Mit Strich-Co­de auf der Stirn

„So­ni­ta“bei „Mä­dels on­ly“-Rei­he im Ko­ki

Pforzheimer Kurier - - PFORZHEIM - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Su­san­ne Roth

Der ein­zi­ge Mann in der Run­de ist der Tech­ni­ker und der darf nur kurz im Ki­no­saal des Kom­mu­na­len Ki­nos (Ko­ki) blei­ben: „Mä­dels on­ly“heißt die Rei­he, bei der nur weib­li­che Gäs­te zu­ge­las­sen sind, um sich per Film mit weib­li­chen The­men zu be­fas­sen.

Die Pro­ble­me des (neu­en) Man­nes je­doch sind an die­sem Abend of­fen­sicht­lich: Den Kampf mit der stän­dig bren­nen­den De­cken­be­leuch­tung gibt er schließ­lich auf. Film ab heißt es mit ei­ner halb­stün­di­gen Ver­spä­tung für et­wa 70 Be­su­che­rin­nen und für „So­ni­ta“. Was sich dann wäh­rend ein­ein­halb St­un­den vor den Au­gen der Ki­no­gäs­te ab­spielt – da sind die Be­leuch­tungs­pro­ble­me Pea­nuts da­ge­gen. Es geht um ei­ne jun­ge Af­gha­nin, die ge­trennt von ih­ren El­tern in Te­he­ran (Iran) bei ih­rer Schwes­ter und de­ren Toch­ter lebt.

In ar­men Ver­hält­nis­sen, aber glück­lich und gut auf­ge­ho­ben in ei­nem Ju­gen­dZen­trum. So­ni­tas Hob­by ist das Rap­pen, da­rin ist sie rich­tig gut. Ih­re Wun­sch­el­tern: die Pop­sän­ge­rin Ri­han­na und Micha­el Jack­son. Ih­re ech­ten El­tern in Af­gha­nis­tan sind al­les an­de­re als gla­mou­rös und reich: So­ni­ta soll als Braut „ver­kauft“wer­den, da­mit ihr Bru­der wie­der­um ge­nü­gend Geld hat, um sich ei­ne Braut zu kau­fen.

„So ist das eben“, sagt die Mut­ter, die das am ei­ge­nen Leib er­fah­ren hat. Ei­gent­lich woll­te sie sich nicht ein­mi­schen und nur be­ob­ach­tend hin­ter der Ka­me­ra blei­ben, doch die Te­he­ra­ne­rin Rokhsareh Gha­em Mag­ha­mi gibt der Fa­mi­lie schließ­lich Geld, um So­ni­ta ei­ne Gal­gen­frist zu er­kau­fen. Die­se ver­folgt wei­ter be­harr­lich ih­ren Traum, ei­nen Vi­deo­clip zu dre­hen. Ihr Clip, der sie mit Strich-Co­de auf der Stirn und mit ge­schminkt-ge­schwol­le­nem Au­ge un­ter dem Braut­schlei­er zeigt, drückt die gan­ze Trau­rig­keit dar­über aus, „wie ein Schaf“als Wa­re ge­han­delt zu wer­den. „Ihr setzt mich in die Welt und ich soll da­für be­zah­len“, klagt sie. Der Clip wird bei youtu­be nach zehn Mi­nu­ten schon 1 368-mal an­ge­klickt, So­ni­ta ge­winnt so­gar ei­nen Preis. Ih­re Mut­ter lässt das kalt. Geld ist das ein­zi­ge Ar­gu­ment. Mit Hil­fe der Fil­me­ma­che­rin kommt So­ni­ta dann doch an ei­nen Pass und schließ­lich an ein Vi­sum. Mit dem wie­der­um fliegt sie in die USA, um ein Sti­pen­di­um an ei­nem Col­le­ge mit Mu­sik­zug an­zu­tre­ten. Von den Staa­ten aus in­for­miert die 18-Jäh­ri­ge ih­re Mut­ter über ih­re Plä­ne. Die­se legt wort­los auf.

„Mich hat“, so sagt die In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te Ani­ta Gon­dek nach dem Film im Foy­er des Ki­nos, „vor al­lem scho­ckiert, dass Mö­bel drei­mal so viel wert sind wie ein Mäd­chen.“Mi­ra Bu­sin vom In­ter­na­tio­na­len Bei­rat – ei­nem neu­en in­te­gra­ti­ons­po­li­ti­schen Gre­mi­um der

Zwangs­hei­rat in Af­gha­nis­tan be­wegt Zu­schau­er

Stadt – wür­de gern von den jun­gen an­we­sen­den Mäd­chen wis­sen, wie sie den Film er­lebt ha­ben, ob sie sol­che Er­leb­nis­se auch ken­nen. Schwei­gen. Die jun­gen Frau­en sind zu schüch­tern.

Im Ge­spräch mit dem Pforz­hei­mer Ku­ri­er sagt die 15-jäh­ri­ge Sh­ab­nam aus Te­he­ran, die mit ih­ren El­tern und Schwes­tern vor neun Mo­na­ten nach Wurm­berg ge­kom­men ist, dass der Film durch­aus rea­lis­tisch sei. Im Iran ge­be es die Zwangs­hei­rat nicht, aber rap­pen­de Frau­en – das ist auch dort ver­pönt. Zu er­fah­ren, wie Mäd­chen und Frau­en in Deutsch­land le­ben (dür­fen), das fin­det Sh­ab­nam gut.

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