Wie geht es jetzt in Sy­ri­en wei­ter?

Mit dem Rü­cken zur Wand ge­hen die Re­bel­len in Alep­po ei­nen De­al mit dem Re­gime in Da­mas­kus ein

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Da­mas­kus. Lan­ge galt Alep­po als die am hef­tigs­ten um­kämpf­te Stadt im sy­ri­schen Bür­ger­krieg. Der an­ge­kün­dig­te Ab­zug der Re­bel­len könn­te ein Wen­de­punkt in dem jah­re­lan­gen Kon­flikt wer­den. Un­ser Mit­ar­bei­ter Si­mon Kre­mer be­ant­wor­tet die wich­tigs­ten Fra­gen da­zu.

War­um wird der Kampf um Alep­po so er­bit­tert ge­führt?

Alep­po hat sich zu ei­nem Sym­bol in dem mehr als fünf Jah­re an­dau­ern­den Bür­ger­krieg ent­wi­ckelt. Fast seit Be­ginn der Kämp­fe war die Stadt ge­teilt: Das Re­gime kon­trol­lier­te die west­li­chen Stadt­vier­tel, Re­bel­len den Os­ten. Alep­po ist die größ­te Stadt im Nor­den Sy­ri­ens und war vor dem Krieg ei­ne wich­ti­ge Han­dels­me­tro­po­le.

Wel­che stra­te­gi­sche Be­deu­tung hat Alep­po?

Mit dem end­gül­ti­gen Sieg über die Re­bel­len in Ost-Alep­po wür­de der Spiel­raum der sy­ri­schen Ar­mee und ih­rer Ver­bün­de­ten enorm wach­sen. Ein ent­schei­den­des Schlacht­feld fällt weg, die Ar­mee kann sich dann auf die an­de­ren Fron­ten im Land kon­zen­trie­ren. Der Kampf um Alep­po hat vie­le Kräf­te ge­bun­den. Zu­dem kon­trol­liert das Re­gime nach dem Ab­zug der Re­bel­len wie­der ei­ne wich­ti­ge Ach­se von Nord­sy­ri­en Rich­tung Sü­den bis in die Haupt­stadt Da­mas­kus.

Wel­che sym­bo­li­sche Be­deu­tung hat der an­ge­kün­dig­te Ab­zug für As­sad?

Mit der voll­stän­di­gen Rück­er­obe­rung Alep­pos hät­te Macht­ha­ber Ba­schar al-As­sad wie­der al­le wich­ti­gen Groß­städ­te im Land un­ter Kon­trol­le. An­ge­fan­gen von Alep­po im Nor­den über Homs bis zur Haupt­stadt Da­mas­kus wür­de die Ar­mee dann wie­der die Ge­bie­te Sy­ri­ens kon­trol­lie­ren, in de­nen die meis­ten Men­schen le­ben. Die kom­plet­te Ein­nah­me ei­ner Me­tro­po­le, die fast fünf Jah­re lang hef­tig um­kämpft war, wä­re ei­ne De­mons­tra­ti­on der Macht As­sads – trotz der Hil­fe durch Sy­ri­ens Ver­bün­de­te.

Wie wich­tig war das Ein­grei­fen Russ­lands?

Die Front zwi­schen Ost- und Wes­tAlep­po war lan­ge Zeit fast sta­tisch. Erst mit dem Ein­grei­fen Mos­kaus und der Luft­un­ter­stüt­zung durch die rus­si­sche Ar­mee ver­scho­ben sich die Front­ver­läu­fe in­ner­halb der Stadt­gren­zen. Wie ver­wund­bar die Ar­mee von Sy­ri­ens Prä­si­dent Ba­schar al-As­sad oh­ne die Un­ter­stüt­zung sei­ner Ver­bün­de­ten Russ­land und der schii­ti­schen His­bol­lah ist, hat der über­ra­schen­de Ein­marsch der IS-Ter­ror­mi­liz in der zu­vor von Re­gie­rungs­trup­pen be­herrsch­ten an­ti­ken Stadt Pal­my­ra in Zen­tral­sy­ri­en ge­zeigt.

Könn­te der Fall Alep­pos ein bal­di­ges En­de des Bür­ger­krie­ges be­deu­ten?

Zie­hen die Re­bel­len tat­säch­lich ab, wä­re der Sieg über die Auf­stän­di­schen in Alep­po si­cher­lich ein Wen­de­punkt in dem an­dau­ern­den Krieg; des­sen En­de be­deu­tet das aber noch lan­ge nicht. Die Ter­ror­mi­liz IS kon­trol­liert wei­ter grö­ße­re Ge­bie­te in Zen­tral- und Ost­sy­ri­en. Ver­schie­de­ne Re­bel­len­grup­pen hal­ten Ge­bie­te in länd­li­che­ren Re­gio­nen. Un­ter die­sen Grup­pen – von mo­de­ra­ten bis zu is­la­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen – könn­ten sich neue Bünd­nis­se er­ge­ben. Zu­dem könn­ten ein­zel­ne Grup­pen da­zu über­ge­hen, ge­zielt An­schlä­ge zu ver­üben.

DER KAMPF UM ALEP­PO hat Spu­ren hin­ter­las­sen: Die einst pracht­vol­le Han­dels­me­tro­po­le hat sich in ei­ne Rui­nen­stadt ver­wan­delt. Fo­to: AFP

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