Scheue Über­flie­ger

Twen­ty One Pi­lots

Pforzheimer Kurier - - MUSIK-SZENE -

Zwei frea­ki­ge Ty­pen aus der USame­ri­ka­ni­schen Pro­vinz ha­ben mit „Blur­ry­face“das er­folg­reichs­te Al­bum des Jah­res ge­macht und spie­len auch hier­zu­lan­de nun in gro­ßen Hal­len. Gern hö­ren sie es nicht, dass ihr Su­per­hit „Stres­sed Out“die gro­ße Hym­ne für all die so­ge­nann­ten Mill­en­ni­als, al­so die um das Jahr 2000 her­um ge­bo­re­nen Ju­gend­li­chen, sei. Ist aber so, und da­mit müs­sen Ty­ler Jo­seph (27, Sän­ger und Key­boar­der) und Josh Dun (28, Schlag­zeu­ger) jetzt ein­fach mal zu­recht­kom­men. „Ich hat­te nicht im ge­rings­ten dar­an ge­dacht, ein Sprach­rohr für Te­enager zu sein, als wir den Song schrie­ben“, be­tont Jo­seph (der wie sein mu­si­ka­li­scher Part­ner ziem­lich me­di­en­scheu ist und kaum mit der Pres­se re­det) ge­gen­über dem US-Ma­ga­zin „Bill­board“. „Das Lied han­delt ein­fach nur von der tol­len Be­zie­hung zu mei­nem Bru­der, und wie wir zu­sam­men auf­wuch­sen. Lan­ge Zeit in der Kind­heit war er mein ein­zi­ger ech­ter Freund.“Im Üb­ri­gen, so der Sän­ger, kom­me der Song, der vor al­lem in den USA zu den größ­ten Hits des Jah­res zählt, auch bei äl­te­ren Men­schen sehr gut an, „mein Va­ter zum Bei­spiel liebt ihn auch.“Und doch: „Stres­sed Out“so­wie im Grun­de das gan­ze Al­bum „Blur­ry­face“dre­hen sich um all die klei­nen und grö­ße­ren Un­si­cher­hei­ten, Selbst­zwei­fel, Iden­ti­täts­kri­sen und Ängs­te, mit de­nen sich ins­be­son­de­re Ju­gend­li­che seit Jahr­mil­lio­nen schon her­um­schla­gen. Wohl auch des­halb kommt das Duo ins­be­son­de­re bei Te­enagern (mehr­heit­lich, aber nicht nur je­nen weib­li­chen Ge­schlechts) sen­sa­tio­nell gut an.

Da­bei sind Ty­ler (seit ei­nem Jahr ver­hei­ra­tet) und Josh (seit ei­ni­ger Zeit wie­der Sing­le) kei­ne ty­pi­schen Mäd­chen­schwär­me, ei­ni­ger­ma­ßen gu­tes Aus­se­hen hin oder her. zwei, die aus der Stu­den­ten­stadt Co­lum­bus in Ohio stam­men und dort wei­ter­hin le­ben, sind ziem­li­che Nerds. Et­was schrä­ge und ein we­nig scheue Vö­gel, die sich über die Lie­be zur Mu­sik ken­nen­lern­ten und bald fest­stell­ten, dass sich per­fekt er­gän­zen. Wei­te­re Band­mit­glie­der wa­ren nicht mehr nö­tig. Seit 2011 kon­zen­trie­ren sie sich ganz auf die Twen­ty One Pi­lots, 2013 kam das ers­te Al­bum „Ves­sels“, vor nun knapp an­dert­halb Jah­ren schon „Blur­ry­face“, mit dem sie seit­dem wirk­lich abräu­men. „Wir füh­len uns von dem gan­zen Er­folg ziem­lich über­rannt“, be­Die kennt Jo­seph. „Wir sa­hen uns im­mer als ei­ne klei­ne Al­ter­na­ti­ve Band mit ei­ner über­sicht­li­chen Zahl von wirk­lich eif­ri­gen Fans. Nun sind wir die­se Band mit den Me­ga-Ra­dio­hits. Ich glau­be nicht, dass wir es in un­se­rer DNA ha­ben, uns auf Dau­er dort oben fest­zu­set­zen.“

Die zwei Jungs, die auf der Büh­ne wil­der sind als auf Plat­te und auch schon mal Ske­lett­kos­tü­me an­zie­hen, ha­ben ei­ne Ni­sche be­setzt, von der nie­mand vor­her wuss­te, dass sie exis­tiert. Ge­mein­hin gilt das, was sie auf „Blur­ry­face“trei­ben, als Rock­mu­sik, nur: rich­ti­ger Rock ist es eher nicht. „Stres­sed Out“oder auch die an­de­ren Hits wie „Ri­de“und ak­tu­ell „Hea­thens“fu­ßen auf eher luf­ti­gen, von Key­boards und elek­tro­ni­scher Mu­sik ge­präg­ten Kom­po­si­tio­nen, mit­un­ter dra­ma­ti­schen Tem­po­wech­seln, ei­ner Lie­be zu den Neun­zi­ger Jah­ren, der nach vor­ne ge­misch­ten Stim­me des Sän­gers, deut­li­chen Reg­gaeund so­gar HipHop-Ein­flüs­sen. So ganz grob lie­fern die Twen­ty One Pi­lots ei­ne Mischung aus The Kil­lers, Emi­nem, My Che­mi­cal Ro­mance, den Red Hot Chi­li Pep­pers und Avicii.

„Wir sind im Grund­schul­al­ter bei­de von un­se­ren El­tern zu­hau­se un­ter­rich­tet wor­den“, wagt sich Ty­ler Jo­seph an ei­ne Er­klä­rung, war­um der Stil des Du­os so schwer zu ka­te­go­ri­sie­ren ist. „Als wir dann in der fünf­ten Klas­se end­lich in die Schu­le durf­ten, wur­den wir ge­mobbt und wa­ren lo­gi­scher­wei­se in kei­ner Cli­que. Wir misch­ten ein­fach übe­r­all mit und merk­ten, dass wir uns we­der fest­le­gen woll­ten, was die Leu­te, noch was den Mu­sik­ge­schmack an­geht. Wir fan­den ein­fach al­les cool.“

Und so be­steht die er­folg­reichs­te Rock­band 2016 eben aus zwei schmäch­ti­gen Au­ßen­sei­tern, die sich ge­fun­den ha­ben und die zwar kei­nen tra­di­tio­nel­len, schon gar kei­nen be­son­ders lau­ten oder kon­tro­ver­sen, Rock spie­len. Son­dern die mit „Blur­ry­face“ein nach­denk­li­ches, wei­ches, un­ter­halt­sa­mes, hin­rei­chend läs­si­ges Al­bum ge­macht ha­ben, das so klingt wie die Spo­ti­fy-Lis­ten ih­rer Fans: Von al­lem ist ein biss­chen da­bei.

Stef­fen Rüth

Foto: Ja­ba­ri Ja­cobs

UND PLÖTZ­LICH SIND SIE AUF DEM RA­DAR: Twen­ty One Pi­lots.

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