Das In­ter­net „er­tas­ten“

Neu­es Dis­play für Seh­ge­schä­dig­te er­mög­licht Teil­ha­be an di­gi­ta­ler Welt

Pforzheimer Kurier - - WISSENSCHAFT -

Karls­ru­he (BNN). Nach An­ga­ben der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on gab es 2014 welt­weit rund 285 Mil­lio­nen Seh­ge­schä­dig­te. Die glo­bal zu­neh­men­de Kom­mu­ni­ka­ti­on und In­for­ma­ti­ons­ver­mitt­lung über PC und In­ter­net stellt sie vor gro­ße Pro­ble­me. Nun je­doch hat die Karls­ru­her Ma­schi­nen­bau­in­ge­nieu­rin Eli­sa­beth Wil­helm im Rah­men ih­rer Pro­mo­ti­on am KIT den Pro­to­typ ei­nes Dis­plays ent­wi­ckelt, das Com­pu­ter­bil­der und -gra­fi­ken in für Blin­de und stark Seh­ge­schä­dig­te er­tast­ba­re hap­ti­sche Mus­ter um­wan­deln kann. Sie er­hal­ten da­mit un­ter an­de­rem Zu­gang zu gra­fik­ba­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­for­men im In­ter­net – Be­rei­che, die ih­nen bis­lang ver­schlos­sen blie­ben. Für ih­re Dis­play-Er­fin­dung wur­de Eli­sa­beth Wil­helm mit dem Deut­schen Stu­di­en­preis 2016 in der Sek­ti­on Na­tur- und Tech­nik­wis­sen­schaf­ten aus­ge­zeich­net.

Zwar kön­nen Men­schen, die über ein Rest­seh­ver­mö­gen ver­fü­gen, Bild­schir­min­hal­te teils noch mit Pro­gram­men er­ken­nen, die wie Lu­pen wir­ken. Stark Seh­ge­schä­dig­ten und Blin­den hin­ge­gen bleibt in der Re­gel nur die Op­ti­on, sich Com­pu­ter­tex­te via Sprach­aus­ga­be vor­le­sen zu las­sen; Fo­tos, Bil­der und Gra­fi­ken kön­nen sie über­haupt nicht er­ken­nen. Ei­ne Not­lö­sung lie­fern – sehr teu­re – Spe­zi­al­dru­cker, die Com­pu­ter­bil­der als tak­ti­le Gra­fi­ken aus­ge­ben. Die­se be­ste­hen aus win­zi­gen Punk­ten, die drei­di­men­sio­nal aus dem Bild her­aus­ra­gen und da­mit er­tast­bar sind. Sol­che „Ta­xel“sind das hap­ti­sche Ge­gen­stück zu op­ti­schen „Pi­xeln“.

Für die In­ter­net-Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­wen­den stark Seh­ge­schä­dig­te meist ein­zei­li­ge Braille­dis­plays. Die­se stel­len Buch­sta­ben im Co­de von Lou­is Braille dar, dem Er­fin­der der Blin­den­schrift. Je­der Buch­sta­be wird da­bei durch sechs Ta­xel co­diert, die ähn­lich wie die „Au­gen“ei­nes Wür­fels an­ge­ord­net sind. Ein Nach­teil die­ser ein­zei­li­gen Braille­dis­plays ist, dass sie nur Buch­sta­ben dar­stel­len kön­nen, nicht je­doch Gra­fi­ken.

