St­ein ge­wor­de­ne Macht

Klu­ge Son­der­aus­stel­lung „Ram­ses“in Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Kon­trast der Kul­tu­ren im Karls­ru­her Schloss: Wäh­rend im Foy­er noch der Tan­nen­baum präch­tig ge­schmückt wird, geht ne­ben­an die Son­der­aus­stel­lung „Ram­ses – Gött­li­cher Herr­scher am Nil“ih­rer Er­öff­nung ent­ge­gen. Ein weit ge­spann­ter Bo­gen, und wer un­be­dingt will, kann die The­men hier un­ter Hin­weis auf Ägyp­ten und die Is­rae­li­ten ver­knüp­fen.

Das aber ist nicht die wirk­li­che Ab­sicht die­ser Aus­stel­lung. Ihr geht es un­ter aus­drück­lich kul­tur­ge­schicht­li­cher Per­spek­ti­ve um das Por­trait ei­ner über­aus far­ben­rei­chen Epo­che. In der un­ge­wöhn­lich lan­gen, 66-jäh­ri­gen Re­gie­rungs­zeit von Ram­ses II., dem die Nach­welt zu Recht den rüh­men­den Bei­na­men „der Gro­ße“gab, er­leb­te das al­te Ägyp­ten des 13. vor­christ­li­chen Jahr­hun­derts ei­ne bei­spiel­lo­se Blü­te­zeit, die sich nicht nur in be­deu­ten­den his­to­ri­schen Er­eig­nis­sen, son­dern auch und vor in groß­ar­ti­gen Bau­ten ma­ni­fes­tier­te. Bis heu­te zeu­gen et­wa die ge­wal­ti­gen Fel­sen­tem­pel von Abu Sim­bel, die Res­te des mo­nu­men­ta­len Ra­mes­se­um, die Trüm­mer der neu­en Stadt Pi-Ra­mes­se und ko­los­sa­len Sta­tu­en von sei­ner St­ein ge­wor­de­nen Macht, die ein­drucks­voll den An­spruch die­ses Pha­ra­os auf Ewig­keit be­kräf­ti­gen.

Das Pro­blem ei­ner Aus­stel­lung wie die­ser ist, dass von den groß­ar­ti­gen Zeug­nis­sen der al­ten ra­mes­si­di­schen Kul­tur nicht mehr viel er­hal­ten ist und das Lan­des­mu­se­um da­her oft auf blo­ße Ab­bil­dun­gen, Re­kon­struk­tio­nen und Mo­del­le an­ge­wie­sen ist, die al­len­falls ei­nen Ein­druck ge­ben kön­nen von dem, was da ein­mal war. Oft ver­hin­dert auch die schie­re Grö­ße ei­ni­ger Mo­nu­men­te de­ren Prä­sen­ta­ti­on in der Schau. Im­mer­hin aber ist es ge­lun­gen, we­nigs­tens ein paar die­ser im­po­san­ten Groß­ob­jek­te nach Karls­ru­he zu ho­len. Gleich am An­fang steht die drei Ton­nen schwe­re Ko­los­sal­sta­tue des be­ten­den Ram­ses, die in Tu­rin aus­ge­lie­hen wur­de, und gleich dar­auf die eben­so ge­wich­ti­ge Sitz­fi­gur des Pha­ra­os (aus Straß­burg). Bei­de Ori­gi­na­le aus dem 13. Jahr­hun­dert v. Chr. ver­mit­teln zu­min­dest ei­ne Ah­nung von dem ge­bie­te­ri­schen Re­prä­sen­ta­ti­ons­wil­len des Herr­schers. Ein Schwer­ge­wicht im dop­pel­ten Sin­ne ist auch die über­di­men­sio­na­le Büs­te Ram­ses’ II. aus dem Ra­mes­se­um. Sie ge­lang­te im 19. Jahr­hun­dert auf aben­teu­er­li­chen We­gen ins Bri­ti­sche Mu­se­um in Lon­don, wo ein Gips­ab­druck für das Ägyp­ti­sche Mu­se­um Ber­lin an­ge­fer­tigt wur­de, der jetzt in Karls­ru­he als Prunk­stück der Aus­stel­lung zu be­sich­ti­gen ist. Al­lein der tech­ni­sche Auf­wand, der für die­se Be­schaf­fung not­wen­dig war, nö­tigt Re­spekt ab – ähn­lich wie bei der mons­trö­sen Gra­nit-Faust, die al­lein von ei­ner wohl 15 Me­ter ho­hen Ram­ses-Sta­tue in Mem­phis üb­rig ge­blie­ben ist und jetzt aus Lon­don nach Karls­ru­he ge­schafft wur­de. Nicht ganz so ge­wal­tig, aber im­mer noch hoch­in­ter­es­sant ist da­ne­ben ein frag­men­ta­ri­sches, far­bi­ges Re­lief aus dem Pa­ri­ser Lou­vre, das den Pha­rao in ei­ner wun­der­ba­ren Sze­ne zeigt, in der er, flan­kiert von dem Fal­ken­gott Ho­rus und der Göt­tin Isis, „das Le­ben er­hält“. Dank der na­po­leo­ni­schen Raub­zü­ge durch Ägyp­ten ist der Lou­vre bis heu­te mit ein­schlä­gi­gen Pracht­stü­cken reich ge­seg­net. Die Karls­ru­her Aus­stel­lung hat denn auch rund 50 ih­rer Ex­po­na­te aus Pa­ris be­zo­gen und für die üb­ri­gen gut 200 hoch­ka­rä­ti­gen Leih­ga­ben et­wa 30 wei­te­re eu­ro­päi­sche Mu­se­en und Samm­lun­gen ge­win­nen kön­nen. Vie­le der hier nun auf fast 1000 Qua­drat­me­tern Flä­che ge­zeig­ten Stü­cke wa­ren über­haupt noch nie in Deutsch­land zu se­hen, wie denn über­haupt die­se Schau erst­mals (nach ei­ner Pa­ri­ser Ram­sesAus­stel­lung 1976) bei uns ge­zeigt wird. Nicht da­bei ist (wie noch in Pa­ris) die Mu­mie des Pha­ra­os, von der le­dig­lich ei­ne um­wi­ckel­te le­bens­gro­ße Ko­pie in ei­nem Glas­schrein zu be­sich­ti­gen ist, wäh­rend in ei­nem ma­ka­bren di­dak­ti­schen „Ram­ses-Lab“im­mer­hin Tech­ni­ken der Bal­sa­mie­rung (am Bei­spiel ei­ner Kat­zen­mu­mie) de­mons­triert wer­den.

