„Top Gun“über der Ost­see

Wie Moskau mit Re­gel­ver­let­zun­gen im in­ter­na­tio­na­len Luf­t­raum die bal­ti­schen Staa­ten ver­un­si­chert und die Na­to her­aus­for­dert

Pforzheimer Kurier - - FORUM - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Ferber DER IN­SPEK­TEUR der Luft­waf­fe, Ge­ne­ral­leut­nant Karl Müll­ner. Foto: dpa

Äma­ri/Est­land. Ei­ne Nacht oh­ne Atem­pau­se. Ei­ne Nacht, die al­le Ein­satz­plä­ne sprengt. Vol­ler Re­spekt wird sie von al­len, die sie er­lebt ha­ben, bis heu­te die „Nacht der lan­gen Mes­ser“ge­nannt. 28 so­ge­nann­te „Al­pha-Scram­bles“, schar­fe Alarm-Ein­sät­ze mit Be­waff­nung, sind die Pi­lo­ten vom Tak­ti­schen Luft­waf­fen­ge­schwa­der 74 in Neu­burg/Do­nau, die seit dem 1. Sep­tem­ber mit fünf „Euro­figh­ter“auf dem est­ni­schen Mi­li­tär­flug­ha­fen Äma­ri in der Nä­he der Haupt­stadt Tal­linn sta­tio­niert sind und im Auf­trag der Na­to zum zwei­ten Mal nach 2014 den ge­sam­ten Luf­t­raum über dem Bal­ti­kum über­wa­chen, seit­dem ge­flo­gen. Den letz­ten erst am 7. De­zem­ber. Manch­mal gibt es ta­ge­lang nichts zu tun. Dann ste­hen Trai­nings­flü­ge auf dem Pro­gramm, Tief­flü­ge über der Ost­see oder ge­mein­sa­me Übun­gen mit schwe­di­schen oder fin­ni­schen Kampf­jets.

Doch in der Nacht vom 6. auf den 7. Ok­to­ber ist al­les an­ders. Bin­nen we­ni­ger St­un­den wer­den sie al­lein sechs­mal we­gen Ver­let­zun­gen des in­ter­na­tio­na­len Luf­t­raums über der Ost­see durch rus­si­sche Mi­li­tär­flug­zeu­ge alar­miert. Kaum am Bo­den, er­folgt ein neu­er Alarm. Um die Pi­lo­ten, die je­weils 24 St­un­den Di­enst ha­ben, zu ent­las­ten, wer­den auch die Be­sat­zun­gen, die ei­gent­lich frei­ha­ben, aus den Bet­ten ge­holt. Sechs­mal stei­gen die „Euro­figh­ter“auf, um die Luf­t­raum­ver­let­zer zu iden­ti­fi­zie­ren, par­al­lel da­zu gibt es auch noch Alar­mie­run­gen im ge­gen­über­lie­gen­den Finn­land. Die „Tä­ter“sind trotz Dun­kel­heit rasch iden­ti­fi­ziert – rus­si­sche Kampf­jets vom Typ SU-27, Na­toSpitz­na­me „Flan­ker“, die ih­re Flug­rou­ten ent­ge­gen den in­ter­na­tio­na­len Re­geln we­der bei den Flug­si­cher­heits­be­hör­den ge­mel­det noch ih­re „Trans­pon­der“, ihr elek­tro­ni­sches Er­ken­nungs­sys­tem, ein­ge­schal­tet ha­ben und so­mit auf den Ra­dar­schir­men nicht zu iden­ti­fi­zie­ren sind. So­wohl die est­ni­sche als auch die fin­ni­sche Re­gie­rung pro­tes­tiert of­fi­zi­ell ge­gen die mi­li­tä­ri­schen Droh­ge­bär­den Mos­kaus.

„Die woll­ten uns tes­ten“, sagt Oberst­leut­nant Jo­han­nes Du­rand, nor­ma­ler­wei­se Chef der zwei­ten Staf­fel des in Neu­burg/Do­nau sta­tio­nier­ten Ge­schwa­ders, der seit Sep­tem­ber an der Spit­ze des deut­schen Kon­tin­gents mit fünf Flug­zeu­gen und 181 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten in Äma­ri steht. Doch die Luft­waf­fe, die den drei bal­ti­schen Staa­ten im Rah­men der Na­to-Bünd­nis­ver­pflich­tung bei­steht und ih­ren Luf­t­raum von Äma­ri aus si­chert, zeigt in die­ser Nacht, dass sie in der La­ge ist zu re­agie­ren, auch wenn Men­schen und Ma­schi­nen bis an ihr Äu­ßers­tes ge­hen müs­sen.

