Weih­nach­ten für al­le?

Wie Ki­tas in der Re­gi­on mit re­li­giö­ser Viel­falt um­ge­hen

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von Fa­bi­an Busch und Edith Kopf

Karls­ru­he/Pforz­heim. Weih­nachts­lie­der und bi­bli­sche Ge­schich­ten, Plätz­chen ba­cken und der Mor­gen­kreis ne­ben dem Weih­nachts­baum: All das ge­hört zur Vor­weih­nachts­zeit in der evan­ge­li­schen Ki­ta „Kin­der Wi­chern­haus“in Karls­ru­he – auch wenn vie­le Kin­der in ih­ren ei­ge­nen Fa­mi­li­en das Fest gar nicht fei­ern. Sie­ben mus­li­mi­sche Mäd­chen und Jun­gen be­su­chen die Ein­rich­tung, auch de­ren Ge­schwis­ter und Flücht­lings­kin­der ver­brin­gen dort ge­le­gent­lich Zeit. „Sie kom­men bei uns in Kon­takt mit dem Glau­ben. Sie be­ten und fei­ern Got­tes­diens­te mit uns“, sagt Er­zie­he­rin Ute Fa­ba­cher.

Selbst­ver­ständ­lich ist die­ser An­satz nicht. In Schu­len und Kin­der­ta­ges­ein­rich­tun­gen herr­sche bei dem The­ma ei­ne gro­ße Ve­r­un­si­che­rung, sagt Al­bert Bie­sin­ger, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Re­li­gi­ons­päd­ago­gik an der Uni Tü­bin­gen. Es kom­me vor, dass das Weih­nachts- zum Win­ter­fest um­funk­tio­niert wer­de, um mus­li­mi­sche und an­de­re Zu­wan­de­rer­fa­mi­li­en nicht zu ver­prel­len. Bie­sin­ger er­zählt, er ha­be er­lebt, dass Er­zie­he­rin­nen mus­li­mi­sche Kin­der in den Kel­ler zum Turnen schi­cken woll­ten, wenn er in ei­ner Ki­ta den Nikolaus spiel­te. Für Bie­sin­ger ist das nicht nur falsch, son­dern auch un­nö­tig. „Kin­der brau­chen ei­ne re­li­giö­se Grund­gram­ma­tik“, sagt der ka­tho­li­sche Theo­lo­ge. „Es ge­hört zum bil­dungs­po­li­ti­schen Grund­pro­gramm, dass sie ler­nen, wel­che Fes­te Chris­ten, Mus­li­me und Ju­den fei­ern.“

Zeynep Ter­can ge­hört zu den mus­li­mi­schen El­tern, die ih­ren Nach­wuchs in das Karls­ru­her „Kin­der Wi­chern­haus“schi­cken – und die sich da­mit für ei­ne christ­li­che Ki­ta ent­schie­den ha­ben. „Ich fin­de, dass Kin­der schon früh et­was über die ver­schie­de­nen Re­li­gio­nen ler­nen soll­ten“, sagt sie. Auch bei ihr zu Hau­se spie­le Weih­nach­ten ei­ne Rol­le. „Wir fei­ern zwar nicht die Ge­burt von Je­sus, aber wir be­schen­ken uns.“Un­ter dem Bild von Mek­ka an der Wand ste­he dann ein Tan­nen­baum.

