Skulp­tu­ren zum Sin­gen

Gro­ße Re­tro­spek­ti­ve von Fritz Sch­weg­ler in der Kunst­hal­le Mann­heim

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wo liegt ei­gent­lich Breech? Zwi­schen Wä­schen­beu­ren und Plü­der­hau­sen, Lorch und Adel­berg, ein gu­tes Stück west­lich von Stuttgart. Kein Wun­der, dass ein Künst­ler, der aus ei­ner der­art laut­ma­le­risch be­nann­ten Um­ge­bung kommt, von der Spra­che fas­zi­niert ist und sie wie selbst­ver­ständ­lich ein­baut in sein Werk, das skulp­tu­ral ge­nannt wird. Fritz Sch­weg­ler darf oh­ne Ab­stri­che als ein­fluss­reichs­ter Künst­ler Ba­den-Würt­tem­bergs in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gel­ten. Als Pro­fes­sor an der Kunst­aka­de­mie Düsseldorf in­spi­rier­te er Ge­ne­ra­tio­nen von Stu­den­ten, sein Werk je­doch blieb den­noch in sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit ge­heim­nis­voll und des­halb weit­ge­hend markt­re­sis­tent. Die Kunst­hal­le Mann­heim zeigt nun, zwei Jah­re nach sei­nem Tod, die ers­te gro­ße Re­tro­spek­ti­ve des Hans-Tho­maP­reis­trä­gers. Zu se­hen sind mehr als 500 Ex­po­na­te, die in ei­ner Ab­fol­ge von acht Räu­men als Re­qui­si­ten ei­ner gro­ßen Er­zäh­lung in­sze­niert sind, stets un­ter­malt von der mar­kan­ten Sch­weg­ler-Stim­me mit dem ale­man­ni­schen Zun­gen­schlag.

Oh­ne sei­ne Per­son vor Au­gen und sei­ne Stim­me im Ohr zu ha­ben, bleibt die­ses streng sys­te­ma­tisch auf­ge­bau­te Werk er­staun­lich blass. Sei­ne an FIMO-Knet­werk er­in­nern­den „Not­wand­lungs­stü­cke“aus den 1990erJah­ren et­wa, ein Milch­känn­chen mit drei Aus­güs­sen oder ein wei­ßes Schaf mit bei­den Vor­der­läu­fen in ei­nem schwar­zen Stie­fel, sind eher von ab­sur­der Ko­mik als von künst­le­ri­scher Raf­fi­nes­se. Vi­el­leicht hat der Meis­ter aus Breech ge­wusst, das sei­ne ei­gent­li­che Be­ga­bung in der Spra­che liegt, als er Al­f­red Schme­la sag­te, er könn­te sei­ne Skulp­tu­ren auch sin­gen. Prompt lud ihn der Düs­sel­dor­fer Avant­gar­de-Ga­le­rist 1971 zu ei­ner Ein­zel­aus­stel­lung ein.

Sch­weg­ler hat­te sich En­de der 1960erJah­re so­wie­so auf Hand­lungs­an­lei­tun­gen und per­for­ma­ti­ve Auf­trit­te ver­legt, weil er kein Geld mehr hat­te für die Her­stel­lung von Skulp­tu­ren. Nach Rei­sen von Pa­ris über New York nach To­kio fand er über die Jah­re in Düsseldorf ein Fo­rum für sei­ne Bil­der­le­se-Darstel­lun­gen, sei­ne Mo­ri­ta­fel- und Ju­bel-Rol­lenAk­tio­nen, von de­nen ei­ni­ge in Mann­heim als Vi­deo-Auf­nah­men le­bens­groß pro­ji­ziert wer­den.

