Ko­ali­ti­on strei­tet um ei­nen Af­gha­nen

Der jun­ge Christ wur­de vor Ab­schie­bung be­wahrt / Op­po­si­ti­on for­dert Son­der­sit­zung des In­nen­aus­schus­ses

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO -

Stuttgart (dpa/lsw). Der jun­ge Af­gha­ne christ­li­chen Glau­bens fühlt sich wie neu ge­bo­ren. Er ist dank der Grü­nen ei­ner Ab­schie­bung nach Af­gha­nis­tan in letz­ter Mi­nu­te ent­ron­nen. Dar­auf stößt er im ba­di­schen Kraich­gau, wo er als Asyl­be­wer­ber lebt, mit sei­nem bes­ten Freund an, wie im Fern­se­hen des SWR zu se­hen ist. Wäh­rend die bei­den sich freu­en, ent­facht die­ser kon­kre­te Fall ei­nen neu­en Zwist zwi­schen den Ko­ali­tio­nä­ren von Grü­nen und CDU. Die In­ter­ven­ti­on der Grü­nen zu­guns­ten des vom Is­lam zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­ten Man­nes stößt der CDU sau­er auf. Das The­ma Asyl und Ab­schie­bung ist – ähn­lich wie der Ein­satz der Bun­des­wehr im In­nern – ein per­ma­nen­ter Zank­ap­fel in der Ko­ali­ti­on.

Schon über die Aus­wei­sung si­che­rer Her­kunfts­län­der auf dem Bal­kan wa­ren Grü­ne und CDU sich nicht ei­nig, auch wenn Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) letzt­lich im Bun­des­rat da­für stimm­te. Der Po­li­to­lo­ge Ul­rich Eith sieht ein Be­mü­hen der CDU, den Rechts­po­pu­lis­ten von der AfD durch kon­se­quen­te Rück­füh­run­gen und die Kon­zen­tra­ti­on auf die In­te­gra­ti­on wirk­lich Schutz­be­dürf­ti­ger kei­ne An­griffs­flä­che zu bie­ten. Ziel der Par­tei sei ei­ne ge­sell­schaft­li­che Ak­zep­tanz der Flücht­lings­po­li­tik. Die Grü­nen leg­ten deut­lich mehr Wert dar­auf, sich in­ten­si­ver den je­wei­li­gen Ein­zel­fall an­zu­schau­en. Im Zwei­fels­fall ten­dier­ten sie da­zu, den Men­schen nicht po­ten­zi­el­len Ge­fah­ren aus­zu­set­zen. „Das kann dann zu un­ter­schied­li­cher Ein­schät­zung in der Ko­ali­ti­on füh­ren“, re­sü­miert der Eith. Sei­ne Ana­ly­se wird be­stä­tigt durch die For­de­rung des Grü­nen-Lan­des­chefs Oli­ver Hil­den­brand, dass je­de ein­zel­ne Ab­schie­bung aus dem Land vor­her im Ko­ali­ti­ons­aus­schuss be­spro­chen wird. Ein Un­ding, fin­det die Op­po­si­ti­on. Dass künf­tig of­fen­bar der Ko­ali­ti­ons­aus­schuss über Ab­schie­bun­gen ent­schei­den sol­le, sei al­les an­de­re als sach­ge­recht. Die Be­fug­nis­se der Ge­rich­te dürf­ten nicht aus­ge­he­belt wer­den, mei­nen SPD und FDP im Land­tag. Die Op­po­si­ti­ons­par­tei­en ver­lan­gen ei­ne Son­der­sit­zung des In­nen­aus­schus­ses zum Um­gang der Lan­des­re­gie­rung mit Ab­schie­bun­gen nach Af­gha­nis­tan am kom­men­den Di­ens­tag.

Die Re­gie­rungs­frak­tio­nen hal­ten den Ball flach. CDU-Frak­ti­ons­chef Wolf­gang Rein­hart pocht le­dig­lich dar­auf, dass die Ab­schie­bun­gen auf ei­nem rechts­staat­li­chen Ver­fah­ren be­ru­hen. Ei­nen Ko­ali­ti­ons­streit ge­be es nicht, meint er. Da­ge­gen sieht die Op­po­si­ti­on den Ruf von CDU-In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl be­schä­digt. Die Grü­nen-Frak­ti­on re­la­ti­viert Hil­den­brands For­de­rung.

Nicht je­der Ein­zel­fall müs­se im Ko­ali­ti­ons­aus­schuss lan­den, son­dern das Ver­fah­ren müs­se be­spro­chen wer­den. Auch das Staats­mi­nis­te­ri­um, das an der In­ter­ven­ti­on zu­guns­ten des jun­gen Chris­ten be­tei­ligt ge­we­sen ist, hält sich zu­rück. In­halt­lich möch­te man dort nicht Stel­lung be­zie­hen. Ein Spre­cher sagt nur, man wol­le mit dem Ko­ali­ti­ons­part­ner dar­über re­den, wie man mit künf­ti­gen Ab­schie­bun­gen ver­fah­re. Die gro­ße Fra­ge in der Dis­kus­si­on um Ab­schie­bun­gen ist auch, wel­che In­for­ma­tio­nen über die La­ge in den Her­kunfts­län­dern zur Ver­fü­gung ste­hen und wie sie ver­wen­det wer­den. In­nen­mi­nis­ter Strobl spricht von ei­nem Land, in dem Mil­lio­nen Af­gha­nen ih­rem All­tag nach­ge­hen. Das gel­te zu­min­dest für Chris­ten nicht, be­tont das über­kon­fes­sio­nel­le christ­li­che Hilfs­werk für ver­folg­te Chris­ten, Open Doors.

„Ein zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­ter Mann darf auf kei­nen Fall nach Af­gha­nis­tan ab­ge­scho­ben wer­den, weil es dort kei­nen si­che­ren Ort für ihn gibt“, sagt Ado Gre­ve von Open Doors. Kon­ver­ti­ten wür­den von Fa­mi­lie, Dorf und Stamm ver­trie­ben, könn­ten ih­ren Glau­ben nur in Un­ter­grund­kir­chen aus­üben. Wer vom Is­lam ab­kom­me, dem dro­he in Af­gha­nis­tan die To­des­stra­fe. Im Kraich­gau freut sich der­weil ein jun­ger Mann, erst ein­mal nicht in sei­ne Hei­mat zu­rück­keh­ren zu müs­sen, wo ihm der Tod dro­hen könn­te. Men­schen wie er er­hal­ten nach Darstel­lung von Pro Asyl ei­ne be­fris­te­te Dul­dung.

Ex­per­te: In Af­gha­nis­tan droht ihm die To­des­stra­fe

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.