Büh­ler­hö­he

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

36. Fort­set­zung

Da­mit konn­te man schlecht im Da­men­kränz­chen beim Fün­fuhr­tee an­ge­ben. Doch letzt­end­lich, merk­te So­phie, war es ihr egal, wo­mit Xa­vier sein Geld ver­dien­te.

„Ir­gend­ein kon­kre­ter Ver­dacht?“, hör­te sie von Dros­te fra­gen.

„Ein win­di­ger It­zig aus Pa­ris, der die Waf­fen bis zur spa­ni­schen Küs­te ge­bracht hat. Er wuss­te, wann die Lie­fe­rung in Tan­ger an­kommt.“„Na­me?“„Ich kenn ihn als Ar­tur Lö­wen­stein. Aber der Kerl wech­selt Na­men und Aus­se­hen wie Hem­den. Er ist ei­ner von de­nen, die durch al­le Höl­len ge­gan­gen sind und die nichts mehr schreckt.“„Wo steckt er?“„Zu­letzt Pa­ris. Seit ein paar Ta­gen wie vom Erd­bo­den ver­schluckt.“

„Und er hat dem Mossad ei­nen Tipp ge­ge­ben?“

„Es wuss­ten nur we­ni­ge Leu­te von der Lie­fe­rung. Auch da­von, dass sie nur zwei bis drei Ta­ge in Tan­ger la­gern soll­te, bis die Ägyp­ter die zwei­te Ra­te be­zahlt und den Wei­ter­trans­port or­ga­ni­siert hät­ten.“

„Ich neh­me an, wenn’s der Ju­de nicht war, wa­ren es dei­ne Leu­te vor Ort? Ara­ber?“

„Komm schon, Her­mann. Du kennst das Spiel. Man lis­tet al­le auf, über­prüft ei­nen nach dem an­de­ren, bis der Schul­di­ge üb­rig bleibt.“

„Hab ge­hört, ein Ara­ber ist hier in der Ge­gend. Um dir Bericht zu er­stat­ten, oder was?“„Hast wie üb­lich al­les im Blick?“„Muss ich, mein Lie­ber, sonst sä­ße ich nicht auf dem Pos­ten, auf dem ich jetzt bin. War­um ist Ab­dul Nour­ri­di­ne hier?“

„Er ist mein Statt­hal­ter in Tan­ger, kam her, um mir per­sön­lich von dem Über­fall zu be­rich­ten. Spielt vi­el­leicht ein dop­pel­tes Spiel. Al­so, was ist mit dem Mossad?“

Von Dros­te ließ sich Zeit, be­vor er ant­wor­te­te: „Un­se­re Be­zie­hung ist im Mo­ment ge­ra­de­zu in­nig, ge­zwun­ge­ner­ma­ßen. Das Wie­der­gut­ma­chungs­ge­setz. Der Kanz­ler will es durch den Bun­des­tag pau­ken, da­mit die Amis zuf­rie­den sind. Hier jam­mern al­le we­gen dem vie­len Geld, in Is­ra­el schäu­men die Zio­nis­ten, aber Ben Gu­ri­on braucht das deut­sche Geld, sonst ist sein schö­ner neu­er Staat plei­te. Wir und der Mossad müs­sen al­so al­les tun, da­mit nicht ir­gend­ein Ir­rer, egal von wel­cher Sei­te, das Ge­schäft ver­mas­selt. Ar­tur Lö­wen­stein. Ein Ir­gun-Mann?“

„Ir­gun, Ha­ga­na, der kann auf al­len Hoch­zei­ten ge­tanzt ha­ben. Haupt­sa­che, ich er­fah­re, ob er hin­ter der Saue­rei steckt.“

„Wenn der BND mit dei­nen In­for­ma­tio­nen et­was an­fan­gen kann, re­den wir dar­über. Wann kannst du in Bonn sein?“

„Ich muss in den nächs­ten Ta­gen ge­schäft­lich nach Ko­blenz. Der Ab­ste­cher in die neue Bun­des­haupt­stadt wä­re al­so kein Pro­blem.“

„Ich stel­le ei­nen Kon­takt zu un­se­rem Nah­ost-Ex­per­ten her. Adel­bert Schulz. Er wird sich bei dir mel­den. War mit Rom­mel in Afri­ka.“

„Dann hat er zu­min­dest schon mal Wüs­ten­sand ge­küsst.“Von Dros­te lach­te tro­cken.

„Ein letz­tes Glas auf die al­ten Zei­ten?“, schlug Xa­vier vor. „Ein letz­tes Glas.“Wie­der hör­te So­phie Rei­sacher das Klir­ren von Glä­sern und kurz dar­auf Schrit­te. Auf Ze­hen­spit­zen hüpf­te sie um die Ecke, lief dann zu­rück zum Haupt­ein­gang und von dort hin­auf in ihr Zim­mer. Sie stopf­te die nas­sen Schu­he mit Pa­pier aus, häng­te die Strümp­fe über ei­nen Stuhl, schlüpf­te in ihr Nacht­hemd und dann ins Bett. Falls Xa­vier noch kam, was al­ler­dings sehr, sehr un­wahr­schein­lich war, wür­de er sie schla­fend fin­den. Nur äu­ßerst sel­ten hat­te sie es zu­ge­las­sen, dass er die Nacht in ih­rem Bett ver­brach­te. Sie woll­te auf kei­nen Fall, dass hier im Haus ih­re Li­ai­son pu­blik wur­de. Ob­wohl … jetzt, wo Xa­vier so ein­deu­tig von Hei­rat ge­spro­chen hat­te, konn­te sie ihn doch als ih­ren Ver­lob­ten ein­füh­ren. Bald, sehr bald wür­de sie die­ses Ho­tel ver­las­sen und Ma­dame Pfis­ter sein.

