Die weit ent­fern­te Ga­la­xis rückt nä­her

Neu im Ki­no: Der „Star Wars“-Ab­le­ger „Ro­gue One“er­weist sich als grim­mi­ger Kriegs­film

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wer zu Fil­mer­fol­gen die Vor­ge­schich­te er­zählt, be­gibt sich auf dün­nes Eis – er ris­kiert, ein fan­ta­sie­an­re­gen­des Mys­te­ri­um zu ver­nich­ten. Zum Bei­spiel: Wie wur­de aus dem gu­ten Ana­kin Sky­wal­ker der bö­se Darth Va­der? Die er­nüch­ternd ba­na­le Ant­wort dar­auf nahm drei ef­fekt­über­la­de­ne und er­zäh­le­risch sinn­freie Fil­me ein. An­de­rer­seits: Wie Prin­zes­sin Leia zu den To­des­sternPlä­nen kam, die ihr eben die­ser Darth Va­der im Sa­gaAuf­takt „Star Wars: Ei­ne neue Hoff­nung“ab­zu­ja­gen ver­sucht – das könn­te durch­aus ein span­nen­des Aben­teu­er er­ge­ben. Und das ist der heu­te in den Ki­nos star­ten­de Film „Ro­gue One – A Star Wars Sto­ry“auch ge­wor­den.

Der Ti­tel deu­tet es an: „Ro­gue One“ist kein di­rek­ter Be­stand­teil der „Star Wars“-Sa­ga, son­dern ei­ne Er­zäh­lung aus dem glei­chen Kos­mos, der oh­ne­hin durch zahl­rei­che Ro­ma­ne, Comic-Hef­te, TV-Se­ri­en und Com­pu­ter­spie­le schon seit Jahr­zehn­ten mun­ter vor sich hin­wu­chert. Die­se er­zäh­le­ri­sche Ex­pan­si­on dient dem Ge­schäfts­in­ter­es­se des Dis­ney-Kon­zerns: Der will für die an­geb­lich vier Mil­li­ar­den Dol­lar ho­he Kauf­sum­me, die er für die Rech­te an „Star Wars“an Ge­or­ge Lu­cas be­zahlt hat, mög­lichst schnell ei­ne üp­pi­ge Ren­di­te er­wirt­schaf­ten – wes­halb nicht nur die Ori­gi­nal-Sa­ga im Zwei-Jah­res-Takt fort­ge­setzt wird, son­dern im­mer im „Pau­sen­jahr“ flan­kie­ren­de Fil­me wie „Ro­gue One“den Markt ab­gra­sen sol­len.

Da­mit dies mög­lichst lan­ge oh­ne Er­schöp­fung des Pu­bli­kums funk­tio­niert, wird in „Ro­gue One“der Blick aufs Alt­be­kann­te neu jus­tiert: Die frem­den Wel­ten und die bi­zar­ren, aber wie selbst­ver­ständ­lich auf­tre­ten­den Krea­tu­ren in die­sem Film (Re­gie: Ga­reth Ed­wards, Dreh­buch: Chris Weitz und To­ny Gil­roy) er­in­nern an die Ori­gi­nal­se­rie, doch der mär­chen­haf­ten Ton­fall der Er­zäh­lung vom nai­ven Jüng­ling Lu­ke Sky­wal­ker, der zum ed­len Ritter wird und so das Bö­se be­siegt, weicht hier ei­ner grim­mi­gen, de­fi­ni­tiv nicht kin­der­taug­li­chen Kriegs­er­zäh­lung. In ei­ner Schlüs­sel­sze­ne staucht die Hel­din Jyn Er­so (Fe­li­ci­ty Jo­nes) ih­ren Mit­strei­ter Cas­si­an An­dor (Die­go Luna) zu­sam­men: „Wenn du Be­feh­le be­folgst, egal ob sie rich­tig sind, dann könn­test du auch ein Sturm­trupp­ler sein!“Hö­he­re Idea­le, wie sie in an­de­ren „Star Wars“-Sto­rys von den Je­diRit­tern ver­kör­pert wer­den, gibt es hier kaum. Statt­des­sen sieht man Re­bel­len, die zur ei­ge­nen Ret­tung auch Ver­bün­de­te tö­ten und de­ren Be­fehls­ha­ber auf Exe­ku­ti­ons­plä­nen be­har­ren.

Das Höchs­te, was Hel­den hier er­rei­chen kön­nen, ist, sich selbst für die gu­te Sa­che zu op­fern – so wie Jyns Va­ter Ga­len Er­so (Mads Mik­kel­sen), der als ge­nia­ler In­ge­nieur vom Im­pe­ri­um ge­zwun­gen wird, an der Kon­struk­ti­on des To­des­sterns mit­zu­wir­ken, und so wie je­ne Re­bel­len, die im Show­down zu La­ser­ka­no­nen­fut­ter wer­den. Der fa­na­ti­sche Gue­ril­la-Re­bell Saw Ger­re­ra (Fo­rest Whi­ta­ker) trägt die in­ne­re Zer­ris­sen­heit in Gut und Bö­se of­fen zur Schau als ver­krüp­pel­ter Wüs­ten­kämp­fer, des­sen Lun­gen­zü­ge aus der Atem­ma­schi­ne an Den­nis Hop­pers Psy­cho­pa­then­fi­gur aus „Blue Vel­vet“er­in­nern – auch wenn das Ge­räusch „Star Wars“-Fans na­tür­lich an Darth Va­der den­ken lässt. Der hat auch ei­ni­ge mi­nu­ten­kur­ze, aber höchst wir­kungs­vol­le Auf­trit­te. Ver­blüf­fen­der ist aber, wie stim­mig die Auf­trit­te ei­ner an­de­ren, Fans gut be­kann­ten Fi­gur (der Na­me sei hier nicht ge­spoi­lert!) wir­ken – denn die glaub­haf­te Prä­senz die­ser Fi­gur ist wohl ein noch grö­ße­rer Tri­umph der Trick­tech­no­lo­gie als die bom­bas­ti­sche Welt­raum­schlacht.

De­ren Fi­na­le lei­tet dann tat­säch­lich bruch­los zu „Ei­ne neue Hoff­nung“über – und der le­gen­dä­re Vor­spann des al­ten Films be­kommt durch die Bil­der aus „Ro­gue One“ei­nen bit­te­ren Un­ter­ton. Denn der dort er­wähn­te „Bür­ger­krieg in der Ga­la­xis“sieht in „Ro­gue One“, wo ei­ne klei­ne „Mul­ti­kul­ti“-Trup­pe ge­gen das to­ta­li­tä­re Re­gime wei­ßer männ­li­cher Mi­li­ta­ris­ten kämpft, in man­chen Sze­nen gar nicht so aus, als kön­ne er nur in ei­ner „weit weit ent­fern­ten Ga­la­xis“statt­fin­den. Andre­as Jütt­ner

BO­TEN DES BÖ­SEN: Die mar­kan­ten Uni­for­men der im­pe­ria­len Sturm­trup­pen prä­gen auch die Op­tik von „Ro­gue One – A Star Wars Sto­ry“. Die Sto­ry des neu­en Films hebt sich von der bis­he­ri­gen Sa­ga durch ei­nen kom­pro­miss­lo­sen und düs­te­ren Er­zähl­ton­fall ab. Fo­to: Lu­cas­film/tsch

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