Ein­spruch aus Karls­ru­he

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt stoppt vor­erst Ab­schie­bung ei­nes 29-Jäh­ri­gen nach Af­gha­nis­tan

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von To­bi­as Roth und Mar­tin Ferber

Karls­ru­he/Ber­lin. Ei­gent­lich woll­te die Bun­des­re­gie­rung ges­tern Abend zum ers­ten Mal ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber aus Af­gha­nis­tan mit ei­nem Char­ter­flug­zeug vom Flug­ha­fen Frank­furt/Main aus in ih­re Hei­mat zu­rück­flie­gen – trotz mas­si­ver Pro­tes­te von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen und Flücht­lings­in­itia­ti­ven so­wie den Op­po­si­ti­ons­par­tei­en im Bun­des­tag. Doch ganz nach Plan ver­lief die Ak­ti­on nicht. Ei­ner der Be­trof­fe­nen darf vor­erst in Deutsch­land blei­ben. Denn

Wie si­cher ist Af­gha­nis­tan?

das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt un­ter­sag­te kurz vor dem Start der Ma­schi­ne ges­tern Abend die Ab­schie­bung ei­nes 29-jäh­ri­gen Af­gha­nen. Das Ge­richt be­grün­de­te die An­ord­nung ges­tern Abend mit den „be­son­de­ren Um­stän­den des Ein­zel­falls“und be­ton­te aus­drück­lich, dass da­mit die Fra­ge, ob an­ge­sichts der ak­tu­el­len La­ge in Af­gha­nis­tan Ab­schie­bun­gen der­zeit ver­fas­sungs­recht­lich ver­tret­bar sind, noch nicht ent­schie­den sei. Der Mann kön­ne oh­ne wei­te­res zu ei­nem spä­te­ren Ter­min ab­ge­scho­ben wer­den, sein Asyl­ver­fah­ren kön­ne er nach ei­ner Ab­schie­bung da­ge­gen kaum noch fort­füh­ren (Az. 2 BvR 2557/16).

Der Mann lebt seit 2012 in Deutsch­land. Sein Asyl­an­trag wur­de ab­ge­lehnt, der Ab­schluss die­ses Ver­fah­ren liegt be­reits mehr als 30 Mo­na­te zu­rück. Er stell­te des­halb ei­nen Fol­ge­an­trag und be­grün­de­te dies un­ter an­de­rem mit der Ent­wick­lung der Si­cher­heits­la­ge in Af­gha­nis­tan. Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge lehn­te den An­trag ab. Dar­auf­hin wand­te sich der Mann an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Mit der Ent­schei­dung von ges­tern Abend ist sei­ne Ab­schie­bung nun vor­erst ge­stoppt, bis über sei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ent­schie­den ist, „längs­tens je­doch bis zum 26. Ja­nu­ar“, er­klär­te das Ge­richt, das dann auch ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge ge­ben dürf­te, ob Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan der­zeit über­haupt ver­fas­sungs­recht­lich zu­läs­sig sind.

Bay­ern be­stä­tig­te ges­tern Abend die ers­te of­fi­zi­el­le Sam­mel­ab­schie­bung nach Af­gha­nis­tan durch die Bun­des­re­gie­rung. Erst­mals sei­en 34 ab­ge­lehn­te af­gha­ni­sche Asyl­be­wer­ber aus Deutsch­land Rich­tung Ka­bul ge­flo­gen wor­den. „Dar­un­ter be­fan­den sich auch acht Af­gha­nen aus Bay­ern“, er­klär­te Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU). An dem ers­ten Sam­mel­char­ter­flug be­tei­lig­ten sich nach Herr­manns An­ga­ben ne­ben Bay­ern auch Ba­denWürt­tem­berg, Nord­rhein-West­fa­len, Hessen, Ham­burg und das Saar­land. Die Ak­ti­on wur­de hef­tig kri­ti­siert. Grü­nen­Che­fin Si­mo­ne Pe­ter wies dar­auf hin, dass Af­gha­nis­tan der­zeit „ei­nes der ge­fähr­lichs­ten Län­der der Welt“sei und sprach von ei­ner sich stän­dig ver­schlech­tern­den Si­cher­heits­la­ge. „Ei­ne Po­li­tik, die un­ter die­sen er­bärm­li­chen Um­stän­den Flücht­lin­ge in ih­re Hei­mat ab­schiebt, macht sich der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in­di­rekt mit­schul­dig“, warf sie den Ver­ant­wort­li­chen vor. Ähn­lich ar­gu­men­tier­te auch Gün­ter Burk­hardt, der Ge­schäfts­füh­rer von „Pro Asyl“: „Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan sind skru­pel­los und ge­fähr­den Men­schen­le­ben.“Die an­geb­li­chen si­che­ren Ge­bie­te sei­en nicht er­reich­bar, Tau­sen­de To­te, Kampf­hand­lun­gen in 31 von 34 Pro­vin­zen und Hun­dert­tau­sen­de Bin­nen­ver­trie­be­ne sei­en die Rea­li­tät. Die Bun­des­re­gie­rung hält da­ge­gen an ih­rer Auf­fas­sung fest, dass es in Af­gha­nis­tan si­che­re Re­gio­nen und so­mit „in­ter­ne Schutz­al­ter­na­ti­ven“ge­be. So sei­en die Haupt­stadt Ka­bul oder die Re­gi­on Ma­sar-i-Scha­rif im Nor­den, wo einst die Bun­des­wehr sta­tio­niert war, ver­gleichs­wei­se si­cher, zu­dem wür­den auch deut­sche Po­li­zis­ten und Sol­da­ten zur Si­cher­heit im Lan­de bei­tra­gen. Erst im Ok­to­ber hat­te die af­gha­ni­sche Re­gie­rung mit der EU-Kom­mis­si­on ein Ab­kom­men un­ter­zeich­net, in dem sie sich zur Rück­nah­me von ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern be­reit er­klär­te.

MIT EI­NEM CHAR­TER­FLUG­ZEUG wur­den ges­tern 34 ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber aus Af­gha­nis­tan in ihr Hei­mat­land zu­rück­ge­bracht. Es war die ers­te von der Bun­des­re­gie­rung or­ga­ni­sier­te Sam­mel­ab­schie­bung in das Land. Fo­to: dpa

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