Tra­gen grie­chi­sche Be­hör­den Mit­schuld?

Trotz Ver­ur­tei­lung kam der mut­maß­li­che Tä­ter von Frei­burg un­be­hel­ligt nach Deutsch­land

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Wolf­gang Voigt

Stutt­gart/Frei­burg/Berlin. Der Se­xu­al­mord an ei­ner 19 Jah­re al­ten Me­di­zin­stu­den­tin in Frei­burg hät­te wohl ver­hin­dert wer­den kön­nen – wenn die Be­hör­den des EU-Staa­tes Grie­chen­land mit der nö­ti­gen Sorg­falt ge­ar­bei­tet hät­ten. Auf die­sen er­nüch­tern­den Nen­ner lässt sich der jüngs­te Er­mitt­lungs­stand rund um die mut­maß­li­che Tat ei­nes an­geb­lich 17 Jah­re al­ten Man­nes aus Af­gha­nis­tan brin­gen. Er be­fin­det sich der­zeit im Jus­tiz­voll­zugs­kran­ken­haus Ho­hen­as­perg na­he Lud­wigs­burg, wo er rund um die Uhr be­ob­ach­tet wird. Of­fen­bar hält man ihn für selbst­mord­ge­fähr­det.

Der mut­maß­li­che Se­xu­al­mör­der war be­reits in Grie­chen­land zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. Das be­stä­tig­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU). Hus­sein K. hat­te im Mai 2013 auf der In­sel Kor­fu ei­ne 20-jäh­ri­ge Stu­den­tin über­fal­len und die Frau über die Brüs­tung ei­ner Steil­küs­te zehn Me­ter in die Tie­fe ge­wor­fen. Das Op­fer über­leb­te schwer ver­letzt. Dass die Ta­ten auf Kor­fu und in Frei­burg auf das Kon­to ein und des­sel­ben Man­nes ge­hen, steht nach ei­nem Ab­gleich von Fin­ger17 ab­drü­cken aus bei­den Fäl­len zweifelsfrei fest. Der Tä­ter kam trotz zehn­jäh­ri­ger Haft­stra­fe be­reits nach ein­ein­halb Jah­ren un­ter der Auf­la­ge frei, sich zwei­mal pro Mo­nat bei der Po­li­zei zu mel­den. Ei­ne Pflicht, der er nie nach­kam. Bei der vor­zei­ti­gen Ent­las­sung soll ein um­strit­te­nes Am­nes­tie­ge­setz ei­ne un­heil­vol­le Rol­le ge­spielt ha­ben.

Ob­schon der Af­gha­ne ab­taucht und sich nie mehr mel­det, wird er nicht zur in­ter­na­tio­na­len Fahn­dung aus­ge­schrie­ben. Ei­ne schick­sal­haf­te Un­ter­las­sung, die die Stu­den­tin Ma­ria L. in Frei­burg am En­de mit dem Le­ben be­zahlt. Denn nach gel­ten­dem Asyl­recht hät­te der ver­ur­teil­te Straf­tä­ter Hus­sein K. nie­mals als Flücht­ling in Deutsch­land lan­den dür­fen. Wie es ihm doch ge­lin­gen konn­te, wird nun Ge­gen­stand in­ten­si­ver Nach­for­schun­gen und mi­nis­te­ri­el­ler Kon­sul­ta­tio­nen. „Das ist ein sehr är­ger­li­cher Vor­gang“, sag­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re.

