Brünn­hil­de „on the rocks“

Sze­nisch mat­te „Wal­kü­re“beim Karls­ru­her Ring

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

So gnä­dig er­lebt man das Karls­ru­her Pre­mie­ren­pu­bli­kum sel­ten. Nur zwei oder drei dün­ne Buhs zwi­schen freund­li­chem Ap­plaus für die Neu­in­sze­nie­rung der „Wal­kü­re“durch Yu­val Sha­ron in ei­nem Ring-Pro­jekt, das mit vier Re­gis­seu­ren der Viel­falt und Fri­sche hul­di­gen möch­te. War das von Da­vid Her­mann in­sze­nier­te „Rhein­gold“mit sei­ner Idee, be­reits im Vor­abend über et­li­che Sei­ten­strän­ge den ge­sam­ten Ring zu er­zäh­len, zwar über­la­den, aber doch quir­lig und un­ter­halt­sam mit fes­selnd her­aus­ge­ar­bei­te­ten Cha­rak­te­ren, so kehrt jetzt ge­lin­de ge­sagt Ru­he ein. Ei­ne ge­wis­se sze­ni­sche Ent­schleu­ni­gung ist der Wal­kü­re zwar zu ei­gen, doch wird Sha­rons in­halt­lich recht ar­me Deu­tung mit zä­hen Län­gen die­sem Gi­gan­ten der Opern­ge­schich­te kaum ge­recht. Scha­de. Denn Jus­tin Brown und die Ba­di­sche Staats­ka­pel­le bie­ten ei­ne ex­trem far­ben­rei­che und aus­ge­wo­ge­ne mu­si­ka­li­sche In­ter­pre­ta­ti­on.

Un­ver­blümt be­zeugt das Pro­gramm­heft, dass sich Ring-Re­gis­seur 1 mit Ring-Re­gis­seur 2 nur sehr be­dingt aus­ein­an­der­setzt: In ei­nem of­fe­nen Brief an sei­nen Vor­gän­ger Da­vid Her­mann freut sich Yu­val Sha­ron, dass er das „Rhein­gold“nun „end­lich“sah, als man be­reits drei Wo­chen Wal­kü­re ge­probt hat­te. Und dass ihm erst nach­träg­lich beim Le­sen des Pro­gramm­hef­tes „ge­fiel“, dass es da ge­wis­se Par­al­le­len im Ver­ständ­nis ge­be. Zum Bei­spiel „die Zeit und die Wahr­neh­mung von Zeit als zen­tra­le Aus­gangs­punk­te“. In sei­ner Deu­tung ist das aber nicht er­kenn­bar. Man wür­de sich wün­schen, die Ins­ze­nie­rung wä­re nur halb so ge­halt­voll wie die sehr er­hel­len­den Aus­füh­run­gen des Dra­ma­tur­gen Bo­ris Kehr­mann über Wa­g­ners Ide­en im Pro­gramm­heft.

Zu­gu­te hal­ten muss man Sha­rons Ins­ze­nie­rung, dass sie schö­ne Bil­der er­zeugt und Wa­g­ners Werk in An­sät­zen päd­ago­gisch er­klärt. Man kennt Sha­rons Nei­gung zur Schau­kas­ten-Re­gie in Karls­ru­he be­reits aus sei­ner ge­lun­ge­nen Ins­ze­nie­rung von „Doc­tor Ato­mic“. Dies­mal sind es Tü­ren ei­nes schier end­lo­sen Flu­res, die Einblicke ge­wäh­ren. Die­ser Flur do­mi­niert die Ins­ze­nie­rung und ist Pro­jek­ti­ons­flä­che für al­ler­lei an­spre­chen­de Schat­ten­spie­le und Vi­de­os (Vi­deo: Ja­son H. Thomp­son, Büh­ne: Se­bas­ti­an Han­nak). Zu­dem plop­pen im ers­ten Akt die Tü­ren auf und zei­gen mal das Cel­lo per Vi­deo, mal sit­zen da­rin Holz­blä­ser beim Spiel ent­spre­chen­der Leit­mo­ti­ve. Im­mer wie­der nä­hert sich das Ge­schwis­ter­paar Sieg­lin­de und Sieg­mund, um des­sen in­zes­tuö­se Lie­be und Sinn­lich­keit der ers­te Akt kreist, als Schat­ten­fi­gu­ren ein­an­der an.

