Die Re­inkar­na­ti­on von Richard Strauss?

Pforzheimer Kurier - - LÄNDER UND LEUTE -

An­dré Rieu ist ein Mann der Su­per­la­ti­ve und bom­bas­ti­schen Klän­ge. Über 35 Mil­lio­nen ver­kauf­te Ton­trä­ger, rund 600 Pla­tin- und Gold-Aus­zeich­nun­gen und jähr­lich ei­ne Mil­li­on Kon­zert­be­su­cher ma­chen den 65-jäh­ri­gen Nie­der­län­der zum er­folg­reichs­ten Vio­li­nis­ten der Welt. 2017 packt er sei­ne sünd­haft teu­re Stra­di­va­ri von 1732 wie­der aus und in­ter­pre­tiert auf ihr die schöns­ten Wal­zer sei­nes Vor­bil­des Jo­hann Strauss.

Herr Rieu, Sie sind sehr um­trie­big. Ih­re dies­jäh­ri­ge Tour en­det erst am Tag vor Hei­lig­abend. Sta­tio­nen sind Ame­ri­ka, Aus­tra­li­en, Neu­see­land, Ir­land und En­g­land. Wie be­rei­ten Sie sich auf sol­che Rei­sen vor?

An­dré Rieu: Wir wech­seln im­mer zwi­schen Tour­ne­en und Ru­he­pha­sen. In mei­nem Orches­ter spie­len vie­le jun­ge Leu­te mit klei­nen Kin­dern und ich sor­ge da­für, dass wir im All­ge­mei­nen nie län­ger als zwei Wo­chen am Stück un­ter­wegs sind. Nur bei Aus­tra­li­en und Neu­see­land sind es drei Wo­chen.

In der „Ru­he­pha­se“ar­bei­ten Sie an neu­en Plat­ten?

Rieu: Ja ge­nau. Vie­le glau­ben, dass das Rei­sen un­glaub­lich an­stren­gend ist, aber in Wirk­lich­keit ist es um­ge­kehrt. Auf Rei­sen ist Fe­ri­en, da ist al­les ge­re­gelt. Ich brau­che nur noch auf die Büh­ne zu sprin­gen und schö­ne Mu­sik zu spie­len. Und in der Zeit zu­hau­se muss ge­re­gelt wer­den, dass ich nächs­tes und über­nächs­tes Jahr auch noch was zu spie­len ha­be. Und neue Plat­ten, neue DVDs müs­sen ge­macht wer­den. Für uns ar­bei­ten un­ge­fähr 110 Festan­ge­stell­te und noch ein­mal 100 Fre­e­lan­cer. Das sind ei­ne gan­ze Men­ge Leu­te, die je­den Mo­nat ihr Ho­no­rar be­kom­men. Das muss ich al­les er­spie­len.

Kön­nen Sie mit die­ser Ver­ant­wor­tung noch ru­hig schla­fen? Rieu: Ich ha­be ei­nen son­ni­gen Cha­rak­ter. Mei­ne Frau und ich ver­su­chen im­mer, Pro­ble­me zu lö­sen schon be­vor sie ent­ste­hen. Okay, ich ha­be mich mal ver­tan, mit dem Nach­bau von Schloss Schön­brunn. Mit den Ko­pi­en bin ich um die Welt ge­reist, aber das war dann wirk­lich zu viel und ich bin plei­te ge­gan­gen. Nur die Bank hat mich ge­ret­tet. Na­tür­lich spü­re ich ei­ne Ver­ant­wor­tung, aber sie ist kei­ne Last, so dass ich nicht mehr schla­fen kann. Ich schla­fe übe­r­all gut.

Sind Ih­re Vi­sio­nen im­mer noch so groß?

