Mehr Da­ten­klau an Geld­au­to­ma­ten

Die Scha­dens­sum­me nimmt al­ler­dings ab

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jörn Ben­der

Frankfurt/Main. Mit­te Ok­to­ber schla­gen die Er­mitt­ler am Frank­fur­ter Flug­ha­fen zu: Die Bun­des­po­li­zei nimmt zwei Asia­ten fest, die ge­ra­de aus der Ka­ri­bik ein­ge­flo­gen sind. In de­ren Ge­päck: Ei­ne pro­fes­sio­nel­le Aus­rüs­tung zum Aus­spä­hen von Kre­dit­kar­ten­da­ten, elf ma­ni­pu­lier­te Kre­dit­kar­ten und et­wa 100 Kre­dit­kar­ten­roh­lin­ge.

Da­ten deut­scher Bank­kun­den ste­hen bei Kri­mi­nel­len hoch im Kurs. „In­ha­ber von Zah­lungs­kar­ten deut­scher Emit­ten­ten ver­fü­gen im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich über ei­ne ho­he Bo­ni­tät. Da­her sind de­ren Kar­ten be­zie­hungs­wei­se Kar­ten­da­ten be­vor­zug­tes Ziel von Straf­tä­ter­grup­pie­run­gen“, stellt das Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) in sei­nem jüngs­ten Be­richt zum The­ma „Skim­ming“(„La­ge­bild Zah­lungs­kar­ten­kri­mi­na­li­tät 2014“) fest.

Das er­klärt nach Ein­schät­zung von Bran­chen­ken­nern, war­um Da­ten­die­be wie­der häu­fi­ger an Geld­au­to­ma­ten in Deutsch­land zu­schla­gen – ob­wohl es für sie im­mer schwie­ri­ger wird, aus­ge­späh­te Kar­ten­da­ten und Ge­heim­num­mern (PIN) von Bank­kun­den zu Geld zu ma­chen. Nach ak­tu­el­len Zah­len von Eu­ro Kar­ten­sys­te­me ma­ni­pu­lier­ten Kri­mi­nel­le bis ein­schließ­lich No­vem­ber die­ses Jah­res bun­des­weit 153 Geld­au­to­ma­ten. Im Ge­samt­jahr 2015 wur­den 118 Fäl­le re­gis­triert. Gleich­zei­tig sinkt der Brut­to­scha­den durch sol­che „Skim­ming“-An­grif­fe seit Jah­ren ste­tig: En­de No­vem­ber 2016 lag er auf dem Re­kord­tief von rund 1,6 Mil­lio­nen Eu­ro. Im De­zem­ber gibt es er­fah­rungs­ge­mäß kaum noch Ve­rän­de­run­gen. Im Ge­samt­jahr 2015 wa­ren es 2,7 Mil­lio­nen Eu­ro, 2014 noch 3,1 Mil­lio­nen, 2013 gar 11,3 Mil­lio­nen Eu­ro.

„Wir neh­men an, dass die Atta­cken zu­neh­men, weil es nicht mehr so ein­fach ist, an ver­wert­ba­re Kar­ten­da­ten zu kom­men“, er­klärt Mar­git Schnei­der von Eu­ro Kar­ten­sys­te­me. Die Ein­rich­tung küm­mert sich im Auf­trag der deut­schen Kre­dit­wirt­schaft um das Si­cher­heits­ma­nage­ment für Zah­lungs­kar­ten.