Vi­ta­ler sind die ech­ten Fi­gu­ren be­dau­er­li­cher­wei­se nicht. Sehr schnell sehnt man sich bei Sieg­lin­de und Sieg­mund nach ei­ner fes­seln­den Per­so­nen­füh­rung. Eben­so im zwei­ten Akt bei Wo­tan, Fri­cka und Brünn­hil­de, die jetzt in ei­ner ge­schmack­voll gold­grun­di­gen räum­li­chen Rau­te auf ei­ner in­halt­lich frag­wür­di­gen Roll­trep­pe ex­al­tier­tes Spiel bie­ten. Für ei­ne ver­in­ner­lich­te Cha­rak­ter­zeich­nung scheint sich Sha­ron nicht zu in­ter­es­sie­ren. Der Ehe-Kon­flikt zwi­schen Wo­tan und Fri­cka, der im­mer­hin ein To­des­op­fer (Sieg­mund) for­dert und fol­gen­schwe­ren Un­ge­hor­sam von Wo­tans au­ßer­ehe­li­chem Kind Brünn­hil­de nach sich zieht, wird am Bild der Roll­trep­pe ab­ge­ar­bei­tet. Mal fährt sie nach oben, mal nach un­ten. Mal ist Fri­cka die Über­le­ge­ne, mal Wo­tan. Sei­nen Mo­no­log singt er wie ei­ne Rück­blen­de über Mi­kro­fon und per über­di­men­sio­na­ler Vi­deo­pro­jek­ti­on in den Zu­schau­er­raum, be­vor es wie­der zu­rück­geht in den lan­gen Flur.

Dann die Er­fri­schung. Über Wal­kü­ren, de­ren Out­fit ir­gend­wo zwi­schen Berg­wacht und Müll­ab­fuhr liegt, lässt sich grund­sätz­lich strei­ten. Zu­mal ihr be­rühm­ter „Ritt“zu­erst als Co­mic auf der Lein­wand und schon wie­der mit Stim­men aus dem Laut­spre­cher läuft: Wol­ken,

Vie­le Län­gen und ei­ne fros­ti­ge Über­ra­schung

Schnee­ge­stö­ber, Fall­schir­me. Doch mag ein nach zwei mü­den Ak­ten se­dier­ter Zu­schau­er im drit­ten Akt den Zei­chen­trick und das plötz­lich leuch­ten­de Büh­nen­bild in Eis­blau mit Wal­kü­ren in Oran­ge als will­kom­me­ne Er­fri­schung ver­bu­chen. Al­ler­dings fehlt hier ein­mal mehr ei­ne zwin­gen­de Per­so­nen­füh­rung. Nach­dem Wo­tan Brünn­hil­des Schick­sal aus­ge­spro­chen und ih­re acht Schwes­tern ein­ge­schüch­tert hat, stanzt er mit sei­nem Speer ein Loch ins Ge­fro­re­ne, wäh­rend Brünn­hil­de bar­fuß auf dem Ei­se tap­send ver­sucht das Herz ih­res un­gnä­di­gen Va­ters zu er­wei­chen. Was ihr be­kannt­lich nur halb ge­lingt. Nicht je­der Da­her­ge­lau­fe­ne soll die zum Men­schen ver­damm­te Ex-Wal­kü­re ehe­li­chen dür­fen, son­dern nur ein Held, der den von Wo­tan gnä­di­ger­wei­se ge­leg­ten schüt­zen­den Flam­men­ring um Brünn­hil­de zu durch­schrei­ten wagt. Das ge­nügt Yu­val Sha­ron nicht. Sei­ne Brünn­hil­de wird von Wo­tan im Eis­was­ser zum Wür­fel ge­fro­ren und wie­der an Land ge­ho­ben: Brünn­hil­de on the rocks.