Rieu: Ich ha­be viel aus dem Bank­rott ge­lernt und bin jetzt ru­hi­ger ge­wor­den. Man­che Vi­si­on ist in ir­gend­ei­ner Schub­la­de ge­lan­det. Ich bin stolz auf das, was wir schon er­reicht ha­ben. Vo­ri­ge Wo­che be­gann der Vor­ver­kauf für un­se­re Maas­tricht-Kon­zer­te in 2017, drei da­von wa­ren an ei­nem Tag aus­ver­kauft. Un­ser Ziel ist, die Men­schen mit Mu­sik glück­lich zu ma­chen.

Wie ar­bei­ten Sie an sich und Ih­rer Ent­wick­lung als Künst­ler?

Rieu: Ich rei­se je­des Jahr mit mei­nem Orches­ter um die Welt und ma­che neue CDs, das ge­nügt mir schon. Aber trotz­dem ha­ben Sie recht, man darf künst­le­risch nicht ste­hen blei­ben. Wir ha­ben dies­mal ei­ne CD ge­macht, die heißt „Fal­ling In Lo­ve“. Dar­auf sind schö­ne ro­man­ti­sche Me­lo­di­en zu hö­ren. Als die CD fer­tig war, sag­te ich zu mei­ner Frau: „So, was ma­chen wir als nächs­tes?“Das ist das Span­nen­de dar­an: Wir ge­hen im­mer wei­ter.

Sie gel­ten als der er­folg­reichs­te Vio­li­nist der Welt. Was ver­ste­hen Sie selbst un­ter Er­folg?

Rieu: Er­folg ist re­la­tiv. Ich bin im­mer noch der­sel­be, der ich war, be­vor ich be­rühmt wur­de. Ich mei­ne das wirk­lich. Wenn ich im La­den hier um die Ecke Spa­ghet­ti kau­fe, dann bin ich der­sel­be Mensch, der abends auf der Büh­ne steht. Das macht auch ei­nen Teil mei­nes Er­folgs aus. Vor kur­zem wa­ren wir in Hol­ly­wood mit dem gan­zen Orches­ter bei „Dan­cing With the Stars“im Fern­se­hen. Da­nach gab es ei­nen Dreh auf dem Walk of Fa­me. Von da bin ich nach der Rück­kehr so­fort in un­se­ren Mi­ni-Su­per­markt im Vier­tel ge­gan­gen, um ein­zu­kau­fen. Es gab Bu­let­ten mit Rot­kohl. Wenn ich da­mit or­dent­lich kle­cke­re, hab ich auch ei­nen ro­ten Tep­pich. Man muss sich nur zu hel­fen wis­sen (lacht).

Sie ha­ben ei­ne Zeit lang als Mo­del ge­ar­bei­tet …

Rieu: Ja, in mei­ner Stu­den­ten­zeit. Ich glau­be, ich war so­gar ein er­folg­rei­ches Mo­del, denn ich wur­de im­mer wie­der ge­fragt. Ich soll­te so­gar Nackt­mo­del sein, aber das woll­te ich nicht. Und dann trat Mar­jo­rie in mein Le­ben und frag­te mich, ob ich da­für auch be­zahlt wer­den wür­de. Ich sag­te: „Das Geld für die letz­ten zehn Jobs be­kom­me ich noch“. Das ha­be ich mir dann auch ge­holt, da­mit war mein Job als Mo­del vor­bei. Das war das ers­te Mal, dass ich die rich­ti­ge Welt ken­nen­ge­lernt ha­be. Ich war ziem­lich un­glück­lich in die­ser Zeit.

In Ih­ren Kon­zer­ten sieht man auch vie­le jun­ge Men­schen im Pu­bli­kum. Was ver­bin­det Sie per­sön­lich mit der Ju­gend von heu­te?

Rieu: Bei der Wo­che des Bu­ches in Hol­land zum Bei­spiel ha­be ich Schul­kin­dern et­was vor­ge­le­sen. Sie fan­den das sehr schön. Klei­ne Kin­der sind of­fen und ehr­lich, da­von be­kom­me ich im­mer feuch­te Au­gen. Glück­li­cher­wei­se ha­be ich vie­le Fans un­ter der Ju­gend.

