Zwi­schen zwei Wel­ten

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - CHRIS­TO­PHER TÖNGI

Fuß­ball, Vi­deo­spie­le, Bü­cher. Für was in­ter­es­sie­ren sich zwölf­jäh­ri­ge Jungs über­haupt? Schwer zu pau­scha­li­sie­ren. Aber: Auf die Idee, ei­ne Bom­be zu bau­en, kommt man in die­sem Al­ter nicht ein­fach mal so. Und da­mit auch noch an­de­re Men­schen ver­let­zen oder tö­ten zu wol­len erst recht nicht.

Vie­les an dem Fall Lud­wigs­ha­fen ist zwar noch rät­sel­haft. Doch das Al­ter des Tat­ver­däch­ti­gen schreckt be­reits jetzt auf. Zwölf Jah­re alt soll er sein. Zwölf! Wie po­li­tisch kann man in die­sem Al­ter schon sein? Es ist eher die Zeit der Selbst­fin­dung, der Su­che nach dem Ich. Und da­bei spielt das Um­feld ei­ne enorm wich­ti­ge Rol­le. Fa­mi­lie, Freun­de – sie al­le sind Vor­bil­der, po­si­tiv wie ne­ga­tiv. Dass der in Deutsch­land ge­bo­re­ne Jun­ge auch die ira­ki­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit be­sitzt, könn­te sei­nen Fin­dungs­pro­zess er­schwert ha­ben und ihn an­fäl­lig für ei­ne Ra­di­ka­li­sie­rung ge­macht ha­ben. Denn ge­ra­de in der Pu­ber­tät sind Ak­zep­tanz und Zu­ge­hö­rig­keits­ge­fühl von gro­ßer Be­deu­tung. Ein Le­ben zwi­schen zwei

Wel­ten kann das oft­mals stark ver­kom­pli­zie­ren. Er­fährt man dann auch noch von ei­ner Sei­te star­ke Ab­leh­nung und fühlt sich im Stich ge­las­sen, kann der Frust schnell wach­sen und sich schließ­lich in Ge­walt ent­la­den. Das zei­gen nicht zu­letzt die An­schlä­ge in Frank­reich. Bei Kin­dern sind vor al­lem die El­tern in der Pflicht, zu han­deln oder sich Hil­fe zu ho­len. Der Staat al­lei­ne wä­re mit der Auf­ga­be, Ju­gend­li­chen den rich­ti­gen Weg zu wei­sen, schlicht­weg über­for­dert.

Für Ter­ror­grup­pen wie den Is­la­mi­schen Staat sind frus­trier­te Men­schen leich­te Op­fer. Dass nun ein Kind aus Deutsch­land wo­mög­lich in die Fän­ge des IS ge­ra­ten sein könn­te, stimmt sehr nach­denk­lich. Ei­ne neue Stra­te­gie oder nur ein „Zu­fall“? Wenn die Ter­ro­ris­ten jetzt ver­stärkt Ju­gend­li­che ins Vi­sier neh­men, könn­te dies die Stim­mung in Deutsch­land wei­ter auf­hei­zen. Und dem IS da­mit in die Kar­ten spie­len. Denn wenn Kin­der aus an­ders­gläu­bi­gen Fa­mi­li­en un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­stellt wer­den, wä­re dies für die In­te­gra­ti­on äu­ßerst schäd­lich.

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