34. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Ver­hei­ra­te­te hat­ten meist ein Fo­to des Gat­ten auf dem Nacht­tisch ste­hen. Zwei Bü­cher auf He­brä­isch, bei­de mit vie­len Blei­stift­no­ti­zen, eben­falls auf He­brä­isch. Nun ja, sie war Jü­din. Wirk­lich in­ter­es­sant war die Gar­de­ro­be. Al­les neu und teu­er, feins­te Stof­fe, weichs­tes Le­der, pas­sen­de Ac­ces­soires. Die Wä­sche eher baum­wol­len, lang­wei­lig. Da hat­te ih­re ei­ge­ne Kom­mo­de Pi­kan­te­res zu bie­ten. Sol­che Män­tel, Ju­pes und Jäck­chen da­ge­gen konn­te sie sich nicht leis­ten. Al­les Maß­ar­beit, her­ge­stellt von zwei Mo­de­stu­di­os, wie die Rei­sacher den un­auf­fäl­lig ein­ge­näh­ten Eti­ket­ten ent­nahm. Stu­dio Sera­fi­ne Ro­sel­le und Stu­dio Gra­zi­el­la Tol­li­no, bei­de mit Sitz in Tan­ger.

Die Da­me hat­te ih­re Gar­de­ro­be al­so nicht in Is­ra­el, son­dern vor nicht all­zu lan­ger Zeit in Tan­ger ge­kauft, wahr­schein­lich so­gar di­rekt vor ih­rer Rei­se nach Deutsch­land. Da­mit ih­re Gar­de­ro­be ge­näht wer­den konn­te, hat­te sie sich ein paar Ta­ge lang in Tan­ger auf­hal­ten müs­sen. Und in Tan­ger war genau in die­sen Ta­gen ein di­ckes Ge­schäft von Xa­vier ge­platzt. Xa­vier ver­mu­te­te ein Kom­plott, wuss­te aber nicht, ob die­ser Nour­ri­di­ne, der eben­falls von Tan­ger in den Schwarz­wald ge­reist war, Ak­teur oder Op­fer des­sel­ben war.

Ein Mann und ei­ne Frau, die zeit­gleich von Tan­ger in den Schwarz­wald ka­men. Rei­sachers Men­schen­kennt­nis hat­te bei der Gold­berg früh al­le Alarm­glo­cken klin­geln las­sen. Sie war ei­ne Hoch­stap­le­rin, genau! Der Typ ver­folg­te Un­schuld, der Typ, den die Män­ner um­schwirr­ten wie Mot­ten das Licht. Nour­ri­di­nes Kom­pli­zin – war­um nicht? –, ja­wohl, die Xa­vier in ih­ren Bann zie­hen, ihm Sand in die Au­gen streu­en soll­te, da­mit er nicht hin­ter die wah­ren Draht­zie­her des Kom­plotts kam.

Spe­ku­la­tio­nen wa­ren Schall und Rauch, nur Fak­ten zähl­ten. Als Ers­tes muss­te sie her­aus­fin­den, ob sich Nour­ri­di­ne und die Gold­berg kann­ten. Erst dann wür­de sie Xa­vier in­for­mie­ren und ihm wie­der ein­mal zei­gen, wie un­ent­behr­lich sie für ihn war.

Hunds­eck

Hin­ter der Kü­che, beim Ge­rä­te­schup­pen, vor den Ga­ra­gen, bei den Um­klei­de­ka­bi­nen des Schwimm­ba­des such­te Ro­sa nach Ag­nes. Als Kin­der hat­ten Ra­chel und sie al­le Or­te aus­fin­dig ge­macht, an de­nen sich die Di­enst­bo­ten ver­steck­ten, wenn sie ei­ne Pau­se brauch­ten. Ro­sa wuss­te al­so genau, wo sie nach­se­hen muss­te. Sie lief bis zur Berg­wacht. Aber auch dort fand sie Ag­nes nicht.

