Das Eu­ro­pa-Na­vi Ga­li­leo star­tet

Schritt zur Un­ab­hän­gig­keit / Ju­bel in Brüs­sel

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Se­bas­ti­an Ku­nig­keit

Pa­ris/Brüs­sel. Mehr­kos­ten in Mil­li­ar­den­hö­he, Streit, Ver­zö­ge­run­gen und ei­ne gro­ße Pan­ne im All: Das eu­ro­päi­sche Sa­tel­li­ten-Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem Ga­li­leo stand lan­ge un­ter kei­nem gu­ten Stern. Jetzt aber hat die EU-Kom­mis­si­on auf den Knopf ge­drückt und ges­tern mit acht Jah­ren Ver­spä­tung die ers­ten Ga­li­leo-Di­ens­te ge­star­tet. Da­mit kön­nen die Si­gna­le der eu­ro­päi­schen Sa­tel­li­ten zur Po­si­ti­ons­be­stim­mung et­wa für Kar­ten­diens­te auf Smart­pho­nes ge­nutzt wer­den. Ein Schritt zu eu­ro­päi­scher Un­ab­hän­gig­keit in ei­nem stra­te­gisch wich­ti­gen Be­reich. Der Ju­bel in Brüs­sel ist groß, dort fei­ert man Ga­li­leo als Sym­bol für die Vor­tei­le ei­nes ge­ein­ten Eu­ro­pas. „Kein eu­ro­päi­sches Land hät­te das im Al­lein­gang voll­brin­gen kön­nen“, er­klärt In­dus­trie­kom­mis­sa­rin Elz­bie­ta Bi­en­kow­s­ka.

Po­si­ti­ons­da­ten aus dem All ha­ben schon jetzt ei­ne wich­ti­ge Be­deu­tung, die künf­tig noch wach­sen wird. „Es wird im­mer smar­te­re Di­ens­te ge­ben“, sagt Hans­jörg Dit­tus vom Deut­schen Zen­trum für Luft- und Raum­fahrt (DLR). Selbst­fah­ren­de Au­tos sind eben­so dar­auf an­ge­wie­sen wie Ma­schi­nen zur au­to­ma­ti­schen Dün­gung von Fel­dern. Ban­ken brau­chen die prä­zi­sen Zeit­an­ga­ben der Sa­tel­li­ten für ih­re Trans­ak­tio­nen, und auch das Mi­li­tär ver­wen­det die Da­ten. Bis­lang muss Eu­ro­pa da­bei auf Tech­nik an­de­rer Län­der ver­trau­en, vor al­lem das ame­ri­ka­ni­sche GPS, das vom US-Mi­li­tär kon­trol­liert wird und da­mit in ei­ner Kri­se auch ab­ge­schal­tet wer­den könn­te. Dies ist das zen­tra­le Ar­gu­ment der Eu­ro­pä­er für das Pres­ti­ge­pro­jekt von EU-Kom­mis­si­on und Raum­fahrt­agen­tur Esa, das we­gen der ho­hen Kos­ten im­mer wie­der in die Kri­tik ge­riet. Zu­dem ver­spre­chen sie, dass Ga­li­leo deut­lich ge­nau­er ist und da­mit neue Mög­lich­kei­ten er­öff­net. Bis Eu­ro­pä­er sich al­lein auf das ei­ge­ne Sys­tem ver­las­sen kön­nen, wer­den al­ler­dings noch ein paar Jah­re ver­ge­hen. Ga­li­leo star­tet mit vie­len Ein­schrän­kun­gen: Erst 2020 wer­den ge­nug Sa­tel­li­ten im All sein, um die gan­ze Welt ab­de­cken zu kön­nen. Bis­lang sind 18 Sa­tel­li­ten im Or­bit, die meis­ten da­von ge­baut von OHB in Bre­men. 30 Sa­tel­li­ten sol­len es schließ­lich wer­den. Die Fol­ge: „Es gibt im­mer wie­der Lö­cher“in der Ab­de­ckung, er­klärt DLR-Vor­stands­mit­glied Dit­tus. Der Start der ers­ten Ga­li­leo-Di­ens­te ist aus sei­ner Sicht aber ein wich­ti­ger Schritt. Man kön­ne nun die Ent­wick­lung von End­ge­rä­ten vor­an­trei­ben, sagt er. Da ist noch ei­ni­ges zu tun. Bis­lang sind nur we­ni­ge All­tags­ge­rä­te auf dem Markt, die zu­sätz­lich zum GPS-Sys­tem be­reits die Ga­li­leo-Si­gna­le nut­zen kön­nen. Dit­tus er­war­tet aber, dass An­bie­ter ih­re Ge­rä­te künf­tig al­le mit Chips aus­stat­ten, die auch Ga­li­leo-Si­gna­le emp­fan­gen kön­nen.