Hunds­eck

„Die Frau Rei­sacher schickt die Sei­fe so schnell wie mög­lich re­tour und lässt schön grü­ßen“, rich­te­te Ag­nes Hart­mann aus, nach­dem die frem­de Frau end­lich ge­gan­gen war und sie sich zu­rück ins Foy­er des Hunds­eck trau­te. Gleich hin­ter der Tür stand Hart­mann und sah der Gold­berg nach. „Soll ich mit den Abrech­nun­gen der Kell­ner oder der Kü­che wei­ter­ma­chen?“

So schnell wür­de sie der Di­rek­tor nicht zu­rück an die Ar­beit las­sen, wuss­te sie nach ei­nem has­ti­gen Blick in sein Ge­sicht. Der muss­te erst Dampf ablas­sen. Ein Was­ser­kes­sel kurz vor dem Ex­plo­die­ren! Sie senk­te den Kopf und hoff­te, dass das Don­ner­wet­ter schnell vor­über­ging. Am Emp­fang konn­te er sie nicht so gut ab­kan­zeln wie hin­ten im Bü­ro, wo er sie bei ih­rem Vor­stel­lungs­ge­spräch so­gar ge­zwun­gen hat­te, die Ho­sen run­ter­zu­las­sen. Nicht im ei­gent­li­chen Sinn, aber den schma­len Rock und die neue Blu­se, die ihr die Mut­ter ge­näht hat­te, muss­te sie aus­zie­hen. Ge­schlot­tert hat­te sie, wie da­mals, als die schwar­zen Teu­fel ka­men, aber in den Au­gen des Di­rek­tors hat­te kei­ne fieb­ri­ge Gier ge­leuch­tet; er roch auch nicht nach Bock oder läu­fi­gem Hund, als er ih­re Un­ter­wä­sche in­spi­zier­te. „Wis­sen Sie, Fräu­lein Ag­nes, au­ßen hui und in­nen pfui gibt es in ei­nem Ho­tel wie dem un­se­ren nicht“, be­lehr­te er sie, als sie so halb nackt vor ihm stand. „Se­hen Sie zu, dass Ih­re Un­ter­wä­sche die Qua­li­tät Ih­rer Ober­be­klei­dung hat, und wech­seln Sie sie häu­fi­ger, als Sie das bis­her ge­tan ha­ben. Ich kann hier am Emp­fang kei­ne ge­brau­chen, die nach Kuh­stall oder Mo­nats­blut stinkt. Zei­gen Sie mal Ih­re Fin­ger­nä­gel her!“Sie hat­te sich nicht ge­traut, mit der Mut­ter oder der Wal­burg dar­über zu re­den, nur mit der Mar­tha, die jetzt im Park­ho­tel in Ba­den-Ba­den ar­bei­te­te. Die er­zähl­te ihr, dass man das in al­len vor­neh­men Ho­tels so mach­te und Ag­nes sich ein­fach drei neue Un­ter­ho­sen kau­fen und den Rest ver­ges­sen soll­te. „Ver­ges­sen kön­nen wir doch gut. Wir ha­ben schon Schlim­me­res ver­ges­sen müs­sen“, sag­te sie zum Schluss. Und wo sie recht hat­te, die Mar­tha, da hat­te sie recht.

„Kannst du mir sa­gen, wo du dich her­um­ge­trie­ben hast, nach­dem du Frau Gold­berg im Wald be­geg­net bist?“Hart­mann ging ihr zur Re­zep­ti­on vor­aus und zerr­te wie ein schlech­ter Zau­be­rer ihr Ta­schen­tuch un­ter dem Tre­sen her­vor. „Das hat sie ge­fun­den und woll­te es dir per­sön­lich zu­rück­ge­ben. Per­sön­lich! Ich hab dich schon mal ge­fragt, ob du die Frau kennst. Un­ter­steh dich, mich noch mal an­zulü­gen!“

„Ich schwör’s bei al­len Hei­li­gen, dass ich die Frau nicht kenn“, flüs­ter­te Ag­nes. Ganz schumm­rig war ihr, weil der Na­me jetzt schon zum zwei­ten Mal fiel. Ob sie die Frau Gold­berg, ge­bo­re­ne Sil­ber­mann, ken­ne, hat­te sie auch Ma­dame Rei­sacher ge­fragt.

„Hat sie dich wo hin­ge­schickt? Muss­test du et­was für sie er­le­di­gen?“, bohr­te Hart­mann wei­ter.

Ag­nes schüt­tel­te den Kopf. Ob die Frau dem Hart­mann er­zählt hat­te, dass sie den Berg her­un­ter­geseckelt war, als wä­ren Teu­fel und Lu­zi­fer ge­mein­sam hin­ter ihr her? Nein, ent­schied sie. Da wür­de der Di­rek­tor an­ders fra­gen.

„Dann er­klär mir mal, war­um Frau Gold­berg ei­ne hal­be St­un­de vor dir hier an­kam, ob­wohl sie sich noch in den Hei­del­bee­ren ver­irrt hat!“

„Ich ha­be die Wal­burg ge­trof­fen, Herr Di­rek­tor“, flüs­ter­te Ag­nes und hielt den Kopf wei­ter ge­senkt. „Sie hat sich den Arm an ei­nem Wei­de­zaun auf­ge­ris­sen. Ich hab sie ver­bin­den müs­sen.“

Fort­set­zung folgt

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