Wo hand­fes­te Ob­jek­te – aus wel­chen Grün­den im­mer – nicht ver­füg­bar sind, tritt in der Aus­stel­lung die mo­der­ne Mu­se­ums­tech­nik ein. Ins­ge­samt 11 Me­dien­sta­tio­nen lie­fern In­for­ma­tio­nen und Ani­ma­tio­nen zu aus­ge­wähl­ten The­men (wie zu der de­tail­liert aus­ge­führ­ten Stadt Pi-Ra­mes­se), aber häu­fig wer­den die Ex­po­na­te auch durch il­lus­trie­ren­de Po­si­ti­on zu­ein­an­der in Be­zie­hung ge­setzt – wie et­wa die schö­ne blaue Fay­ence­fi­gur Ram­ses’ als Fal­ken­gott, um­rahmt von Ste­len, die die Ver­gött­li­chung des Pha­ra­os il­lus­trie­ren. Ein Schau­bild an der Wand und ei­ni­ge klei­ne Fi­gu­ren füh­ren den Pri­vat­mann Ram­ses im Krei­se sei­ner Gat­tin­nen und fast 100 Kin­der vor. Fund­stü­cke von All­tags­ge­rä­ten wie Scha­len, Be­chern und Do­sen, aber auch Gr­ab­bei­ga­ben und Werk­zeug er­lau­ben Ein­blick in die an­sons­ten nur karg do­ku­men­tier­te Le­bens­wirk­lich­keit der Bau­ern und Hand­wer­ker.

Ein span­nen­des The­ma ist „Ram­ses als Di­plo­mat und Feld­herr“. Als er die lang­jäh­ri­ge Ri­va­li­tät mit den be­nach­bar­ten He­thi­tern durch ei­nen Krieg be­en­den woll­te, da konn­te er zwar die Schlacht bei Ka­desch nicht ganz für sich ent­schei­den, ließ sich aber von der ein­hei­mi­schen Pro­pa­gan­da als gro­ßen Sie­ger fei­ern – et­wa mit ei­nem rüh­men­den Schlacht-Re­lief aus Abu Sim­bel. In Karls­ru­he wird die­ses frü­he Bei­spiel der po­li­ti­schen Ma­ni­pu­la­ti­on mit Bild und Ton als me­dia­les High­light der Schau zum Le­ben er­weckt.

Ram­ses in Karls­ru­he – in der Stadt, die bis heu­te ei­ne Py­ra­mi­de als Em­blem führt und im Stra­ßen­bild vie­le ägyp­ti­sche Spu­ren (vom Obe­lis­ken auf dem Ron­dell­platz bis zu den Sphin­gen im Bo­ta­ni­schen Gar­ten) trägt, setzt die un­ge­mein viel­fäl­ti­ge, klug dis­po­nier­te Aus­stel­lung ei­nen kräf­ti­gen Ak­zent. Wes­sen Ägyp­ten-Lie­be durch Ver­dis „Ai­da“oder ei­nen Ba­de­ur­laub im Lan­de nicht ge­stillt wird, der wird sich im Lan­des­mu­se­um bis Ju­ni 2017 be­rei­chern, be­leh­ren und un­ter­hal­ten las­sen kön­nen. Rü­di­ger Krohn

i Ser­vice

Bis 18. Ju­ni 2017 im Ba­di­schen Lan­des­mu­se­um. Ge­öff­net Di­ens­tag bis Don­ners­tag 10 bis 17 Uhr, Frei­tag bis Sonn­tag 10 bis 18 Uhr. Ka­ta­log: 29,90 Eu­ro.

AUS SEHR AL­TEN ZEI­TEN stam­men die Ent­de­ckun­gen im Lan­des­mu­se­um rings um Ram­ses. Zum Bei­spiel die­se Sta­tu­et­ten ei­ner Frau (links) und ei­ner ste­hen­den Gott­heit. Über 3000 Jah­re alt ist die Fay­ence „Uscheb­ti des Iba­ger“(links, Fo­to: Ha­beg­ger). Fo­to: Deck

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