Die Klei­ne war im Au­gen­blick nicht greif­bar. Au­gen zu, noch mal zu­rück zum Tat­ort. Sie sah den le­ben­den Nour­ri­di­ne zwi­schen den Bäu­men auf der Su­che nach er­leg­ter Beu­te. War er wirk­lich auf der Jagd ge­we­sen? Oder hat­te er et­was an­de­res im Wald ge­sucht?

Der Schuss, der ihn von vor­ne traf. Er hat­te sei­nen Mör­der ge­se­hen, als die­ser ab­drück­te und ihm mit­ten ins Ge­sicht schoss. Ein Jagd­un­fall? Ra­che? Ei­ne Li­qui­die­rung? Da konn­te sie nur spe­ku­lie­ren, das half nicht wei­ter.

Zu­rück zu dem To­ten. Was hat­te sie über­se­hen? Nicht den zer­schos­se­nen Kopf. Was war mit sei­nem Kör­per, sei­ner Klei­dung? Kha­ki­far­ben, er­in­ner­te sie sich, fes­te Schnür­stie­fel. Ein Hemd mit Brust­ta­schen, die Knöp­fe zu, nicht durch­sucht wor­den. Oder so gut durch­sucht wor­den, dass es nicht auf­fiel. Aber nicht von ihr, sie hat­te den To­ten nicht an­ge­fasst. Sie muss­te zum Tat­ort zu­rück. Im Au­gen­blick ih­re ein­zi­ge Chan­ce, ei­nen Hin­weis zu fin­den.

Wie­der im Wald, bald die drei ho­hen Tan­nen, die Bu­chen da­vor, die brei­te Schnei­se im Wur­zel­werk. Wie­der folg­te sie Ag­nes’ Spu­ren und ih­ren ei­ge­nen, wie­der kämpf­te sie sich den Berg hoch, ge­riet in ei­nen gleich­för­mi­gen, mi­li­tä­ri­schen Tritt, den sie in den stei­ni­gen Go­l­an­hö­hen ge­lernt hat­te, die sie mit ih­rer Ein­heit im­mer wie­der hin­auf­stürm­te, um die An­grif­fe der Sy­rer ab­zu­weh­ren und die Stra­ße nach Sa­fed zu si­chern.

Sie lief schnell, pas­send zum Tem­po, in dem ihr Ge­hirn wei­te­re Sze­na­ri­en für den Mord pro­du­zier­te. Nour­ri­di­ne war Mau­rice Ma­saad. Ma­saad war der Scharf­schüt­ze. Ari war be­reits in der Ge­gend und hat­te ihn im Wald er­le­digt. Oder war Nour­ri­di­ne, der Waf­fen­händ­ler aus Tan­ger, Hand­lan­ger ei­nes Schwei­zers, Op­fer ei­nes ge­schei­ter­ten Ge­schäf­tes oder ei­nes Jagd­un­falls, völ­lig be­lang­los für ih­ren Auf­trag? Kämpf­te sie an der fal­schen Front? Die Ta­schen des To­ten wür­den Aus­kunft ge­ben. Pa­pie­re, ver­rä­te­ri­sche No­ti­zen, ir­gend­et­was.

Da schon die Lich­tung, das wei­che Moos un­ter ih­ren Fü­ßen, das ein­zi­ge Ge­räusch ihr durch den Lauf er­hitz­ter Atem. Sie folg­te den ab­ge­knick­ten Zwei­gen, die Stel­le, an der sie den To­ten ent­deck­te, hat­te sie mit zwei über Kreuz ge­leg­ten Tan­nen­zwei­gen mar­kiert. Sie fand die Zwei­ge, aber nicht den To­ten. Sie um­kreis­te den Platz im­mer wie­der, fühl­te sich ge­narrt, zwei­fel­te kurz an ih­rer Wahr­neh­mung, kehr­te zu den ge­kreuz­ten Zwei­gen zu­rück. Nein, nein, sie täusch­te sich nicht. Ex­ak­te Er­in­ne­rung war im Kampf le­bens­wich­tig, nie durf­te man sich vom Feind aus dem Kon­zept brin­gen las­sen. Genau hier hat­te der To­te ge­le­gen. Sie war in höchs­ter Alarm­be­reit­schaft. Mit je­der Fa­ser ih­res Kör­pers ver­fluch­te sie sich, weil sie die Pa­ra­bel­lum im Ho­tel ge­las­sen hat­te.