Zwar ha­ben Fir­men schon ers­te Mo­ni­to­re ent­wi­ckelt, die auch ein­fa­che Gra­fi­ken in Ta­xel-Form dar­stel­len kön­nen. „Die­se sind je­doch mit ei­nem Preis von rund 50 000 Eu­ro für die meis­ten Seh­ge­schä­dig­ten un­er­schwing­lich“, kri­ti­siert Wil­helm. Um ein op­ti­ma­les Braille­dis­play zu ent­wi­ckeln, hat Eli­sa­beth Wil­helm zu Be­ginn ih­rer Ar­beit 69 Per­so­nen – Seh­ge­schä­dig­te und de­ren Be­treu­er – be­fragt, wel­che Ei­gen­schaf­ten und wel­chen Preis ein sol­ches Dis­play ha­ben soll­te. Er­geb­nis: Es soll­te un­ter 3 000 Eu­ro kos­ten, in et­wa die Flä­che ei­nes DIN-A4-Blatts oder grö­ße­ren Ta­ble­tPCs ha­ben, leicht und mo­bil nutz­bar sein und für den Auf­bau ei­nes Ta­xel-Bil­des höchs­tens zehn Se­kun­den be­nö­ti­gen. Die Ta­xel soll­ten im glei­chen Ab­stand an­ge­ord­net sein. Da Ta­xel per DINNorm 1,3 Mil­li­me­ter groß sein müs­sen, pas­sen auf die ge­wünsch­te Flä­che ma­xi­mal 9 000 Ta­xel.

Mit die­sen Vor­ga­ben be­gann die For­sche­rin mit der Ent­wick­lung ih­res Pro­to­typs: Er be­steht aus ei­nem Plas­ti­k­qua­der, der von ei­nem mit Was­ser ge­füll­ten Ka­nal­sys­tem durch­zo­gen ist. In die Ober­flä­che des Qua­ders sind win-

Deut­scher Stu­di­en­preis für Eli­sa­beth Wil­helm

zi­ge Lö­cher für die Ta­xel ge­bohrt. In je­dem Loch en­det ei­ner der Was­ser­ka­nä­le. Au­ßen sind die Lö­cher mit ei­ner fle­xi­blen Mem­bran über­spannt, die als Dis­play­fo­lie dient. Die Ka­nä­le sind am je­weils an­de­ren En­de mit ei­ner Sprit­zen­pum­pe ver­bun­den. Wird die­se ein­ge­schal­tet, pumpt sie Was­ser durch die Ka­nä­le. Der Was­ser­druck wölbt die Dis­play­mem­bran je­weils zu ei­nem Ta­xel auf. „Auf die­se Wei­se kön­nen aber nur al­le Ta­xel gleich­zei­tig ein und aus­ge­schal­tet wer­den“, so Wil­helm. „Die nächs­te Her­aus­for­de­rung be­stand da­rin, die Ta­xel ge­zielt ein­zeln zu ak­ti­vie­ren.“Da­zu füg­te sie an der Dis­play­sei­te je­des Was­ser­ka­nals ein kur­zes, mit Wachs ge­füll­tes Schlauch­stück ein. Mit die­sem Wachs-„Pfrop­fen“wird der Ka­nal ver­schlos­sen: Auch wenn die Pum­pe pumpt, kann sich das Ta­xel nicht mehr auf­wöl­ben.

„Wir ha­ben da­mit“, so Wil­helm, „ein kos­ten­güns­ti­ges Braille­dis­play ent­wi­ckelt, das auch des­halb ein ho­hes Markt­po­ten­zi­al hat, weil es genau auf die Be­dürf­nis­se der Seh­be­hin­der­ten zu­ge­schnit­ten ist.“

HOFF­NUNG IN SICHT: Eli­sa­beth Wil­helm hat ei­ne kos­ten­güns­ti­ge Dis­play-Tech­nik ent­wi­ckelt, die Men­schen mit Seh­schwä­che die Teil­ha­be an ei­ner zu­neh­mend bild­las­ti­gen di­gi­ta­len Welt er­mög­licht. Fo­tos: pr

EIN BRINGER IN BLOCKFORM: Der Pro­to­typ des hap­ti­schen Mo­ni­tors von Eli­sa­beth Wil­helm be­steht aus ei­nem Plas­ti­k­qua­der, der von ei­nem mit Was­ser ge­füll­ten Ka­nal­sys­tem durch­zo­gen ist.

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