Aus Feu­er ent­ste­hen zer­brech­li­che Wer­ke

Glas­blä­se­rin lässt lan­ge Flam­men lo­dern

Pforzheimer Kurier - - ENZKREIS - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Eva Fi­litz

Maul­bronn. Die Aus­stel­lung „Über­all war Hand­werks­zunft“im Maul­bron­ner Schaf­hof (der Pforz­hei­mer Ku­ri­er be­rich­te­te) fin­det ih­re Fort­set­zung in ei­nem span­nen­den Be­gleit­pro­gramm. Al­tes Hand­werk wird le­ben­dig, wenn es prak­tisch vor­ge­führt wird. In der al­ten Schmie­de im Erd­ge­schoss des Mu­se­ums wa­ren die we­ni­gen Stüh­le schnell be­setzt und so­gar kaum noch ein Steh­platz zu fin­den. Denn in ei­ner Ecke hat­te die Kunst­glas­blä­se­rin Kerstin Mül­ler­perth aus Maul­bronn-Schmie für ei­ni­ge St­un­den ih­ren Ar­beits­tisch auf­ge­stellt, mit al­lem was da­zu­ge­hört. „Mei­ne Werk­statt da­heim sieht nicht viel an­ders aus“, sag­te sie und er­klär­te die not­wen­di­gen tech­ni­schen Fer­tig­kei­ten im Um­gang mit dem Glas. „Glas hat kei­nen Schmelz­punkt, son­dern ei­nen Schmelz­be­reich, es wird nur lang­sam warm, und ich kann mir nicht die Fin­ger dar­an ver­bren­nen.“Da­bei sah es recht ge­fähr­lich aus, in der Nä­he der mit­un­ter sehr lan­gen Flam­me zu han­tie­ren. Klei­ne­re Werk­zeu­ge, di­ver­ses Roh­glas und ein Bren­ner als wich­tigs­te Uten­si­li­en hat­te sie mit­ge­bracht. So­li­des hand­werk­li­ches Wis­sen ge­hört zum Be­ruf ei­nes Glas­blä­sers, das wur­de beim Zu­schau­en schnell deut­lich.

Doch Mül­ler­perth hat mehr dar­aus ge­macht: Sie ist Künst­le­rin. Und wie ih­re zar­ten, zer­brech­li­chen Wer­ke ent­ste­hen, führ­te sie den ge­bannt bli­cken­den Be­su­chern vor. Sie griff zu ei­nem lan­gen dün­nen Glas­röhr­chen, dreh­te es mit leich­ter Hand in der Flam­me mit ge­nau ge­wähl­tem Hit­ze­grad, setz­te dann ein En­de des Rohrs an den Mund, blies mit lan­gem Atem hin­ein und sie­he da: Aus dem Rohr wölb­te sich ei­ne Ku­gel­form, die sich je nach zu­ge­führ­ter Luft­men­ge deh­nen ließ. Die Zu­schau­er ap­plau­dier­ten, als sie bei ei­ner wei­te­ren Ku­gel 24-ka­rä­ti­ges Blatt­gold zur Farb­ge­bung ein­setz­te und gol­de­ner Glanz dann das klei­ne Kunst­werk über­zog. Völ­lig über­rascht von der gro­ßen Be­su­cher­zahl war Stadt­ar­chi­var und Initia­tor der Zunft-Aus­stel­lung Mar­tin Eh­lers. Er ging in sei­ner Be­grü­ßung auf die His­to­rie der Glas­blä­se­rei ein, in der auch die Vor­fah­ren von Mül­ler­perth ei­ne be­deu­ten­de Rol­le spie­len. „Sie stammt aus ei­ner Glas­blä­ser­fa­mi­lie, de­ren Ah­nen­ta­fel bis ins 15. Jahr­hun­dert zu­rück­reicht, die in Lau­scha in Thü­rin­gen ei­ne Glas­hüt­te grün­de­te, und Mit­te des 19. Jahr­hun­derts er­fand ei­ner von ih­nen die Christ­baum­ku­gel, die welt­weit be­kannt wur­de und bis heu­te an kei­nem Weih­nachts­baum fehlt.“

Auch die Ur-Ur-Ur-Ur-En­ke­lin fer­tigt weih­nacht­li­ches De­kor, be­schränkt sich aber nicht nur auf die Ku­gel­form, son­dern kre­iert klei­ne Pre­zio­sen, wie ein ge­schmück­ter ech­ter Baum ver­riet. Welch ein Ge­gen­satz: Hier gra­zi­le, zer­brech­li­che Schmuck­stü­cke im Tan­nen­grün, da­ne­ben der wuch­ti­ge Am­boss

Mül­ler­perths Vor­fah­ren er­fan­den Christ­baum­ku­gel

und die schwe­ren Schmie­de­werk­zeu­ge. Ei­ne klei­ne Aus­stel­lung zeigt die Viel­sei­tig­keit der Künst­le­rin, die ne­ben dem weih­nacht­li­chen De­kor auch schö­nen Zier­rat fer­tigt. Auch All­tags­taug­li­ches ist da­bei. „Das Am­bi­en­te hat was“, mein­ten ei­ni­ge Be­su­cher. „Die Vor­füh­rung war toll.“

Sie stie­gen die Trep­pe hin­auf und lie­ßen sich dann in der eben­falls mu­sea­len Um­ge­bung am ge­deck­ten Kaf­fee­tisch im Mu­se­ums­ca­fé ver­wöh­nen.

Am 15. Ja­nu­ar um 15 Uhr ist „Zunft­tag“im Schaf­hof. Ein Buch­re­stau­ra­tor er­klärt den „Weg zum Buch“. Ei­ne Wo­che spä­ter, auch um 15 Uhr, lo­dert Feu­er in der Schmie­de­es­se und Am­boss­klang hallt durch das al­te Ge­mäu­er.

UN­TER DER ENOR­MEN HIT­ZE DER FLAM­ME ent­steht durch be­hut­sa­mes Dre­hen die ge­wünsch­te Form. Glas­blä­se­rin Kerstin Mül­ler­perth stell­te das al­te Hand­werk im Maul­bron­ner Schaf­hof vor. Fo­to: Fi­litz

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