Der deut­sche Club in Straß­burg

Die Chefs der wich­tigs­ten Frak­tio­nen im EU-Par­la­ment hö­ren auf Ber­li­ner Kom­man­do

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­kus Gra­bitz Man­fred We­ber Ga­bi Zim­mer Da­ni­el Cas­pa­ry

Straß­burg/Brüs­sel. Wer ist was? Wer wird was? Wo­her, aus wel­chem Mit­glieds­staat? Das sind die wich­ti­gen „W“-Fra­gen in den drei EU-In­sti­tu­tio­nen. Hier setzt sich zwar zu­se­hends Eng­lisch als Ge­brauchs­spra­che un­ter Ab­ge­ord­ne­ten, Mit­ar­bei­tern und Be­am­ten durch. Doch die na­tio­na­le Her­kunft spielt bei Pos­ten­be­set­zun­gen im­mer noch ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Nicht nur im EU-Kos­mos von Brüs­sel und Straß­burg. Auch den na­tio­na­len Re­gie­run­gen ist es wich­tig: Ein Lands­mann an wich­ti­ger Po­si­ti­on ist viel wert. Es geht um Ein­fluss auf die Ge­setz­ge­bung. Man er­hofft sich In­for­ma­tio­nen, Kon­tak­te und Zu­gang zu Ent­schei­dungs­trä­gern.

Wie ist Deutsch­land in Brüs­sel auf­ge­stellt? Er­staun­li­cher- wei­se bie­ten die drei In­sti­tu­tio­nen – Kom­mis­si­on, Mi­nis­ter­rat und Par­la­ment – je ein an­de­res Bild. Klar, je­des Mit­glieds­land, und sei es noch so klein, stellt ei­nen Kom­mis­sar. Ab­ge­se­hen da­von sind Deut­sche in der Kom­mis­si­on, die so et­was wie der Re­gie­rungs­ap­pa­rat der EU ist, eher durch­schnitt­lich ver­tre­ten. Im Mi­nis­ter­rat drü­ben auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te, dem Gre­mi­um der Mit­glieds­län­der, gibt es nur ei­nen ein­zi­gen Deut­schen mit ei­nem Spit­zen­job. Da­für sind die 96 deut­schen Ab­ge­ord­ne­ten im Par­la­ment über­pro­por­tio­nal gut mit Lei­tungs­funk­tio­nen be­dacht. Im­mer wie­der wer­den die Deut­schen des­we­gen kri­tisch be­äugt. Zu­mal in die­sen Ta­gen: Die Hälf­te der Wahl­pe­ri­ode im Eu­ro­pa­par­la­ment ist vor­bei. Jetzt ste­hen par­la­ments­in­tern vie­le Wah­len an. Es ent­schei­det sich da­bei, wer was wird, ob ein Ab­ge­ord­ne­ter bis zur nächs­ten Eu­ro­pa­wahl Hin­ter­bänk­ler ist oder Strip­pen­zie­her. Der­zeit sieht es zwar nicht so aus, was sich auch ges­tern Abend be­stä­tigt hat, näm­lich dass EVP-Frak­ti­ons­chef Man­fred We­ber nicht als Kan­di­dat für de nEU-Par­la­ments prä­si­den­ten­pos­ten an­tritt. Da­für schickt die EVP-Frak­ti­on nun den Ita­lie­ner An­to­nio Ta­ja­ni ins Ren­nen, um sich für die Nach­fol­ge des schei­den­den Par­la­ments prä­si­den­ten Mar­tin Schulz (SPD) zu be­wer­ben. Fünf Jah­re Schulz, da­vor der Po­le Jer­zy Bu­zek, da­vor mit Hans-Gert Pöt­te­ring ein Deut­scher. Nun kommt mit der ita­lie­ni­schen Personalie be­stimmt kein Un­mut auf. Recht weit oben an der Spit­ze des Par­la­men­tes steht mit Rai­ner Wie­land (CDU) be­reits ein Po­li­ti­ker aus Ba­den-Würt­tem­berg. Wie­land ist ei­ner von 14 Vi­ze-Prä­si­den­ten des Eu­ro­pa-Par­la­men­tes. Der FDPAu­ßen­po­li­tik-Ex­per­te Alex­an­der Graf Lambs­dorff hat die­ses Amt eben­falls in­ne.

Wie in al­len an­de­ren Volks­ver­tre­tun­gen sind die Fr akt ions chefs die ein­fluss­reichs­ten Ab­ge­ord­ne­ten. Sie müs­sen Mehr­hei­ten or­ga­ni­sie­ren, sie müs­sen die gro­ßen Li­ni­en fest­le­gen. Die Chefs der wich­tigs­ten Frak­tio­nen im Eu­ro­pa­par­la­ment bil­den schon ei­nen recht deut­schen Club: Vier von den sechs größ­ten Frak­tio­nen hö­ren auf deut­sches Kom­man­do. Da lei­tet der baye­ri­sche Christ­so­zia­le We­ber die größ­te Frak­ti­on, die die Eu­ro­päi­sche Volks­par­tei (EVP) mit ih­ren 215 Ab­ge­ord­ne­ten stellt. Die So­zia­lis­ten ha­ben zwar mit Gi­an­ni Pi­tel­la ei­nen Ita­lie­ner an der Spit­ze der 189 Ab­ge­ord­ne­ten. Doch wenn es in den ver­gan­ge­nen zwei­ein­halb Jah­ren eng wur­de, muss­te stets sein Vor­gän­ger Mar­tin Schulz kom­men und da­für sor­gen, dass nichts aus dem Ru­der läuft. De fac­to hat er die Frak­ti­on ge­führt.

