Die Wie­der­kehr der Un­ter­drü­ckung

Be­drü­ckend ak­tu­ell: Schau­spiel Han­no­ver dra­ma­ti­siert den Ro­man „Macht und Wi­der­stand“

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Wel­che Er­run­gen­schaft die De­mo­kra­tie dar­stellt, wird oft erst klar, wenn sie in Ge­fahr ist. Das zeigt das in Han­no­ver ur­auf­ge­führ­te Thea­ter­stück „Macht und Wi­der­stand“. Die Si­tua­ti­on in Bul­ga­ri­en vor und nach der Wen­de lässt sich auf an­de­re Län­der über­tra­gen.

Zehn Jah­re lang saß er für die Spren­gung ei­nes Sta­lin-Denk­mals in ei­nem bul­ga­ri­schen Fol­ter-Ge­fäng­nis – und noch nach der Wen­de 1989 bleibt Kon­stan­tin ein Ge­fan­ge­ner. Der von den frü­he­ren Macht­ha­bern für ver­rückt er­klär­te An­ar­chist sucht in sei­ner Sta­si-Ak­te nach der Wahr­heit und will Denun­zi­an­ten und Fol­te­rer vor Ge­richt brin­gen. In sei­nem Kopf ist kein Platz für et­was an­de­res, nicht mal für die Lie­be. Die Rat­schlä­ge von Weg­ge­fähr­ten, mit der Ver­gan­gen­heit ab­zu­schlie­ßen, em­pö­ren ihn.

Kon­stan­tin ist ei­ne der bei­den Haupt­fi­gu­ren im Stück „Macht und Wi­der­stand“, das bei der Urauf­füh­rung im Schau­spiel­haus Han­no­ver ge­fei­ert wur­de. Im Herbst 2017 wird die Ins­ze­nie­rung im Deut­schen Thea­ter Ber­lin zu se­hen sein. Grund­la­ge ist Ili­ja Tro­ja­nows fast 500-sei­ti­ger gleich­na­mi­ger Ro­man. Für sein „Le­bens­buch“, wie der 51-Jäh­ri­ge „Macht und Wi­der­stand“nennt, re­cher­chier­te der Schrift­stel­ler jah­re­lang in den Ar­chi­ven der Staats­si­cher­heit sei­nes Ge­burts­lan­des Bul­ga­ri­en.

Der deutsch-bul­ga­ri­sche Schau­spie­ler Sa­mu­el Fin­zi, un­ter an­de­rem be­kannt aus der ZDF-Se­rie „Flemming“und aus Til Schwei­gers „Ko­ko­wääh“-Fil­men, bril­liert in der Rol­le des un­er­bitt­li­chen, kau­zi­gen Kon­stan­tin, der ei­nen schier aus­sichts­lo­sen Kampf führt. Sein Ge­gen­spie­ler auf der Büh­ne heißt Me­to­di (Markus John). Der Sta­si-Of­fi­zier hat es in der neu­en Zeit als Ge­schäfts­mann schon wie­der weit ge­bracht. Reue zeigt er nicht. Viel­mehr recht­fer­tigt er sei­ne Ver­bre­chen im Na­men der Par­tei.

Re­gis­seur Du­san Da­vid Pa­rízek, des­sen Va­ter un­ter Re­pres­sio­nen in der ehe­ma­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei litt, hat aus dem um­fang­rei­chen Ro­man ei­nen in­ten­si­ven, knapp drei­stün­di­gen Thea­ter­abend ge­macht. Auf der Büh­ne ste­hen ne­ben Fin­zi und John noch Hen­ning Hart­mann so­wie Sa­rah Fran­ke. Pa­rízek gibt den Zu­schau­ern Ein­blick in die vom to­ta­li­tä­ren Sys­tem ge­präg­ten Denk­struk­tu­ren der ge­gen­sätz­li­chen Män­ner – oft mit bit­ter­bö­sem Hu­mor.

An­ge­sichts der Zu­nah­me au­to­ri­tä­rer Herr­schaft welt­weit sei der Ro­man hoch ak­tu­ell, sagt Au­tor Tro­ja­now, der zur Pre­mie­re an­ge­reist war. Vor kur­zem ha­be ein tür­ki­scher Ver­lag „Macht und Wi­der­stand“her­aus­ge­bracht. „In Län­dern wie der Tür­kei müs­sen sich Men­schen täg­lich Fra­gen stel­len über ih­re Be­reit­schaft zum Wi­der­stand, über Mecha­nis­men der Macht, über Frei­räu­me und Rück­zugs­ge­bie­te. Oh­ne Wi­der­stand kann es kei­ne Frei­heit ge­ben, aber wie vie­le von uns sind be­reit, Wi­der­stand zu leis­ten?“Chris­ti­na Sticht

Foto: dpa

EIN­ZEL­KÄMP­FER: Der An­ar­chist Kon­stan­tin (Sa­mu­el Fin­zi).

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