Sie sind be­kannt für Ih­re Pünkt­lich­keit und Zu­ver­läs­sig­keit. Ha­ben Sie schon mal ein Kon­zert ver­passt?

Rieu: Nein, noch nie. In Ari­zo­na hat­ten wir ein­mal Pro­ble­me mit den Be­hör­den, weil wir dort mit ei­ge­nen Bus­sen un­ter­wegs wa­ren. Das war dort nicht er­laubt. Wir ka­men dann erst 15 Mi­nu­ten vor Kon­zert­be­ginn an – und star­te­ten trotz­dem pünkt­lich um 20 Uhr. Das war das Span­nends­te, was wir je hat­ten. Nach je­dem Kon­zert fällt der Druck von mir ab und ich den­ke: „Puh, al­les ist wie­der gut ge­gan­gen“.

Ver­su­chen Sie im­mer, mit der Zeit zu ge­hen? Wür­den Sie sich je­mals ein Tat­too ste­chen las­sen?

Rieu: Nein, nein, ich will kein Tat­too, ich bin ein alt­mo­di­scher Mensch. Ich ge­fal­le mir so, wie ich bin. Aber wir le­ben in ei­ner frei­en Welt, lasst die Leu­te das ma­chen, wenn es ih­nen Spaß be­rei­tet. In Ame­ri­ka wer­den gu­te Ge­schäf­te ge­macht mit dem Ent­fer­nen von Tat­toos. Mei­ne Söh­ne ha­ben auch kei­ne. Das Schlimms­te, was mein Jüngs­ter je ge­macht hat, war sich sei­ne Haa­re zu fär­ben. Ich weiß noch, wie er als 14-Jäh­ri­ger ein­mal die Trep­pe run­ter­kam mit Haa­ren so weiß wie Pa­pier. Da wa­ren wir ein biss­chen ge­schockt. Aber gut, er war in der Pu­ber­tät. Nach zwei Jah­ren hat­te er plötz­lich wie­der sei­ne nor­ma­le Haar­far­be und wir dach­ten: „Ach, scha­de. Es sah doch ei­gent­lich ganz schön aus!“

Ha­ben Sie ei­ne Dro­ge, um Ih­re Krea­ti­vi­tät zu stei­gern?

Rieu: Ich glau­be nicht, dass ich sie mit Dro­gen oder Al­ko­hol stei­gern muss, sie ist stän­dig da. Ich ha­be per­ma­nent Ide­en. Mei­ne Frau sagt dann, okay, die­se Idee fliegt in den Müll­ei­mer, und die nächs­te set­zen wir um.

Hand aufs Herz: Gön­nen Sie sich vor ei­nem Auf­tritt nicht ab und zu Mal ei­nen Jo­int?

Rieu: Nein, das ha­be ich noch nie ge­tan. Ich will mich nicht ir­gend­ei­nem Zeug über­las­sen. Nach dem Kon­zert trin­ke ich gern zu­sam­men mit mei­nem Orches­ter ein Glas Bor­deaux, wenn er gut ist. Das war’s. Das fin­de ich to­tal schön. Al­lei­ne trin­ken mag ich nicht. Und zu­hau­se trin­ke ich eh fast nichts.

Was be­deu­tet es, alt­mo­disch zu sein?

Rieu: Manch­mal den­ke ich, ich bin ei­ne Re­inkar­na­ti­on von Jo­hann Strauss, weil ich so ger­ne sei­ne Wal­zer spie­le, ha­ha. Ei­gent­lich glau­be ich nicht an Wie­der­ge­burt, aber Strauss war schon ein Ge­nie, das fan­tas­ti­sche Mu­sik kom­po­niert hat. Gleich­zei­tig le­be ich un­heim­lich gern in der Ge­gen­wart und bin sehr neu­gie­rig.

Interview: Olaf Ne­u­mann

Foto: Vri­j­t­hof

LICHT AUS, HAN­DY AN: An­dré Rieu, stol­zer Be­sit­zer ei­ner Stra­di­va­ri, be­geis­tert die Mas­sen.

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