Mie­ter­schutz für Schwa­che wa­ckelt

Prä­ze­denz­fall vor dem Land­ge­richt: Bleibt jun­gen Frau­en das Dach über dem Kopf?

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Kirs­ten Et­zold

Das Ob­jekt ist be­schei­den: ei­ne Ein­zim­mer­woh­nung in der So­phi­en­stra­ße, um die 55 Qua­drat­me­ter, oh­ne Lu­xus. Jun­ge Frau­en in schwie­ri­ger La­ge woh­nen dar­in, man­che noch nicht voll­jäh­rig, ei­ne Mie­te­rin löst die an­de­re ab. Nun be­schäf­tigt die Im­mo­bi­lie als bun­des­weit be­ach­te­ter Prä­ze­denz­fall das Land­ge­richt Karls­ru­he. Denn ein Karls­ru­her Pri­vat­mann hat die seit 1998 an den Karls­ru­her Ver­ein So­zi­al­päd­ago­gi­sche Al­ter­na­ti­ven (Soz­pädal) ver­mie­te­te Woh­nung ge­kauft, will sie an­der­wei­tig ver­wen­den und kün­dig­te dem Ver­ein.

Hier be­ginnt der Rechts­streit: Gilt der Kün­di­gungs­schutz aus dem vor 18 Jah­ren un­ter­zeich­ne­ten, pri­va­ten Miet­ver­trag? Oder kann Soz­pädal eben nicht den Kün­di­gungs­schutz be­an­spru­chen, der ei­ner na­tür­li­chen Per­son zu­steht – wor­auf­hin aus­ge­rech­net ei­ne be­son­ders schwa­che Mie­te­rin ihr Zu­hau­se ver­lö­re?

Quer durch die Re­pu­blik be­schäf­ti­gen ähn­li­che Fäl­le die Ge­rich­te, sie ur­tei­len mal so, mal so. Das Amts­ge­richt Karls­ru­he folg­te zu­nächst der Sicht von Soz­pädal, im vor­lie­gen­den Fall grei­fe der Schutz pri­va­ten Miet­rechts. Doch der Käu­fer, an­walt­lich ver­tre­ten durch Stadt­rat Til­man Pfann­kuch, Fachan- walt für Miet- und Wohn­ei­gen­tums­recht, rief die zwei­te In­stanz an. Pe­ter Empl vom Soz­pädal-Vor­stand steht für die be­klag­te Par­tei, ver­tre­ten durch Tho­mas Lutz, Karls­ru­her Fach­an­walt für Im­mo­bi­li­en­recht.

Die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Land­ge­richt Ka­rin Mauch ent­schied in ei­nem ers­ten Ter­min, per Be­weis­auf­nah­me mehr Licht in die Sach­la­ge zu brin­gen. Ges­tern hör­te sie des­halb Zeu­gen in der An­ge­le­gen­heit an – den bis­he­ri­gen Be­sit­zer, ei­nen 69-jäh­ri­ger Selbst­stän­di­gen aus Wald­bronn, so­wie Ro­se­ma­rie Grün­ling, mehr als zehn Jah­re lang für An­mie­tun­gen ver­ant­wort­li­ches Vor­stands­mit­glied bei Soz­pädal und Un­ter­zeich­ne­rin des Miet­ver­trags für die Woh­nung in der So­phi­en­stra­ße.

Soz­pädal ver­mit­telt im Pro­jekt „Bür­ger oh­ne Woh­nung“Zim­mer und Woh­nun­gen an be­dürf­ti­ge Men­schen, die sie bei Be­darf zu­dem so­zi­al­päd­ago­gisch be­treut. „Es geht um Grund­la­gen un­se­rer Ar­beit“, sagt Pro­jekt­lei­ter Jörg Mau­ter, der in den Zu­hö­rer­rei­hen sitzt. Mehr als 300 Miet­ver­trä­ge ha­be Soz­pädal der­zeit zu­guns­ten von Men­schen, de­nen Woh­nungs­lo­sig­keit droht. „Die Sa­che hängt als Da­mokles-Schwert über al­len Ver­trä­gen“, seufzt Mau­ter. 40 Miet­ver­hält­nis­se sei­en in den Jah­ren 2015 und 2016 we­gen der un­kla­ren Rechts­la­ge kon­kret ge­fähr­det ge­we­sen, zehn Woh­nun­gen in ei­nem Hoch­haus ver­lo­ren­ge­gan­gen.

Die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin lo­tet in der Zeu­gen­be­fra­gung aus, was die Un­ter­zeich­ner des Miet­ver­tra­ges im Sinn hat­ten. Über­zeugt vom Soz­pädal-Kon­zept sei er ge­we­sen, er­klärt der Selbst­stän­di­ge. Auf die Idee, es kön­ne sich um ei­ne ge­werb­li­che Ver­mie­tung han­deln, sei er nie ge­kom­men. Zur Wert­stei­ge­rung sei­ner Im­mo­bi­lie ha­be der Ver­mie­ter ein ein­zi­ges Mal den Miet­zins her­auf­ge­setzt, die Mehr­ein­nah­men aber in der Fol­ge Soz­pädal ge­spen­det, er­gänzt spä­ter Grün­ling.

Die An­re­gung der Vor­sit­zen­den Rich­te­rin nach ei­ner St­un­de: Viel­leicht kön­ne sich der Klä­ger im An­schluss an ei­ne Woh­nungs­re­no­vie­rung mit Soz­pädal auf ei­nen neu­en Miet­preis ei­ni­gen. Mög­li­cher­wei­se schlie­ße sie sich der Sicht des Amts­ge­rich­tes an, gibt Ka­rin Mauch dem neu­en Ei­gen­tü­mer mit auf den Weg. Der Ter­min mün­det in Be­denk­zeit für ihn. Ei­ni­gen sich die Pro­zess­be­tei­lig­ten nicht bis 13. Ja­nu­ar, wird die Rich­te­rin ein Ur­teil ver­kün­den.

Soz­pädal: Es geht um Grund­la­gen un­se­rer Ar­beit

DER SCHLÜS­SEL zu ei­ge­nen vier Wän­den – da­zu ver­hilft der Ver­ein Soz­pädal Men­schen in so­zia­ler Schief­la­ge. Doch es gibt gro­ße recht­li­che Pro­ble­me. Fo­to: Wüs­ten­ha­gen

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