Jetzt stellt sich dem fin­di­gen Zu­schau­er, der Wa­g­ners Ring als Zy­klus be­greift, die ent­schei­den­de Fra­ge: Ob Thor­lei­fur Örn Ar­nars­son, der des zer­rupf­ten Karls­ru­her Rin­ges drit­ten Teil „Sieg­fried“in­sze­niert, sich die­se Wal­kü­re ein we­nig frü­her an­schau­en geht als Yu­val Sha­ron „Das Rhein­gold“? Denn das ist na­tür­lich ei­ne Vor­la­ge. Der im Mo­ment noch im Bau­che Sieg­lin­dens wei­len­de Sieg­fried wird nicht nur das Feu­er durch­schrei­ten, son­dern zu­sätz­lich das Eis zum Schmel­zen brin­gen müs­sen um Brünn­hil­de wach­zu­küs­sen. Das Eis hat na­tür­lich den Vor­teil, dass sei­ne Brünn­hil­de bis zur Be­frei­ung nicht al­tert. Und es ist die ein­zi­ge Klam­mer zum vor­aus­ge­gan­ge­nen Rhein­gold. Aber ver­ges­sen wir das lie­ber. Der neue Karls­ru­her Ring will Viel­falt, nicht Strin­genz.

Stars des Abends sind Jus­tin Brown, das Orches­ter und ei­ne her­aus­ra­gen­de Ewa Wolak als Fri­cka. Der Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor zeigt ein­mal mehr sein groß­ar­ti­ges Ge­spür, Wa­g­ners tief­grün­di­ge Par­ti­tur ge­konnt zu durch­leuch­ten und er fin­det dies­mal die per­fek­te Ba­lan­ce zwi­schen Kraft, die den Ge­sang nie­mals über­flu­tet, und zar­ter Far­big­keit. Wolak gibt ih­rer Fri­cka mit gro­ßem dra­ma­ti­schem Vo­lu­men und glü­hen­dem Tim­bre In­brunst und Kom­pro­miss­lo­sig­keit. Re­na­tus Mes­zar hin­ge­gen kann weit mehr Far­ben auf­bie­ten als an die­sem Abend, sein Wo­tan wirkt bei­na­he dis­tan­ziert. Hei­di Mel­ton über­zeugt als Brünn­hil­de in der Mit­tel­la­ge, vie­le Hö­hen je­doch drif­ten ihr aus der Kon­trol­le.

Ein ab­so­lut über­zeu­gen­des De­büt am Staats­thea­ter gibt Ka­the­ri­ne Bro­de­rick als Sieg­lin­de mit ih­rem vo­lu­mi­nö­sen, be­weg­li­chen und far­bi­gen So­pran. Sieg­lin­de als Kind wird von El­la Schwarz so ent­zü­ckend ge­spielt wie der klei­ne Sieg­mund von Nils Cor­des. Avtan­dil Kas­pe­li ist als Hun­ding dies­mal nicht auf der Hö­he und kämpft mit In­to­na­ti­ons-und Text­schwie­rig­kei­ten. Pe­ter Wedd als Sieg­mund er­freut im ers­ten Akt mit wun­der­vol­ler Phra­sie­rung, doch ver­liert sei­ne far­ben­rei­che Stim­me im Lau­fe des Abends an Kraft. Isa­bel Step­peler

i Termine

Nächs­te Vor­stel­lun­gen am 18. De­zem­ber und 11. Fe­bru­ar (Ga­la) ab 16 Uhr, am 6. Ja­nu­ar, 4. März und 15. April ab 17 Uhr im Ba­di­schen Staats­thea­ter.

BERG­WACHT ODER MÜLL­AB­FUHR? Mit den Ko­s­tü­men des Wal­kü­ren-En­sem­bles ist im drit­ten Akt per Fall­schirm op­ti­sche Er­fri­schung vom Him­mel ge­fal­len. Auf dem ei­si­gen Wal­kü­ren­fel­sen thront Wo­tan (Re­na­tus Mes­zar). Fo­to: Falk von Trau­ben­berg

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