Seit der Ent­schei­dung für Ga­li­leo sind be­reits 17 Jah­re ver­gan­gen, ur­sprüng­lich hät­ten die Di­ens­te be­reits 2008 an den Start ge­hen sol­len. We­gen Strei­tig­kei­ten un­ter den Fir­men ei­nes einst vor­ge­se­he­nen In­dus­trie-Kon­sor­ti­ums so­wie den Re­gie­run­gen um den Sitz von Kon­troll­zen­tren gab es aber im­mer wie­der Ver­zö­ge­run­gen. Auch die Kos­ten ex­plo­dier­ten. Wäh­rend ur­sprüng­lich von drei Mil­li­ar­den Eu­ro die Re­de war, sind für Ent­wick­lung und Be­trieb nun 13 Mil­li­ar­den Eu­ro bis 2020 an­ge­setzt. „Die ers­te Schwie­rig­keit war ei­ne Feh­l­ein­schät­zung der Fra­ge des Mark­tes“, sag­te Esa-Chef Jan Wör­ner vor Kur­zem. In den Kal­ku­la­tio­nen ging man an­fangs da­von aus, dass auch die Ba­sis­diens­te ver­kauft wer­den könn­ten,

Noch gibt es vie­le Ein­schrän­kun­gen

ob­wohl sie bei GPS kos­ten­los sind. „Wer wür­de be­zah­len für ei­nen Di­enst, der ein biss­chen bes­ser ist, wenn ich den für die prak­ti­schen Be­lan­ge sel­ben Di­enst oh­ne Be­zah­lung be­kom­me?“

Die Po­si­ti­ons­da­ten blei­ben nun kos­ten­los, spä­ter soll es aber wei­te­re An­ge­bo­te mit be­son­ders prä­zi­sen Da­ten ge­ben, für die Geld kas­siert wird. Auch tech­nisch lief bei Ga­li­leo nicht im­mer al­les rund. In­zwi­schen schei­nen die­se Schwie­rig­kei­ten aber über­wun­den, es hat sich ei­ne ge­wis­se Rou­ti­ne ent­wi­ckelt: Al­lein in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren wur­den zwölf Sa­tel­li­ten ins All ge­bracht. Im No­vem­ber flo­gen erst­mals vier Ga­li­leo-Sa­tel­li­ten auf ein­mal mit ei­ner Aria­ne-5-Ra­ke­te in den Or­bit. Die nächs­ten Starts sind für Som­mer 2017 und An­fang 2018 ge­plant. Und: wenn das Sys­tem 2020 steht, ist das nicht das En­de der Ge­schich­te. Die zwei­te Ga­li­leo-Ge­ne­ra­ti­on wird schon vor­be­rei­tet: Weil die Le­bens­dau­er der Sa­tel­li­ten be­grenzt ist, müs­sen sie re­gel­mä­ßig er­setzt wer­den.

EIN TEURES PRES­TI­GE­PRO­JEKT macht ei­nen wich­ti­gen Schritt nach vor­ne: Die EU schal­tet ers­te Di­ens­te des Sa­tel­li­ten­na­vi­ga­ti­ons­Sys­tems Ga­li­leo frei. Eu­ro­pa will sich da­mit aus der Ab­hän­gig­keit vom ame­ri­ka­ni­schen GPS be­frei­en. Il­lus­tra­ti­on: Pier­re Car­ril/ESA/dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.