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„Ma­ni­fes­to“: Fas­zi­nie­ren­de Vi­deo­in­stal­la­ti­on mit Ca­te Blan­chett in Stutt­gart

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Sie ist nicht zu er­ken­nen. Zu­nächst mal gar nicht, denn die ma­jes­tä­tisch über ver­wahr­los­te In­dus­trie­hal­len glei­ten­de Ka­me­ra rückt das klei­ne Mensch­lein, das da­zwi­schen her­um­tappt, nicht so­fort in den Mit­tel­punkt. Aber auch aus der Nä­he ist es die gan­zen zehn Mi­nu­ten, die die­se Sze­ne dau­ert, kaum vor­stell­bar, dass sich hin­ter dem ab­ge­ris­se­nen Ob­dach­lo­sen, der vom Dach die­ser Bau­rui­ne wü­ten­de Pa­ro­len durchs Me­ga­fon brüllt, die apar­te aus­tra­li­sche Schau­spie­le­rin Ca­te Blan­chett ver­birgt.

In der un­be­dingt se­hens­wer­ten Vi­deo­in­stal­la­ti­on „Ma­ni­fes­to“des Ber­li­ner Künst­lers Ju­li­an Ro­se­feldt geht Ca­te Blan­chett noch wei­ter als in der fil­mi­schen Bob-Dy­lan-Hom­mage „I’m Not The­re“: Dort stell­te sie ei­ne von fünf un­ter­schied­li­chen Dy­lan-Per­so­na dar, hier nun hat sie zwölf grund­ver­schie­de­ne Rol­len über­nom­men: Mal be­wegt sie sich als tä­to­wier­te Rock­sän­ge­rin wie ei­ne an­griffs­lus­ti­ge Ti­ge­rin durch den Back­s­tage-Be­reich zwi­schen ih­ren Mu­si­kern, mal sieht man sie als adret­te Bör­sen­mak­le­rin. Sie tritt auf als Grund­schul­leh­re­rin, Nach­rich­ten­spre­che­rin, Pup­pen­spie­le­rin, Trau­er­red­ne­rin und in et­li­chen wei­te­ren Rol­len. Und in je­dem der Film­clips trägt sie Text­col­la­gen von Ma­ni­fes­ten vor, die Künst­ler des 20. Jahr­hun­derts wie Tris­tan Tza­ra, An­dré Bre­ton oder Ka­si­mir Ma­le­witsch ver­fasst ha­ben.

Der Reiz der Ar­beit be­steht in der Rei­bung zwi­schen dem Auf­be­geh­ren des In­di­vi­du­ums, das aus den Ma­ni­fes­ten spricht, und den von re­strik­ti­ven Ri­tua­len be­stimm­ten All­tags­sze­nen, die Ro­se­feldt in­sze­niert. Und selbst wenn die ge­spro­che­nen Tex­te der seit Fe­bru­ar durch Deutsch­land tou­ren­den In­stal­la­ti­on im Ge­samt­klang der gleich­zei­tig lau­fen­den Vi­de­os nur schwer zu ver­ste­hen sind, üben die ki­no­rei­fen Bil­der, mit de­nen Ka­me­ra­mann Chris­toph Krauss wäh­rend der nur zwei­wö­chi­gen Dreh­ar­bei­ten die pit­to­res­ken Schau­plät­ze ein­ge­fan­gen hat, ei­nen fas­zi­nie­ren­den Sog aus. Das gilt auch für die Dy­na­mik der ge­mein­sa­men Auf­füh­rung: In je­dem der Fil­me gibt es ei­ne kur­ze Se­quenz, in der Blan­chett di­rekt in die Ka­me­ra spricht, mit mo­no­to­ner und zugleich ge­bie­te­ri­scher Stim­me. Die­se Se­quen­zen sind so ge­tak­tet, dass sie bei der gleich­zei­ti­gen Prä­sen­ta­ti­on der Vi­de­os zugleich ab­lau­fen, wo­durch sich die da­hin­flie­ßen­den Ein­zel­stim­men im­mer wie­der zu ei­nem ein­dring­li­chen Chor ver­ei­nen. Da je­der Ein­zel­film vol­ler ent­de­ckens­wer­ter De­tails steckt, soll­te man zwei St­un­den Be­suchs­zeit in­ves­tie­ren, um „Ma­ni­fes­to“aus­zu­schöp­fen – der Lohn ist ein Fil­m­er­leb­nis von ver­blüf­fend viel­schich­ti­ger Sinn­lich­keit. Andre­as Jütt­ner

DOCH, DAS IST CA­TE BLAN­CHETT: Die aus­tra­li­sche Schau­spie­le­rin ist für Ju­li­an Ro­sen­feldts Vi­deo­in­stal­la­ti­on „Ma­ni­fes­to“in zwölf höchst un­ter­schied­li­che Rol­len ge­schlüpft, dar­un­ter die ei­nes her­un­ter­ge­kom­me­nen Ob­dach­lo­sen. Fo­to: VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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