Mit der Keu­le ins Schlaf­zim­mer

Na­tio­nal­thea­ter Mann­heim: Ni­gel Lo­wery in­sze­niert Hän­dels „Her­cu­les“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR - i Termine Nächs­te Auf­füh­run­gen am 28. De­zem­ber, 7., 20., 26. Ja­nu­ar, je­weils 19.30 Uhr. – www.na­tio­nal­thea­ter-mann­heim.de

Ein Opern­un­ter­neh­men nach dem an­de­ren war ge­schei­tert. Fast drei Jahr­zehn­te hat­te Hän­del das Lon­do­ner Opern­le­ben do­mi­niert. Er war Ge­schäfts­mann ge­nug, um die Zei­chen der Zeit zu er­ken­nen und recht­zei­tig auf ein neu­es Pro­dukt zu set­zen: Mit sei­nen Ora­to­ri­en führ­te er im Grun­de sein Opern­schaf­fen fort, ins­be­son­de­re in den eng­lisch­spra­chi­gen welt­li­chen Mu­sik­dra­men „Her­cu­les“und „Se­me­le“.

„Her­cu­les“, der be­reits in den 1920er Jah­ren zu den ers­ten Re­vi­ta­li­sie­rungs­ver­su­chen der von Göt­tin­gen aus­ge­hen­den Hän­del-Be­schäf­ti­gung ge­hör­te, kam nun am Na­tio­nal­thea­ter­thea­ter Mann­heim in ei­ner Ins­ze­nie­rung von Ni­gel Lo­wery her­aus. Lo­wery, der nicht nur an Co­vent Gar­den den „Ring“als Co­mic ab­ge­han­delt und mit sei­nem „Gi­ulio Cesa­re“-Di­no­sau­ri­er dem da­mit aus­ge­lös­ten Münch­ner Hän­del-Hy­pe ein Lo­go ge­ge­ben hat­te, lässt sich vom dunk­len Ei­fer­suchts­dra­ma des „Her­cu­les“we­nig in­spi­rie­ren, wo er im Tra­gi­schen und Er­ha­ben nur sel­ten das Lä­cher­li­che und Tri­via­le auf­spü­ren kann.

Nicht der Held der sprich­wört­li­chen zwölf Ta­ten steht im Mit­tel­punkt von Hän­dels „mu­si­cal dra­ma“, son­dern der Gat­te, der nach zwölf­jäh­ri­ger Ab­we­sen­heit zwar als Kriegs­mann auf dem Pferd zu­rück­kehrt, im Schlaf­zim­mer aber rasch zum keu­len­schwin­gen­den Schlaf­hem­den-Ham­pel zu­sam­men­schrumpft, und mehr noch sei­ne Gat­tin De­ja­ni­ra, die in der von ihm mit­ge­führ­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen Io­le, wel­che von der hoch­nä­si­gen Hof­ge­sell­schaft gleich in die Rol­le der Be­die­ne­rin ge­drängt wird, sei­ne Ge­lieb­te ver­mu­tet. Im Drei­ak­ter, der auch als frü­he Stu­die über Hys­te­rie durch­ge­hen könn­te, stei­gert sich De­ja­ni­ra in ra­sen­de Ei­fer­sucht und will den Gat­ten un­be­dingt zu­rück­ha­ben. Doch der Ver­such, sei­ne Lie­be mit ei­nem Zau­ber­kit­tel zu­rück­zu­ge­win­nen, den ihr der Zen­taur Nes­sus schenk­te, schlägt fehl: Das Tuch ist mit Gift ge­tränkt. Her­ku­les stirbt, De­ja­ni­ra wird wahn­sin­nig, Sohn Hyl­lus kriegt Io­le.

In Mann­heim steigt der to­te Held in ei­ner Pers­hing vom Typ Her­cu­les zu den Göt­tern in den Thea­ter­him­mel auf. Das Thea­ter hat­te Lo­wery als hoch­mit­tel­al­ter­li­che Pa­pier­burg mit ei­nem Kreuz­gang wie aus Bil­der­buch­vor­la­gen aus­ge­schnit­ten und schnee­be­deck­ten Zin­nen auf die Büh­ne ge­stemmt, mit Ge­lehr­ten und Ärz­ten, der herb sin­gen­den Lu­do­vica Bel­lo als hoch auf­ge­schos­se­nem Scho­lar, ei­ner pit­to­res­ken Hof­ge­sell­schaft mit Da­men im adret­ten go­ti­schen Fal­ten­wurf und ei­nem Her­cu­les in Rüs­tung, der am ge­bra­te­nen Wild­schwein her­um­sä­belt und im Frau­en­gewand do­mes­ti­ziert wird. Witz und Iro­nie, Lo­wer­ys Mar­ken­zei­chen, blit­zen nur ge­le­gent­lich auf, statt­des­sen gibt es ein vom Pu­bli­kum mit rat­lo­ser Er­ge­ben­heit hin­ge­nom­me­nes Steh­thea­ter. Er­schüt­te­rung lässt Eun­ju Kwon spü­ren, wenn sie als Io­le in ei­ner von Ac­com­pa­gna­to-Re­zi­ta­tiv zu af­fekt­ge­la­de­ner Schlum­me­rarie wech­seln­den Sze­ne vom Tod ih­res Va­ters be­rich­tet, da­bei ei­nen kind­li­chen kla­ren, ly­ri­schen So­pran hö­ren lässt, mit dem sie die zu­nächst et­was au­to­ma­ten­haft starr ab­ge­wi­ckel­ten Ko­lo­ra­tu­ren im zwei­ten Teil auch fa­bel­haft si­cher setzt.

Die Ra­se­rei und Ver­ir­rung der De­ja­ni­ra zeich­ne­te Ma­ry-El­len Ne­si mit dun­kel vi­bra­to­rei­chem, aber in ih­rer letz­ten Sze­ne auch in dra­ma­ti­sche So­pran­re­gio­nen stei­gen­dem Mez­zo­so­pran kom­pe­tent nach. Tho­mas Berau gab dem Her­ku­les bass­ba­ri­to­na­les Steh­ver­mö­gen, als sein Sohn Hyl­lus konn­te sich der wa­cker sin­gen­de Da­vid Lee kaum ge­gen sein Out­fit mit lä­cher­li­cher Stram­pel­ho­se und auf­ge­papp­ter Pe­rü­cke be­haup­ten. Bern­hard Forck steu­er­te das mit mo­der­nen und his­to­ri­schen In­stru­men­ten be­setz­te Orches­ter und den vor­züg­li­chen Chor mit Um­sicht in klas­si­zis­ti­sche Ge­fil­de. Ein Hän­del-Boom ist hier­durch nicht zu er­war­ten. Ni­ko­laus Schmidt

VERFÄLLT DER EI­FER­SUCHT: Her­cu­les’ Gat­tin De­ja­ni­ra (Ma­ry-El­len Ne­si) fürch­tet, dass ihr Mann sich ei­ne Kriegs­ge­fan­ge­ne als Ge­lieb­te hält. Fo­to: Mi­chel

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