Hei­mat schmeckt nach Salz­gur­ken

Volks­thea­ter-Team re­cher­chiert für die Ins­ze­nie­rung „In­schrift Hei­mat“in Ober­reut

Pforzheimer Kurier - - KARLSRUHE - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied Pa­tri­zia Ka­luz­ny

„Schau!“Mi­ro öff­net die gro­ße Plas­tik­tü­te. Drin­nen liegt ein di­cker Wels. Mi­ro hat sich ihn ge­ra­de in der Fi­sch­ab­tei­lung des Su­per­mark­tes „ge­an­gelt“. Das gibt ein schö­nes „Fis Pa­pri­kas“, ein schar­fes Fisch­gu­lasch. Und Mi­ro wird es ge­nau­so zu­be­rei­ten wie es in sei­nem Hei­mat­land Kroa­ti­en üb­lich ist.

„Ich ko­che es in ei­nem gro­ßen Kes­sel über of­fe­nem Feu­er in mei­nem Schre­ber­gar­ten – mit viel Zwie­beln und Pa­pri­ka, mit Salz und Wein“, er­zählt er Sa­rah Stüh­ren­berg. Die As­sis­ten­tin des Volks­thea­ters nippt an ei­ner Tas­se Tee und hört Mi­ro auf­merk­sam zu. Auf dem Tisch vor ih­nen steht ei­ne Eta­ge­re mit rus­si­schen Leb­ku­chen und Ha­fer­kek­sen. Die bei­den sit­zen mit­ten auf dem Ju­li­us-Le­ber-Platz in Ober­reut. Der hat­te sich vor gut zehn Ta­gen qua­si über Nacht in ei­ne „gu­te Stu­be“ver­wan­delt – mit Ti­schen und Stüh­len, mit Steh­lam­pen und Kron­leuch­ter und so­gar ei­nem röh­ren­den Hirsch an der Holz­wand.

„In­schrift Hei­mat“lau­tet der Ti­tel ei­ner Ins­ze­nie­rung des Karls­ru­her Volks­thea­ters un­ter der Lei­tung von Bea­ta An­na Schmutz, die im kom­men­den Jahr im Rah­men der Hei­mat­ta­ge Ba­denWürt­tem­berg in Karls­ru­he auf­ge­führt wird. Die „Epi­so­de I“ha­ben Schmutz und ihr Team von Thea­ter­schaf­fen­den be­reits im Kas­ten. Da­für wa­ren sie auf dem Wer­der­platz in der Süd­stadt dem The­ma Hei­mat auf der Spur. Nun macht das rol­len­de For­schungs­la­bor, ein aus­ran­gier­ter Bau­wa­gen, der im In­ne­ren eben­falls in ei­ne gu­te Stu­be ver­wan­delt wur­de, in Ober­reut Sta­ti­on. An­de­rer Stadt­teil, an­de­re Men­schen, neue Ge­schich­ten.