Wie Jo­seph Beuys woll­te Sch­weg­ler in die Ge­sell­schaft wir­ken, er­dach­te „Stü­cke zum Glü­cke für Je­der­mann“. Sie blie­ben je­doch Stü­cke zum Glü­cke ei­ni­ger we­ni­ger Ken­ner – aber wer weiß, vi­el­leicht kommt die rich­ti­ge Zeit für das Werk des sub­ver­si­ven Schrei­ners aus dem Schutt­wald noch. Tat­säch­lich hat Sch­weg­ler ei­ne Schrei­ner­leh­re ab­sol­viert, hat als Wan­der­ge­sel­le Klein­asi­en und Afri­ka be­reist, und in Stuttgart 1959 sei­ne Meis­ter­prü­fung ab­ge­legt. Zu Be­ginn der 1960er Jah­re be­gann er sein Kunst­stu­di­um an der Stutt­gar­ter Aka­de­mie, das er 1963 in Lon­don be­en­de­te. Da­mals schon hat­te er be­gon­nen, sei­ne Ide­en zu no­tie­ren und zu num­me­rie­ren. Auf die­se Wei­se ent­stan­den sei­ne zahl­rei­chen „Ur-No­ti­zen“, je 100 Stück mit „Ef­fesch“-Num­mern in ei­nem Hef­ter ab­ge­legt, am En­de über Zehn­tau­send, die sein Ar­beits­re­ser­voir dar­stell­ten. Ef­fesch, Ef­fe­schia­den, das klingt nach Ori­ent, ist aber ein­fach laut­ma­le­risch die Ab­kür­zung von Fritz Sch­weg­ler: FSCH.

In man­chen sei­ner Schrift-Aqua­rel­le oder Schrift-Re­liefs, sei­ner A-Leis­ten oder Abu­len­zen, Sou­ve­rä­ne oder „Not­wand­lun­gen mit Stü­cken“blit­zen klei­ne Hin­wei­se für den zu­neh­mend ver­wirr­ten, von den stän­di­gen Wort­wand­lun­gen ein­ge­lull­ten Be­trach­ter auf. „Wenn ich zu­schla­ge, schla­ge ich in der Mit­te des Ver­stan­des, auf hal­ben Weg zu“oder „Die Ab­sicht hat­te nichts zu tun mit dem, was sie fan­den“steht da un­ver­mit­telt zu le­sen. Sol­che Sät­ze klin­gen wie Rat­schlä­ge für Kunst­schaf­fen­de, sind Fest­stel­lun­gen, an de­nen bis heu­te nicht zu rüt­teln ist.

Bar­ba­ra Klemm hat den schrul­li­gen Pro­fes­sor 2001 in sei­nem Hei­mat­ort fo­to­gra­fiert, wo Sch­weg­ler sich im Trans­for­ma­to­ren­werk von Breech und im Schloss­turm von Rech­berg­hau­sen sei­ne eigene Welt, sein „un­be­weg­li­ches Thea­ter“ge­schaf­fen hat: Archiv und Ate­lier, Bi­b­lio­thek und Samm­lungs­haus. Das

In­spi­rie­rend als Leh­ren­der, markt­re­sis­tent als Künst­ler

Land Effsch? Die Foto-Se­quenz ist als ei­ge­nes Heft dem er­hel­len­den Ka­ta­log bei­ge­ge­ben, für den sich Kunst­hal­lenChe­fin Ul­ri­ke Lo­renz dan­kens­wer­ter­wei­se der Mü­he un­ter­zo­gen hat, chro­no­lo­gisch Le­ben und Werk des ex­trem pro­duk­ti­ven Künst­lers zu Pa­pier zu brin­gen. Dem Text vor­an­ge­stellt hat sie ein Zitat des Künst­lers. „Je­des Tun ist ei­ne An­nä­he­rung an das Auf­leuch­ten des Geis­ti­gen“hat­te Sch­weg­ler 1997 in ei­nem Interview ge­sagt. Die Zeich­nung mit dem Ti­tel „Er­leuch­te­te Sä­ge“deu­tet an, wie Sch­weg­ler hu­mor­voll Fun­ken aus den all­täg­li­chen Din­gen zu schla­gen wuss­te. Neo­ro­man­tisch sei al­so sein Werk. Vi­el­leicht han­delt es sich aber auch bloß um die ufer­lo­se Outs­ider-Pro­duk­ti­on ei­nes drech­seln­den Dich­ters, der in den 1970er Jah­ren zu­fäl­lig im Her­zen der da­ma­li­gen Kunst­sze­ne lan­de­te und es ver­stand, mög­lichst vie­le Men­schen zu „Seh­ge­fähr­ten“zu ma­chen. Car­me­la Thie­le

Foto: VG Bild-Kunst/Jan­sen

PER­FOR­MA­TI­VE SKULP­TUR oder skulp­tu­ra­le Per­for­mance? Fritz Sch­weg­ler bei ei­ner „Bil­der­le­se“in den 1960er Jah­ren.

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