Star­ker Ein­fluss aus Moskau und An­ka­ra

KIT-Vor­trags­rei­he be­schäf­tigt sich mit Dia­spo­ra-Ge­mein­schaf­ten / „Fa­ke News“hei­zen Stim­mung auf

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Ja­ni­na Beu­scher

Karls­ru­he. Kaum ein Fall er­hitz­te die Ge­mü­ter der Russ­land­deut­schen so sehr wie die Ge­schich­te um das Mäd­chen Li­sa im Ja­nu­ar die­ses Jah­res. Die an­geb­li­che Ver­ge­wal­ti­gung der Ber­li­ne­rin mit rus­si­schen Wur­zeln durch Flücht­lin­ge wur­de in den aus­län­di­schen Me­di­en schnell ver­brei­tet und ent­wi­ckel­ten ei­ne gro­tes­ke Ei­gen­dy­na­mik. Die Stim­mung vor al­lem in den so­zia­len Netz­wer­ken heiz­te sich auf, so­gar von „Krieg“war ir­gend­wann die Re­de.

Dass es sich bei dem an­geb­li­chen Vor­fall nach­weis­lich um „Fa­ke-News“, al­so ei­ne er­fun­de­ne Ge­schich­te han­del­te, wol­len die em­pör­ten Lands­leu­te bis heu­te nicht glau­ben. In Deutsch­land rück­te die Rol­le des Kremls bei der Ver­brei­tung der Ge­schich­te schnell in den Fo­kus. „Russ­land ver­such­te die Dia­spo­ra, al­so die in Deutsch­land le­ben­den Rus­sen, ge­zielt zu mo­bi­li­sie­ren“, ur­teilt Jan­nis Pa­na­gio­ti­dis, der sich mit dem Fall in­ten­siv be­schäf­tigt hat. Der Ju­ni­or­pro­fes­sor für Russ­land­deut­sche Mi­gra­ti­on und In­te­gra­ti­on an der Uni­ver­si­tät Os­na­brück sieht dar­in al­ler­dings kein ganz neu­es Phä­no­men. Aus his­to­ri­scher Sicht sei ein po­li­ti­scher Dia­spor­aNa­tio­na­lis­mus schon im­mer da ge­we­sen. So auch in der NS-Zeit, in der die im Aus­land le­ben­den Deut­schen ge­zielt zur Desta­bi­li­sie­rung der Län­der „ge­nutzt“wur­den. Ganz so ne­ga­tiv will Pa­na­gio­ti­dis die Men­schen der mo­der­nen Dia­spo­ra-Ge­mein­schaf­ten je­doch nicht stig­ma­ti­sie­ren und warnt vor ei­ner schnel­len Vor­ver­ur­tei­lung. Oft­mals sei­en gra­de die­se Grup­pen be­son­ders kri­tisch mit den Vor­gän­gen in der „al­ten Hei­mat“.

So zum Bei­spiel die Tür­kei­stäm­mi­gen im Fall ei­ner wei­te­ren „Fa­ke-News“, die Ya­sar Ay­din, Do­zent an der Ha­fenCi­ty Uni­ver­si­tät und Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le aus Ham­burg, un­ter­sucht hat. Tür­ki­sche Me­di­en ver­brei­te­ten die Ge­schich­te, deut­sche Be­hör­den wür­den mus­li­mi­sche Pfle­ge­kin­der ge­zielt in christ­li­chen Fa­mi­li­en un­ter­brin­gen – als ei­ne Art „Umer­zie­hungs­maß­nah­me“. Der Pro­test der Tür­kei­stäm­mi­gen blieb nicht aus. Ge­ne­rell sei ei­ne Ver­stär­kung der so­ge­nann­te Dia­spo­ra-Po­li­tik der Län­der – und da­bei be­zie­hen sich Ay­din und Pa­na­gio­ti­dis nicht nur auf die Tür­kei und Russ­land – zu be­ob­ach­ten. Die Ab­sich­ten un­ter­schei­den sich al­ler­dings stark und könn­ten wirt­schaft­li­che, kul­tu­rel­le, re­li­giö­se oder po­li­ti­sche Zie­le ver­fol­gen: „Die Tür­kei­stäm­mi­gen in Deutsch­land sind ja auch Wäh­ler in der Tür­kei“, gibt Ya­sar Ay­din ein Bei­spiel. Auch wenn ge­ra­de ein­mal 35 Pro­zent von die­sem Recht Ge­brauch ma­chen wür­den.

„Durch die der­zei­ti­ge Flücht­lings­kri­se ist der ver­stärk­te Zu­sam­men­schluss von Dia­spo­ra-Ge­mein­schaf­ten in der Frem­de fest­zu­stel­len“, fasst ZAK-Di­rek­to­rin Ca­ro­li­ne Ro­bert­son-von Tro­tha die Er­kennt­nis­se des Vor­trags­abends zu den „Neu­en Na­tio­na­lis­men“am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT) zu­sam­men. Die­se ha­be vie­le Men­schen aus ei­ner Art „po­li­ti­scher Lethar­gie“ge­ris­sen und sor­ge für ver­stärk­te Ak­ti­vi­tä­ten der Ge­mein­schaf­ten und der je­wei­li­gen Hei­mat­län­der.

„Russ­land ver­such­te, ge­zielt zu mo­bi­li­sie­ren“

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