„Top Gun“über der Ost­see. Es ist ein ei­gen­ar­ti­ges Katz- und Maus-Spiel, das sich im in­ter­na­tio­na­len Luf­t­raum über dem Meer, der an sei­ner engs­ten Stel­le zwi­schen Est­land und Finn­land ge­ra­de ein­mal 15 Ki­lo­me­ter breit ist, ver­stärkt seit der Ukrai­ne-Kri­se im Jahr 2014 ab­spielt. Re­gel­mä­ßig sind rus­si­sche Auf­klä­rungs-, Trans­port- und Jagd­flug­zeu­ge zwi­schen St. Pe­ters­burg und der rus­si­schen En­kla­ve Ka­li­nin­grad, dem frü­he­ren Kö­nigs­berg, un­ter­wegs. Fast al­le Flü­ge wer­den, wie es dem in­ter­na­tio­na­len Recht ent­spricht, bei den Flug­si­cher­heits­be­hör­den of­fi­zi­ell an­ge­mel­det und mit ein­ge­schal­te­ten Trans­pon­dern durch­ge­führt, so dass die Ma­schi­nen auch auf den Ra­dar­schir­men der Flug­lot­sen sicht­bar sind und die Flü­ge kei­ne Ge­fahr für die zi­vi­le Luft­fahrt in dem en­gen Kor­ri­dor dar­stel­len.

Doch im­mer wie­der wer­den die­se Re­geln ver­letzt. Ge­zielt, so glaubt man in west­li­chen Si­cher­heits­krei­sen, set­ze das rus­si­sche Mi­li­tär Na­del­sti­che und zei­ge sei­ne Mus­keln, um das win­zi­ge Est­land mit sei­nen ge­ra­de ein­mal 1,3 Mil­lio­nen Ein­woh­nern zu ver­un­si­chern und die Na­to zu pro­vo­zie­ren. Moskau ge­he es dar­um aus­zu­lo­ten, ob das west­li­che Bünd­nis sei­ne Bei­stands­ver­pflich­tung tat­säch­lich ernst neh­me, heißt es in der Na­to. „Pu­tin geht ge­zielt vor, wenn sich an sei­ner Flan­ke ein Macht­va­ku­um auf­tut“, ana­ly­sie­ren Mi­li­tärs mit Blick auf die Anne­xi­on der Krim, dem Schü­ren des Kon­flikts in der Ost­ukrai­ne und dem mi­li­tä­ri­schen Ein­grei­fen in Sy­ri­en.

In den drei bal­ti­schen Staa­ten, die bis 1990 zur So­wjet­uni­on ge­hör­ten und sich nach ih­rer Un­ab­hän­gig­keit dem west­li­chen Bünd­nis an­schlos­sen, ist da­her seit 2014 die Sor­ge groß, eben­falls Op­fer der zu­neh­men­den Ag­gres­si­on Russ­lands zu wer­den, zu­mal al­lein in Est­land ein Drit­tel der Be­völ­ke­rung Rus­sen sind. Eigene Luft­streit­kräf­te ha­ben we­der Est­land noch Lett­land und Li­tau­en, sie sind auf das Ver­spre­chen der Bünd­nis- part­ner an­ge­wie­sen, ih­ren Luf­t­raum ge­mein­sam zu si­chern. „Für die Bal­ten ist es exis­ten­zi­ell, dass die Na­to die­se Rück­ver­si­che­rungs­maß­nah­me ga­ran­tiert“, sagt der In­spek­teur der Luft­waf­fe, Ge­ne­ral­leut­nant Karl Müll­ner, bei ei­nem Be­such in Äma­ri. Und ge­gen­über Moskau sei es wich­tig, „dass wir Flag­ge zei­gen“. Das En­ga­ge­ment im Bal­ti­kum sei „Teil ei­nes gro­ßen Si­gnals, dass wir so­li­da­risch sind“, so der DreiS­ter­ne-Ge­ne­ral, der selbst von 2000 bis 2002 Kom­mo­do­re in Neu­burg war. Seit 2014 hat die Na­to da­her ein „ver­stärk­tes Air Po­li­cing“mit der dau­er­haf­ten Sta­tio­nie­rung von Kampf­jets an sei­ner nord­öst­li­chen Flan­ke ein­ge­führt, der­zeit sind ne­ben den fünf „Euro­figh­tern“aus Neu­burg/Do­nau im est­ni­schen Äma­ri auch fran­zö­si­sche „Mi­ra­ge“im li­taui­schen Si­au­li­ai im Ein­satz, die im neu­en Jahr von ei­nem nie­der­län­di­schen Ver­band ab­ge­löst wer­den.