Mit er­neu­tem Ein­set­zen des Re­gens sta­chen plötz­lich Kak­tus­na­deln in ih­ren Bauch. Plötz­lich fühl­te sie sich von al­len ver­las­sen. Die in­stink­ti­ve Si­cher­heit der Sol­da­tin half ihr nicht mehr. Kei­ne Ein­heit, kei­ne Kampf­ge­fähr­ten be­schütz­ten sie. Sie war al­lein. Al­lein, seit sie Oma­rim ver­las­sen hat­te. Al­lein mit ih­rem Auf­trag und al­lein mit dem Wis­sen, dass genau hier noch vor kur­zem der to­te Nour­ri­di­ne ge­le­gen hat­te.

Büh­ler­hö­he

Die Feuch­tig­keit, die der Re­gen hin­ter­las­sen hat­te, hing noch im Mau­er­werk, und der Bo­den war durch­ge­weicht, als die Rei­sacher zu ei­nem Abend­rund­gang vor die Tür trat. Sie ließ den Brun­nen links lie­gen und stieg zum Eh­ren­hof hin­un­ter auf den klei­nen Weg, der un­ter­halb der Ter­ras­se her­führ­te. Die Bron­ze­hir­sche glänz­ten re­gen­nass, die Ter­ras­se war so leer wie den gan­zen Tag über, da­hin­ter lag der ver­wais­te Spei­se­saal, hell er­leuch­tet. Die Gäs­te hat­ten ihn schon ver­las­sen, nur die Kell­ner lie­fen noch hin und her, tru­gen das letz­te Ge­schirr ab und deck­ten die Ti­sche mit fri­schem Lei­nen ein. Ein Blick hoch zu den Gäs­te­zim­mern: Bras­sels Fens­ter er­hell­te die klei­ne Schreib­tisch­lam­pe, bei den Grün­ha­gens herrsch­te Fest­be­leuch­tung aus ge­ge­be­nem An­lass. Die Toch­ter hat­te heu­te ei­ne Wild­sau er­le­digt und der Kü­che des Hau­ses spen­diert. „Ner­ven wie Draht­sei­le, ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Schüt­zin“, be­rich­te­te Gen­ter, der Jä­ger. Die Fens­ter von Ket­ten­kaul und „sei­ner Da­me“la­gen im Dun­keln. Die trei­ben es wahr­schein­lich mit­ein­an­der, dach­te die Rei­sacher. Hof­fent­lich lässt sich die „Da­me“gut da­für be­zah­len.

Auch bei der Gold­berg brann­te noch Licht. Die war vor­hin völ­lig de­ran­giert nach Hau­se ge­kom­men, so als wä­re sie ki­lo­me­ter­weit qu­er­feld­ein ge­stapft, als gä­be es kei­ne Wan­der­we­ge. Sie woll­te nur noch ein Glas Milch und ein But­ter­brot aufs Zim­mer ge­bracht be­kom­men. „Ein Mon­sieur Nour­ri­di­ne hat für Sie an­ge­ru­fen und bit­tet um schnel­len Rück­ruf“, rich­te­te ihr der jun­ge Mor­gen­tha­ler brav aus, nach­dem sie ei­nen ent­spre­chen­den Zet­tel in Gold­bergs Schlüs­sel­fach ge­legt hat­te. In ih­rem Reh­blick wie­der gro­ße Ver­wir­rung, aber dann hat­te sie die Rei­sacher, die die Sze­ne durch ei­nen Tür­spalt ih­res Bü­ros be­ob­ach­te­te, mit ih­rer Re­ak­ti­on über­rascht. Fort­set­zung folgt

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