Die Thü­rin­ge­rin Ga­bi Zim­mer lei­tet die Linken im Par­la­ment, die 52 Sit­ze er­obert ha­ben. Und bei den Grü­nen stand bis­her Re­bec­ca Harms aus dem nie­der­säch­si­schen Wend­land an der Spit­ze. Zu­sam­men mit dem Bel­gi­er Phil­ip­pe Lam­berts. Ges­tern Abend wur­de dann für Harms, die sich zu­rück ge­zo­gen hat, die nächs­te Deut­sche in die ers­te Rei­he ge­wählt: die Bran­den­bur­ger in Fran­zis­ka Kel­ler. Die Ge­setz­ge­bung s ar­beit wird in den stän­di­gen Aus- schüs­sen vor­an­ge­trie­ben. Im Eu­ro­pa­par­la­ment gibt es 20 Aus­schüs­se. Fünf da­von wer­den von deut­schen Ab­ge­ord­ne­ten ge­lei­tet. Die Ba­den-Würt­tem­ber­ge­rin In­ge­borg Gräss­le (CDU) lei­tet den wich­ti­gen Haus­halts­kon­troll­aus­schuss. Eu­ro­paUr­ge­stein El­mar Brok (CDU) sitzt dem Aus­wär­ti­gen Aus­schuss vor, die SPD stellt mit Bernd Lan­ge den Chef im eben­so wich­ti­gen Han­dels­aus­schuss, der Grü­ne Micha­el Cra­mer hat den Vor­sitz im Ver­kehrs aus­schuss und Tho­mas Hän­del für die Linke lei­tet den Aus­schuss für So­zia­les und Be­schäf­ti­gung.

In der Ebe­ne dar­un­ter wird es um­so span­nen­der. Je­de Frak­ti­on be­nennt Spre­cher für die je­wei­li­gen Aus­schüs­se. Hier zeigt sich, dass die deut­schen Ab­ge­ord­ne­ten ei­nen gro­ßen Ein­fluss auf die Sach­ar­beit im Par­la­ment ha­ben. Bei den Frak­ti­ons­spre­chern lau­fen die wich­tigs­ten Fä­den bei der Ge­setz­ge­bung zu­sam­men. Sie ent­schei­den et­wa, wel­che Än­de­rungs­an­trä­ge ver­ab­schie­det wer­den. Sie ha­ben da­mit ei­ne ein­fluss­rei­che und span­nen­de Auf­ga­be. Es gilt für al­le wich­ti­gen Frak­tio­nen, von bür­ger­lich bis links: An die­sen Schlüs­sel­stel­len sit­zen auf­fäl­lig vie­le Deut­sche. Die­se Top-Jobs der Frak­tio­nen wer­den nicht nach Län­der­pro­porz ver­ge­ben, hier gilt das freie Spiel der Kräf­te in der Frak­ti­on. Wenn sich so vie­le Deut­sche hier durch­set­zen, heißt es vor al­lem eins: dass sie bei ih­ren Kol­le­gen aus an­de­ren EUStaa­ten ei­nen gu­ten Ruf ge­nie­ßen.

Zu die­sem Per­so­nen­kreis ge­hört der Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te Da­ni­el Cas­pa­ry aus Wein­gar­ten. Seit 2009 ist er der Ko­or­di­na­tor der EVP-Frak­ti­on im Aus­schuss für In­ter­na­tio­na­len Han­del. Bei Han­dels­fra­gen ist er da­mit Haupt­an­sprech­part­ner der größ­ten Frak­ti­on im Par­la­ment. Für die­ses En­ga­ge­ment wur­de er kürz­lich von der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on „Vo­te­watch Eu­ro­pa“auf Platz zwei der ein­fluss­reichs­ten Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ten in Han­dels­the­men ge­wählt. Ges­tern nun ist das EU-Par­la­ment ei­ner wei­te­ren Initia­ti­ve Cas­pa­rys ge­folgt, in­dem es über ei­ne weit­ge­hen­de Ve­rän­de­run­gen der Ge­schäfts­ord­nung ab­ge­stimmt hat. Als we­sent­li­cher Be­stand­teil wur­den da­bei die An­fra­gen an die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on re­for­miert. Die Aus­übung der Kon­troll­funk­ti­on ge­gen­über der Kom­mis­si­on wird da­durch we­sent­lich ver­ein­facht und ex­ak­ter. Für das Zu­sam­men­spiel zwi­schen Par­la­ment und Kom­mis­si­on be­deu­tet die Re­form deut­lich hö­he­re Ef­fi­zi­enz und ei­ne Fo­kus­sie­rung auf das We­sent­li­che.

EIN KOS­MOS FÜR SICH ist das EU-Par­la­ment in Straß­burg. Hier spielt bei der Pos­ten­be­set­zung die Na­tio­na­li­tät ei­ne gro­ße Rol­le. Ein Lands­mann in ei­ner wich­ti­gen Po­si­ti­on ist von gro­ßem Nut­zen. Je­den­falls kön­nen sich die Deut­schen nicht be­kla­gen. Sie be­set­zen vie­le Schlüs­sel­po­si­tio­nen in Straß­burg. Fo­tos: dpa

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