Wie wich­tig die­ser Bei­trag der Ver­bün­de­ten für das klei­ne Est­land ist, macht Co­lon­nel Jaak Ta­ri­en, der Kom­man­deur der est­ni­schen Luft­waf­fe, im Gespräch deut­lich. Eigene Flug­zeu­ge hat er nicht, nur ei­ne Ma­schi­ne zu Aus­bil­dungs­zwe­cken, fünf Ra­dar­sta­tio­nen und 430 Sol­da­ten. „Ex­trem dank­bar“sei­en er und sei­ne Lands­leu­te den Deut­schen und al­len Part­nern für die­se „Le­bens­ver­si­che­rung“. Die Prä­senz der Trup­pen auf der Air Ba­se Äma­ri, die zu So­wjet­zei­ten die so­wje­ti­sche Ar­mee nutz­te und die erst vor we­ni­gen Jah­ren für 96 Mil­lio­nen Eu­ro mo­der­ni­siert wur­de, sor­ge für Si­cher­heit. Dies wer­de auch von Moskau ver­stan­den. „Russ­land greift uns nicht an, wenn die Na­to ge­schlos­sen zu­sam­men­steht und sich ent­schlos­sen zeigt“, sagt der Of­fi­zier – und fährt fort: „Pu­tin

„Die woll­ten uns tes­ten“

ist ein Op­por­tu­nist. Er will kei­nen Krieg mit der Na­to. Aber er sucht sei­nen Vor­teil, wenn er ei­ne Chan­ce hat.“

Im Grun­de, so ana­ly­siert der Kom­man­deur, ha­be Pu­tin durch sei­ne Pro­vo­ka­tio­nen und Mus­kel­spie­le die Na­to wie­der en­ger zu­sam­men­rü­cken las­sen und so­mit für ei­nen bes­se­ren Zu­sam­men­halt der Part­ner ge­sorgt. „Je­der weiß, wenn wir vereint sind, pas­siert nichts.“Dass der neu ge­wähl­te US-Prä­si­dent Do­nald Trump im Wahl­kampf ei­ne Re­du­zie­rung des ame­ri­ka­ni­schen Na­to-En­ga­ge­ments an­ge­kün­digt hat und en­ger mit dem Kreml­chef zu­sam­men­ar­bei­ten will, wer­de in Est­land mit gro­ßer Sor­ge ge­se­hen, be­stä­tigt Jaak Ta­ri­en. Gleich­wohl set­ze man dar­auf, dass der neue Herr im Wei­ßen Haus die Bünd­nis­so­li­da­ri­tät nicht auf­kün­di­gen wer­de. „Trump will nicht der Ver­lie­rer sein“, meint der Chef der est­ni­schen Luft­waf­fe.

Die gro­ße Po­li­tik in­ter­es­siert die Pi­lo­ten nur am Ran­de. „Wir ma­chen un­se­ren Job, da­zu sind wir aus­ge­bil­det wor­den“, sagt ei­ner im Rang ei­nes Haupt­manns. Zwei Pi­lo­ten ha­ben im­mer 24 St­un­den Di­enst, dann schla­fen sie in ei­ner win­zi­gen Kam­mer, die zwi­schen den Han­gars liegt, in de­nen im­mer zwei vollbe­tank­te und be­waff­ne­te „Euro­figh­ter“start­klar be­reit ste­hen. 15 Mi­nu­ten ha­ben die Pi­lo­ten im Alarm­fall Zeit, die Kampf­mon­tur ein­schließ­lich des Über­le­bens­an­zugs für die eis­kal­te Ost­see an­zu­zie­hen, in die Ma­schi­ne zu stei­gen und auf­zu­stei­gen. Ihr Ziel er­fah­ren sie erst, wenn sie be­reits in der Luft sind. Der Rest ist Rou­ti­ne. Die nicht iden­ti­fi­zier­te Ma­schi­ne wird bis auf Sicht­kon­takt an­ge­flo­gen, man grüßt sich mi­li­tä­risch mit ei­nem kur­zen Wa­ckeln der Flü­gel, nimmt Blick­kon­takt auf, fo­to­gra­fiert sich ge­gen­sei­tig mit ei­ner Hand­ka­me­ra und iden­ti­fi­ziert die Ma­schi­ne, die nicht sel­ten nach die­ser Ent­tar­nung ihr Ver­steck­spiel auf­gibt, den Trans­pon­der ein­schal­tet und sich so­mit zu er­ken­nen gibt. Rund 75 bis 90 Mi­nu­ten sind die Pi­lo­ten in der Luft, da­nach dau­ert es ei­ne St­un­de, bis die Jets wie­der auf­ge­tankt und für ei­nen neu­en Start be­reit­ste­hen.

ÜBER­WA­CHUNG DES LUF­T­RAUMS: Deut­sche „Euro­figh­ter“sind seit Sep­tem­ber in Est­land sta­tio­niert und sor­gen dort für Schutz und Si­cher­heit. Sym­bol­fo­to: dpa

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