An Fahr­kar­ten­au­to­ma­ten oder Tür­öff­nern von Ban­ken ver­such­ten sich Da­ten­die­be in Deutsch­land zu­letzt nicht mehr. Vor al­lem die Ein­füh­rung der EMVTech­nik hat nach Ein­schät­zung der Bran­che Kri­mi­nel­len das Hand­werk er­schwert. EMV-Kar­ten sind mit ei­ner Art Mi­ni-Com­pu­ter aus­ge­stat­tet: Der Da­ten­satz wird ver­schlüs­selt, die Kar­te bei Ge­brauch auf Echt­heit ge­prüft, und zwar bei je­dem Ein­satz so­wohl am Geld­au­to­ma­ten als auch an der La­den­kas­se. In Deutsch­land sind seit En­de 2010 al­le in­zwi­schen gut 100 Mil­lio­nen Gi­ro­cards mit EMV-Chip aus­ge­stat­tet, eben­so sämt­li­che knapp 60 000 Geld­au­to­ma­ten und 720 000 Ter­mi­nals im Han­del.

Weil sich die EMV-Tech­nik welt­weit zu­neh­mend durch­setzt, müs­sen Kri­mi­nel­le weit rei­sen oder gut ver­netzt sein, um in Deutsch­land ge­stoh­le­ne Bank­da­ten zum Be­zah­len oder Ein­kau­fen zu miss­brau­chen. Kar­ten­du­blet­ten funk­tio­nie­ren im Grun­de nur noch dort, wo Be­zahl­kar­ten nach wie vor mit leicht ko­pier­ba­ren Ma­gnet­strei­fen aus­ge­rüs­tet wer­den. Bis ein­schließ­lich No­vem­ber stell­te Eu­ro Kar­ten­sys­te­me vor al­lem in den USA (39 Pro­zent Scha­dens­an­teil) und In­do­ne­si­en (27 Pro­zent) Um­sät­ze mit hier­zu­lan­de ge­klau­ten Da­ten fest.

Gut für die deut­sche Kre­dit­wirt­schaft: We­gen in­ter­na­tio­na­ler Ab­kom­men müs­sen die Län­der mit den nied­rigs­ten Si­cher­heits­stan­dards für Schä­den aus be­trü­ge­ri­schen Ge­schäf­ten mit ge­klau­ten Kar­ten­da­ten auf­kom­men. Da­her bleibt nach Bran­chen­schät­zun­gen von dem ak­tu­el­len Scha­den durch „Skim­ming“an Geld­au­to­ma­ten in Deutsch­land höchs­tens ei­ne Mil­li­on Eu­ro an hei­mi­schen Ban­ken und Spar­kas­sen hän­gen.

Gut für „Skim­ming“-Op­fer: In der Re­gel er­set­zen Ban­ken und Spar­kas­sen den Scha­den in vol­ler Hö­he – vor­aus­ge­setzt Bank­kun­den sind sorg­fäl­tig mit Be­zahl­kar­te und PIN um­ge­gan­gen. Das gilt auch, wenn die Ori­gi­nal­k­ar­te ge­stoh­len wird und Kri­mi­nel­le dann da­mit Geld ab­he­ben oder ein­kau­fen, wie Si­cher­heits­ex­per­tin Schnei­der er­läu­tert.

Mit 14,2 Mil­lio­nen Eu­ro Scha­den (Stand En­de No­vem­ber) schlägt der Dieb­stahl von Zah­lungs­kar­ten weit­aus kräf­ti­ger zu Bu­che als „Skim­ming“– ein Trend, den Schnei­der seit Jah­ren be­ob­ach­tet. Vie­le Ver­brau­cher mach­ten es Ta­schen­die­ben zu leicht: Weil sie die Ge­heim­num­mer zu­sam­men mit der Bank­kar­te im Geld­beu­tel bei sich tra­gen. Die Bran­che ha­be Mil­li­ar­den in hö­he­re Si­cher­heit beim Plas­tik­geld in­ves­tiert, re­sü­miert Schnei­der: „Es liegt jetzt an der Acht­sam­keit des ein­zel­nen Bür­gers.“

ATTRAPPE VON KRI­MI­NEL­LEN: Da­mit kön­nen die­se Da­ten von Bank­kun­den ab­grei­fen. Bis­lang wur­den in die­sem Jahr bun­des­weit 153 Geld­au­to­ma­ten ma­ni­pu­liert. Fo­to: dpa

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