Ra­te­spiel

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM -

Ich ha­be spe­zi­ell für mich ein Ra­te­spiel er­fun­den, und das Spiel geht so: Wenn ich in ei­nem Lo­kal sit­ze, be­ob­ach­te ich die an­de­ren Gäs­te. In­ter­es­sant für das Spiel sind aber nur die Gäs­te, die nach und nach das Lo­kal be­tre­ten und an ei­nem Tisch Platz neh­men. Ha­ben sie Platz ge­nom­men, über­le­ge ich auf­grund ih­res Aus­se­hens und Ver­hal­tens, wel­ches Ge­tränk sie wohl be­stel­len wer­den. In­zwi­schen bin ich bei mei­nen Ein­schät­zun­gen ganz gut, aber ges­tern Abend lag ich in drei Fäl­len völ­lig da­ne­ben.

Zu­nächst be­trat ei­ne ein­zel­ne Frau das Lo­kal. Groß, lan­ge Haa­re, so um die vier­zig Jah­re alt. Sie wirk­te sehr sou­ve­rän, warf noch ei­nen Blick auf ihr Han­dy und griff dann zur Spei­se­kar­te. Das ist ein Pils-Typ, ging mir durch den Kopf, ein ech­ter Pils-Typ. Doch der Pils-Typ be­stell­te ei­nen Pfef­fer­minz­tee mit Milch.

Da­nach be­trat ein Paar das Lo­kal. Vom Al­ter her ent­we­der Va­ter und Toch­ter oder äl­te­rer Mann auf Ab­we­gen. Er nahm ihr hilfs­be­reit den Man­tel ab und häng­te ihn auf ei­nen Bü­gel an der Gar­de­ro­be. Mit Si­cher­heit nicht Va­ter und Toch­ter, dach­te ich. Sie nah­men Platz und blät­ter­ten in der Kar­te, die die Be­die­nung ih­nen ge­bracht hat­te. Mein Tipp: Er Weiß­wein, sie – we­gen der Fi­gur – stil­les Was­ser. Wirk­li­che Be­stel­lung: Er Mi­ne­ral­was­ser Me­di­um, sie ein Pils und ei­nen Wil­li­ams. Mann o Mann, dach­te ich, heu­te ist nicht mein Tag, zwei­mal voll da­ne­ben.

Die Tür öff­ne­te sich, zwei Se­nio­rin­nen – ei­ne mit Rol­la­tor – tra­ten ein und steu­er­ten auf ei­nen Eck­tisch zu. Mein Tipp: Wein­schor­le rot-süß und weiß­sau­er. Von we­gen! Je­de be­stell­te ei­nen hal­ben Li­ter Bier im Krug.

Ot­mar Schnurr

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