Ein dop­pel­tes Si­gnal

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - MAR­TIN FERBER

Wie si­cher ist Af­gha­nis­tan? Das ist, wie so vie­les in der Po­li­tik, ei­ne Fra­ge der Sicht­wei­se und des Stand­punk­tes. Rein for­mal er­füllt das Land am Hin­du­kusch et­li­che Kri­te­ri­en, um als si­cher zu gel­ten, je­den­falls so si­cher, dass aus Sicht der Bun­des­re­gie­rung ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber be­den­ken­los ab­ge­scho­ben wer­den kön­nen. Das Land ist ei­ne Re­pu­blik mit ei­nem frei ge­wähl­ten Prä­si­den­ten und ei­nem aus frei­en Wah­len her­vor­ge­gan­ge­nen Par­la­ment, die Ver­fas­sung sieht die Gleich­be­rech­ti­gung der An­ge­hö­ri­gen al­ler Re­li­gio­nen und eth­ni­schen Grup­pen so­wie der Ge­schlech­ter vor. Ei­ne Ver­fol­gung aus po­li­ti­schen Grün­den fin­det nicht statt.

Tat­säch­lich aber ist die Men­schen­rechts­la­ge äu­ßerst schlecht. Fol­ter und Miss­hand­lun­gen in den Ge­fäng­nis­sen sind an der Ta­ges­ord­nung, die To­des­stra­fe wird noch im­mer voll­zo­gen, die ra­di­kal­is­la­mi­schen Ta­li­ban ver­brei­ten in wei­ten Tei­len des Lan­des Angst und Schre­cken. Die Kor­rup­ti­on ist hoch, die Wirt­schaft liegt dar­nie­der, un­ver­än­dert zählt Af­gha­nis­tan zu den ärms­ten Län­dern der Welt oh­ne Per­spek­ti­ve für die Men­schen. Gleich­wohl be­ginnt die

Bun­des­re­gie­rung mit den Sam­mel­ab­schie­bun­gen von ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern nach Af­gha­nis­tan, in Frank­furt star­te­te ges­tern ein Flug­zeug mit 50 Af­gha­nen an Bord, die in ih­re Hei­mat zu­rück­ge­bracht wur­den. Ei­ne um­strit­te­ne Maß­nah­me. Doch Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re will ein dop­pel­tes Si­gnal aus­sen­den: Nach au­ßen an die Aus­rei­se­wil­li­gen in Af­gha­nis­tan, dass sich ei­ne Flucht nach Deutsch­land nicht lohnt. Nach in­nen, dass die Re­gie­rung kon­se­quent ge­gen ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber vor­geht und il­le­ga­le Mi­gra­ti­on nicht dul­det.

Im Ge­gen­zug er­hält die af­gha­ni­sche Re­gie­rung Geld vom Wes­ten, um das Land zu ent­wi­ckeln. Ein De­al, der al­len Be­tei­lig­ten nüt­zen soll. Und doch spricht we­nig da­für, dass die Rech­nung auf­geht. Kurz­fris­tig sind die Men­schen weg, die Bun­des­re­gie­rung kann kurz vor Jah­res­en­de die Ab­schie­be-Sta­tis­tik noch ein we­nig nach oben trei­ben, doch an den grund­sätz­li­chen Pro­ble­men än­dert sich nichts. Wer kann, wird Af­gha­nis­tan wie­der ver­las­sen, weil das Land sei­nen Bür­gern nichts zu bie­ten hat au­ßer Ter­ror, Ver­fol­gung, Not und Ar­mut.

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