­dachts. Nach dem Putsch­ver­such traf es die Be­we­gung des is­la­mi­schen Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len. Jetzt trifft es die Kur­den. Der Dop­pel­an­schlag von Istan­bul geht auf das Kon­to ei­ner Split­ter­grup­pe der kur­di­schen Re­bel­len­grup­pe PKK – das reicht den Be­hör­den, um zu ei­nem neu­en Schlag auf die HDP aus­zu­ho­len. Die Re­gie­rung heizt zu­dem ei­ne na­tio­na­lis­ti­sche Stim­mung an, die Ver­gel­tung für das jüngs­te Blut­ver­gie­ßen for­dert und den Hel­den­tod fürs Va­ter­land zum Ide­al er­klärt. „Wir al­le sind po­ten­zi­el­le Mär­ty­rer,“sagt Um­welt­mi­nis­ter Meh­met Öz­ha­se­ki. Als „Mär­ty­rer“wer­den in der

Tür­kei ge­fal­le­ne Sol­da­ten und im Di­enst ge­tö­te­te Po­li­zis­ten be­zeich­net.

Zugleich wächst die Wut auf den Wes­ten und des­sen Ver­tre­ter: Na­tio­na­lis­ten be­schimp­fen west­li­che Staa­ten als „Mör­der“, weil sie an­geb­lich die PKK ge­wäh­ren las­sen. Das US-Kon­su­lat in Istan­bul warn­te ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger in der Stadt, sie soll­ten sich von Trau­er­kund­ge­bun­gen nach dem Dop­pel­an­schlag fern­hal­ten, weil die­se „kon­fron­ta­tiv“wer­den könn­ten. Die re­gie­rungs­treue tür­ki­sche Pres­se at­ta­ckiert die west­li­chen Me­di­en, weil die­se an­geb­lich den Ter­ror der PKK be­schö­ni­gen. So wer­den in­nen- wie au­ßen­po­li­tisch wei­ter Brü­cken ab­ge­bro­chen, die Kri­se ver­schärft sich. Der Aus­blick auf das kom­men­de Jahr bie­tet we­nig An­lass zur Hoff­nung. Der staat­li­che Druck auf An­ders­den­ken­de dürf­te vor dem ge­plan­ten Re­fe­ren­dum über die Ein­füh­rung ei­nes Prä­si­di­al­sys­tems wei­ter zu­neh­men. Auch nach der Volks­ab­stim­mung ist nicht mit ei­ner Rück­kehr zu de­mo­kra­ti­schen Re­for­men zu rech­nen. Da­mit gibt Er­do­gan nicht nur wich­ti­ge de­mo­kra­ti­sche Er­run­gen­schaf­ten auf. Er re­du­ziert auch die Mög­lich­kei­ten ei­nes kor­ri­gie­ren­den Ein­griffs an­de­rer Ak­teu­re wie des Par­la­ments, der Jus­tiz oder der Me­di­en.

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