Als Hus­sein K. im No­vem­ber 2015 oh­ne ei­nen Pass vor­le­gen zu kön­nen über Weil am Rhein nach Deutsch­land ein­reist, wird er rou­ti­ne­mä­ßig er­ken­nungs­dienst­lich be­han­delt. Da­bei wer­den Fin­ger­ab­drü­cke ge­nom­men, Fotos ge­macht und die Er­kennt­nis­se in die Da­ten­bank Eu­ro­dac ein­ge­speist. Sie dient zur Re­gis­trie­rung al­ler Asyl­be­wer­ber in­ner­halb der EU. Doch we­der bei In­ter­pol noch in den deut­schen Po­li­zei­com­pu­tern oder im Schen­ge­ner In­for­ma­ti­ons­sys­tem fin­den sich An­halts­punk­te auf Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten. Da­bei hät­ten die Sys­te­me von In­ter­pol und Schen­gen ei­gent­lich an­schla­gen müs­sen. Dann näm­lich, wenn die Grie­chen den jun­gen Af­gha­nen nach sei­nen Mel­de­pflicht-Ver­let­zun­gen zur in­ter­na­tio­na­len Fahn­dung aus­ge­schrie­ben hät­ten. Statt­des­sen sor­tiert man den jun­gen Mann arg­los in das Be­treu­ungs­sys­tem für un­be­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Aus­län­der ein.

Wie jung oder alt ist Hus­sein K. über­haupt? Die Fra­ge, ob bei ei­ner et­wai­gen Ver­ur­tei­lung das Ju­gend­straf­recht an­ge­wandt wer­den muss oder nicht, ist für das mög­li­che Straf­maß von ent­schei­den­der Be­deu­tung. Ju­gend­li­che müs­sen mit höchs­tens zehn Jah­ren Haft rech­nen. Dass der Af­gha­ne tat­säch­lich erst Jah­re alt ist, muss wohl be­zwei­felt wer­den. Im Mai 2013, als er auf Kor­fu die jun­ge Frau be­raub­te und fast tö­te­te, gab er be­reits an, 17 Jah­re alt zu sein. Mi­t­hin wä­re er heu­te 20. Soll­te er heu­te tat­säch­lich erst 17 Jah­re alt sein, wä­re er bei Be­ge­hung der Tat auf Kor­fu noch gar nicht straf­mün­dig ge­we­sen, gibt der In­nen­ex­per­te der Land­tags-Grü­nen, Uli Sckerl, zu be­den­ken.

Um das Al­ter von Hus­sein K. zu er­mit­teln, hat die Frei­bur­ger Staats­an­walt­schaft bei der dor­ti­gen Rechts­me­di­zin ein Gut­ach­ten in Auf­trag ge­ge­ben. Auf Ba­sis ei­ner rich­ter­li­chen An­ord­nung sol­len Rönt­gen­bil­der von Hand und Schlüs­sel­bein des Man­nes an­ge­fer­tigt wer­den, die Rück­schlüs­se auf das Al­ter ge­ben kön­nen. Un­ter Ex­per­ten ist die­se Me­tho­de aber um­strit­ten. Un­ter­des­sen ge­stal­tet sich der In­for­ma­ti­ons­aus­tausch mit den grie­chi­schen Be­hör­den dem Ver­neh­men nach schwie­rig; mit ei­nem Rechts­hil­fe­er­su­chen will man die Din­ge be­schleu­ni­gen. Der­zeit steht die Po­li­zei mit­hil­fe von Dol­met­schern in te­le­fo­ni­schem Kon­takt mit Grie­chen­land. Es geht un­ter an­de­rem um den Ab­gleich auf­fäl­li­ger Tä­to­wie­run­gen, die der Tä­ter in Grie­chen­land laut Me­dien­be­rich­ten ge­tra­gen ha­ben soll.

Da­tei­en zeig­ten kei­ne Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten an

IM JUS­TIZ­VOLL­ZUGS­KRAN­KEN­HAUS HO­HEN­AS­PERG wird der mut­maß­li­che Tä­ter von Frei­burg rund um die Uhr über­wacht. Der an­geb­lich 17 Jah­re al­te Af­gha­ne hat be­reits vor drei Jah­ren auf Kor­fu ei­ne schwe­re Straf­tat be­gan­gen, für die er zu zehn Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den war. Fo­to: Schmidt

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