Neue Häu­ser auf al­ten Grund­mau­ern

Un­bän­di­ge Lust an der Im­pro­vi­sa­ti­on: Man­fred Mann’s Ear­th­band im Toll­haus Karls­ru­he

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Vor 20 Jah­ren hat Man­fred Mann’s Ear­th­band mit „Soft Ven­ge­an­ce“ihr bis­lang letz­tes re­gu­lä­res Stu­dio­al­bum ver­öf­fent­licht – aber die Songs, die nun im Toll­haus Karls­ru­he zu hö­ren wa­ren, sind durch die Bank noch ein­mal zehn oder 20 Jah­re äl­ter. So müs­sen sich die Fans die­ser un­ver­wüst­li­chen Ka­pel­le (Na­mens­ge­ber und Key­boar­der Man­fred Mann ist in­zwi­schen 76 Jah­re als) Jahr für Jahr auf der end­lo­sen Tour durch die Pro­vinz und auch mal in ei­ner Me­tro­po­le wie Karls­ru­he die im­mer wie­der glei­chen Songs an­hö­ren.

Müs­sen? Nein: Dür­fen. Denn auch 2016 gilt, was be­reits vor vier Jah­ren beim Kon­zert in der Dur­la­cher Fest­hal­le galt: Die Ear­th­band ist noch lan­ge nicht fer­tig da­mit, das vor­han­de­ne Mu­sik­ma­te­ri­al in al­le Rich­tun­gen aus­zu­leuch­ten und im­mer wie­der im De­tail zu ver­än­dern. Si­cher: Das Re­per­toire be­steht zu min­des­tens drei Vier­teln aus durch den Pro­gres­siv­rock-Wolf ge­dreh­ten Be­ar­bei­tun­gen von Fremd­songs, et­wa von Bru­ce Springs­teen („Blin­ded By The Light“, „Spi­rits In The Night“) oder Bob Dy­lan („Fa­ther Of Day, Fa­ther Of Night“, „Migh­ty Quinn“). Und doch klingt die Ear­th­band nie wie ei­ne Co­ver­band – und wenn, dann wie die bes­te der Welt. Lass vom Ori­gi­nal nur die Grund­mau­ern ste­hen und zie­he das gan­ze Haus dar­auf neu hoch – das ist das Prin­zip. Da­zu kommt die wil­de Im­pro­vi­sa­ti­ons­lust des sehr ju­gend­lich agie­ren­den Band­chefs im Team mit sei­nen jahr­zehn­te­lan­gen Spar­rings­part­ner Mick Ro­gers (70) an der Gi­tar­re. Wer gern al­ten Män­nern bei Durch­knal­len auf höchs­tem Ni­veau zu­schaut, fin­det sein Shan­gri La.

Die Rol­len sind klar ver­teilt: Mann ist ei­ner der we­ni­gen, die dem so oft als käl­te­klir­ren­des Ge­räu­scher­zeu­gungs­mo­dul miss­brauch­ten Syn­the­si­zer Wär­me, An­mut, Wür­de und Be­schwingt­heit ver­lei­hen. Mann bräuch­te gar kei­ne Ge­schwin­dig­keits­ra­se­rei auf der Tas­ta­tur – al­lei­ne sei­ne Art, die Tö­ne kom­men zu las­sen, er­zeugt ein ums an­de­re Mal woh­li­ge Schau­er. Schon im zwei­ten Song „Mart­has Mad­man“fin­det je­der Syn­the­si­zer-Has­ser sei­nen Meis­ter. Da spielt Mann das Ge­rät so, dass nie­mand an kal­te Tech­nik, ge­ras­ter­ten Ton und Flä­chen­kleis­ter denkt. Sei­ne So­li sind mit all ih­ren wun­der­ba­ren Ef­fek­ten wie Ben­ding de­nen ei­nes Gi­tar­ris­ten am nächs­ten, und wenn er sich auf die Grund­or­gel zu­rück­zieht, lässt er Mick Ro­gers al­len Raum für sei­ne gut ge­er­de­ten Atta­cken. Der Gi­tar­rist ist wie­der­um ei­ner, der auch ei­ne ak­zen­tu­ier­te, kon­zen­trier­te Rhyth­mus­gi­tar­re drauf­hat. Und der auch mal Ru­he gibt, wenn Mann in „Da­vy’s On The Road Again“zur Atta­cke bläst. Und der sich zu­sam­men mit Mann in „Migh­ty Quinn“mit Po­ker­face mul­ti­ple Or­gas­men er­spielt.

Ge­rad­li­ni­ge Pop­songs zu „Stü­cken“auf­zu­bla­sen oder gar zu „Wer­ken“ist die ei­ne Sei­te. Die an­de­re ist, ein­fach mal ei­nen Song ei­nen Song sein zu las­sen – wie bei Bob Dylans „You An­gel You“und Marc Bolans „Get It On“. Hier hat Sän­ger Ro­bert Hart mal durch­ge­hend die Chan­ce, sein Licht leuch­ten zu las­sen. Der Mann hat über die Jah­re an For­mat ge­won­nen: sei­ne an­fäng­li­che Rock­star-At­ti­tü­de in­klu­si­ve ge­sang­li­chem „Over­ac­ting“hat er zu­rück­ge­nom­men und nä­hert sich in den bes­ten Mo­men­ten dem lang­jäh­ri­gen Band-Aus­hän­ge­schild Chris Thomp­son an, oh­ne ihn zu ko­pie­ren. Jetzt passt al­les. Tho­mas Zim­mer

Foto: Ho­ra

UN­VER­WÜST­LICH: Man­fred Mann, mitt­ler­wei­le 76 Jah­re alt, hielt sich auch beim jüngs­ten Karls­ru­her Gast­spiel sei­ner Ear­th­band weit­ge­hend im Hin­ter­grund, ließ aber mu­si­ka­lisch ab­so­lut nichts an­bren­nen.

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