„Weih­nach­ten hat vor dem Hin­ter­grund der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik ei­ne ho­he Be­deu­tung.“Das ver­ste­hen Kin­der vor je­dem re­li­giö­sen Hin­ter­grund, sagt Chris­ta Schulz, Lei­te­rin der ka­tho­li­schen Kin­der­ta­ges­stät­te St. Ger­trud in Pforz­heim. Bei ihr wer­den al­le we­sent­li­chen christ­li­chen Fes­te ge­fei­ert – Weih­nach­ten mit Ad­vents­ka­len­der, Plätz­chen ba­cken und Lie­dern. Über die Fei­er­ta­ge an­de­rer Re­li­gio­nen wer­de ge­spro­chen, so­weit sie be­kannt sei­en. Mit El­tern, die das nicht möch­ten, sei sie schon län­ger nicht mehr kon­fron­tiert ge­we­sen. Die­se lern­ten die Ki­ta al­ler­dings be­reits bei der An­mel­dung als „Ort der Gast­freund­schaft, aber mit christ­li­chen In­hal­ten“ken­nen. Vor dem Hin­ter­grund von rund 30 Jah­ren Be­rufs­er­fah­rung sagt Schulz: „Es hat sich viel ge­än­dert im Um­gang mit an­de­ren Re­li­gio­nen.“Das Selbst­ver­ständ­nis ei­ner glei­chen Wert­schät­zung sei aber re­la­tiv jung. Vie­le Ein­rich­tun­gen ver­su­chen auch, den nicht-christ­li­chen Kin­dern ent­ge­gen­zu­kom­men. Gum­mi­bä­ren sei­en im Karls­ru­her „Kin­der Wi­chern­haus“mit Rück­sicht auf den is­la­mi­schen Glau­ben oh­ne Ge­la­ti­ne, er­klärt Ute Fa­ba­cher. „Und wenn wir Plätz­chen ba­cken, brin­gen die mus­li­mi­schen Kin­der Fla­den­brot mit Öl und Kräu­tern mit. Das fin­den auch die an­de­ren Kin­der span­nend.“

Kin­der soll­ten in Kon­takt mit dem Glau­ben kom­men, aber nicht mis­sio­niert wer­den, fin­det Re­li­gi­ons­päd­ago­ge Bie­sin­ger. Im Ge­gen­zug sei es wich­tig, dass in Ein­rich­tun­gen mit vie­len nicht-christ­li­chen Kin­dern auch die Fes­te an­de­rer Re­li­gio­nen zur Gel­tung kä­men – wie et­wa das Zu­cker­fest im Is­lam. In der Ki­ta „St. Ge­org“und dem „Kin­der Wi­chern­haus“fei­ert man die­se Fes­te zwar nicht. Aber man spre­che dar­über und neh­me Rück­sicht dar­auf, er­klä­ren die Er­zie­he­rin­nen, et­wa in­dem man wäh­rend der Fas­ten­zeit kein El­tern-Kind-Früh­stück ver­an­stal­te. An­ders ist das in der Frei­en In­ter­kul­tu­rel­len Wal­dorf­schu­le in Mann­heim. Dort ler­nen Kin­der aus mehr als 30 Na­tio­nen. Ne­ben den christ­li­chen Fei­ern wer­de ein­mal im Jahr ein mus­li­mi­sches Fest ge­fei­ert, sagt Mu­sik­leh­re­rin Andrea Set­zer-Blon­ski. Die Leh­rer wol­len die Ge­mein­sam­kei­ten der Glau­bens­rich­tun­gen be­to­nen.

Ei­nen Weih­nachts­baum gibt es im mus­li­mi­schen Kin­der­gar­ten „Hali­ma“in Karls­ru­he zwar nicht. „Christ­li­che Fes­te sind aber auch für uns von Be­deu­tung“, sagt Me­sut Pa­lan­ci, Vor­sit­zen­der des Trä­ger­ver­eins. Man spre­che mit den Kin­dern zum Bei­spiel über den Hin­ter­grund des Weih­nachts­fes­tes, über die Ge­burt Je­su, die Un­ter­schie­de und Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen Chris­ten­tum und Is­lam. Ähn­lich ist es im No­vem­ber am Mar­tins­tag: Die Ge­schich­te vom Bi­schof, der sei­nen Man­tel teil­te und ei­ne Hälf­te ei­nem Ar­men gab, sei für al­le Kin­der in­ter­es­sant. Mir­ja Kin­nu­nen steht bei der So­zi­alund Ju­gend­be­hör­de an der Spit­ze des Fach­be­reichs Kin­der­ta­ges­stät­ten. Re­li­giö­se Viel­falt sei kein Pro­blem in Karls­ru­he.

„Kin­der brau­chen ei­ne re­li­giö­se Grund­gram­ma­tik“

ES WIRD BE­SINN­LICH: „Bi­schof Nikolaus“be­sucht ei­ne Kin­der­ta­ges­stät­te und al­le freu­en sich. Fo­tos: dpa

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