Zu­nächst sei­en die Men­schen zu­rück­hal­tend ge­we­sen, be­ob­ach­te­ten das Trei­ben auf dem Ju­li­us-Le­ber-Platz nur aus der Fer­ne. Man­che la­sen das Info­pla­kat und gin­gen wei­ter. „Zwei Ta­ge dau­er­te die Frem­del­pha­se“, be­rich­tet Jo­han­na Ben­rath, die bei dem Pro­jekt für Kon­zep­ti­on und Re­cher­che zu­stän­dig ist. Dann brach das Eis, die ers­ten Ober­reu­ter such­ten das Ge­spräch, und der Zu­lauf wur­de grö­ßer und grö­ßer. Die Men­schen ka­men und setz­ten sich ein­fach in die gu­te Stu­be, als ob’s ein Ca­fé wä­re. Und sie er­zähl­ten: Von der al­ten Hei­mat in Ka­sachs­tan, im Ba­nat oder in Russ­land und von Ober­reut, das vie­len zur neu­en Hei­mat wur­de. „Wir ha­ben sehr in­ti­me Be­geg­nun­gen er­le­ben dür­fen, die Of­fen­heit der Men­schen hier in Ober­reut ist sehr groß“, er­zäh­len Jo­han­na Ben­rath und Su­san­ne Hil­ler, die bei „In­schrift Hei­mat“für die Büh­ne und Ko­s­tü­me zu­stän­dig ist und auch die „gu­te Stu­be“auf dem zen­tra­len Platz in Ober­reut aus­ge­stat­tet hat. Die Ober­reu­ter brach­ten Bü­cher und Fotos aus ih­rer al­ten Hei­mat, man­che auch selbst ge­ba­cke­ne Kek­se und Ku­chen. Sie gin­gen mit den Pro­jekt­ma­che­rin­nen aber auch in den be­nach­bar­ten Su­per­markt. Sie durch­stö­ber­ten die Re­ga­le und zeig­ten ih­nen, wel­che ein­ge­leg­ten Salz­gur­ken am bes­ten schme­cken. Sie er­klär­ten stolz, war­um der Dra­cu­la-Wein aus Ru­mä­ni­en be­son­ders le­cker ist und wel­che Bon­bons den Ge­schmack ih­rer Kind­heit auf die Zun­ge zau­bern. Der Ge­schmack der al­ten Hei­mat spie­le für vie­le Men­schen in Ober­reut ei­ne gro­ße Rol­le, „man sah re­gel­recht die Lei­den­schaft in ih­ren Au­gen, wenn sie über die Pro­duk­te spra­chen“, so Sa­rah Stüh­ren­berg. „Sie brach­ten uns selbst ge­brann­ten Schnaps zum Pro­bie­ren, lu­den uns in ih­re Schre­ber­gär­ten und nach Hau­se ein.“

Ein Mann mit schwar­zer Strick­müt­ze hat sich an den Tisch ge­setzt. „Ich ha­be so­gar et­was da­bei“, sagt er und holt ei­ne Kan­ne mit hei­ßem Kaf­fee aus der Stoff­ta­sche. „Ihr sitzt hier so im Kal­ten!“Und Tee mö­ge er über­haupt nicht. Rasch ent­spinnt sich wie­der das Ge­spräch um die Hei­mat. Das mit der Hei­mat sei schwie­rig, fin­det der Mann mit der Strick­müt­ze: „Ich fin­de, der Be­griff ver­än­dert sich im Le­bens­al­ter.“Hei­mat ha­be für ihn nichts mit ei­nem Ort zu tun. „Für mich hat es vor al­lem mit Spra­che zu tun, mit Freun­den. Hei­mat ist dort, wo ich mein Le­ben ge­stal­ten kann wie ich möch­te, wo ich mich wohl­füh­le“, schil­dert der Ju­rist, der in Ober­schwa­ben auf­wuchs und seit 1992 in Ober­reut wohnt. Be­vor er sich wie­der auf den Weg nach Hau­se macht, legt er den Frau­en ein mit Alu­fo­lie um­wi­ckel­tes Päck­chen auf den Tisch. „Das ist frisch ge­ba­cke­ner Christ­stol­len.“Auch Mi­ro hat mit sei­nem Wels in­zwi­schen den Heim­weg an­ge­tre­ten. Was bleibt, sind ih­re Ge­schich­ten. Und der Christ­stol­len.

Nach zwei Ta­gen Frem­del­pha­se brach das Eis

DER HEI­MAT AUF DER SPUR: Die Thea­ter­schaf­fen­den Su­san­ne Hil­ler (hin­ten links), Jo­han­na Ben­rath und Sa­rah Stüh­ren­berg (vor­ne) im Ge­spräch mit Be­woh­nern aus Ober­reut auf dem Ju­li­us-Le­ber-Platz. Nächs­te Sta­ti­on des Pro­jekts im Fe­bru­ar ist der Al­te Schlacht­hof. Fo­to: jo­do

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