Gu­te Ge­schäf­te

Kri­mi der Wo­che

Pforzheimer Kurier - - BUNTE SEITE -

Zu­ge­ge­ben: Er sah ein­fach nur lä­cher­lich aus. Der dun­kel­ro­te schwe­re Stoff mit den wei­ßen Bor­ten und gol­de­nen Knöp­fen roch nach Kel­ler, das Gum­mi­band des Rau­sche­bar­tes kniff ihm in die Wan­gen. Was tat man nicht al­les für ein lu­kra­ti­ves Ge­schäft. Und Ge­schäf­te, wie Ser­gej es nann­te, lie­fen in der Vor­weih­nachts­zeit bom­bas­tisch. Er, der Weih­nachts­mann in der Ein­kaufs­pas­sa­ge, hat­te aber auch wirk­lich flei­ßi­ge Eng­lein um sich her­um schwir­ren: Tho­mas, Ali, Leo, Ke­vin und Ro­bert. Al­le mit so flin­ken Fin­gern, dass die prall ge- füll­ten Geld­beu­tel sich sta­pel­ten. Wo? Na­tür­lich in Ser­ge­js- Ver­zei­hung, in San­ta Claus-Ju­te­sack, der vor der schnee­be­deck­ten Plas­tik­tan­ne ne­ben dem Schlit­ten stand. Ein per­fek­ter Plan!

Wie­der trat so ein klei­ner Rotz­löf­fel vor, wäh­rend der Herr Pa­pa das Smart­pho­ne zück­te. Fotos mit dem Weih­nachts­mann, dem ech­ten na­tür­lich, wie die Ta­fel vor Ser­ge­js Lehn­stuhl be­stä­tig­te! Un­ge­dul­di­ge El­tern, drän­geln­de Kin­der und das al­les bei blin­ken­den Lich­ter­ket­ten, ewi­gem „Ihr Kin­der­lein kom­met“-Ge­du­del und ge­fühl­ten 35 Grad Cel­si­us im Shop­ping­cen­ter.

Der Jun­ge, vi­el­leicht fünf, starr­te Ser­gej un­ver­wandt an und ließ sich auf des­sen Schoß he­ben. „Wie heißt Du denn, klei­ner Mann?“frag­te Ser­gej und sah im Au­gen­win­kel, dass Ali und Tho­mas hin­ter der El­tern­trau­be schlen­der­ten, ver­meint­lich auf der Su­che nach dem bes­ten Win­kel zum Fo­to­gra­fie­ren.

Der klei­ne Mann ver­schränk­te die Ar­me und schrie: „Du bist gar nicht der rich­ti­ge Weih­nachts­mann. Das hat mein Pa­pa ge­sagt, und der weiß al­les!“Die Um­ste­hen­den lach­ten. Ein gu­ter Mo­ment für die Lang­fin­ger, un­be­merkt in die Ruck­sä­cke und Ho­sen­ta­schen zu grei­fen. Ser­ge­js Hel­fer­lein wa­ren wahr- haf­te Pro­fis. „Du bist gar kein ech­ter Weih­nachts­mann! Und ich hei­ße Lu­ca“sag­te der Jun­ge noch ein­mal und zupf­te an Ser­ge­js Bart, dass sei­ne Oh­ren glüh­ten. Ser­gej griff den Ben­gel en­er­gisch und grins­te in die auf ihn ge­rich­te­ten Han­dys. „Und, was wünscht Du Dir vom Weih­nachts­mann, Lu­ca?“Ser­ge­js Ar­me gli­chen ei­nem Schraub­stock. So ei­nem fre­chen Frücht­chen muss­te man Ben­imm bei­brin­gen.

Da schob sich ein Mann aus der Men­schen­trau­be. Er trug ei­nen grau­en Man­tel und ein Lä­cheln auf dem glatt ra­sier­ten Ge­sicht. Er schau­te auf das Dis­play sei­nes Smart­pho­nes und lä­chel­te: „Lu­ca, schau jetzt mal her! Lu­ca, Ach­tung, jetzt schau doch mal!“

Ser­gej dreh­te das Ge­sicht des Büb­chens und er­starr­te im nächs­ten Mo­ment. Der Mann im grau­en Man­tel trat nä­her, noch nä­her und wink­te dem Jun­gen, der so­fort ge­hor­sam vom Weih­nachts­mann­schoß rutsch­te und ir­gend­wo ver­schwand. Die­ses Ge­sicht kann­te Ser­gej, gut – nur zu gut!

Er fuhr her­um, woll­te den Ju­te­sack grei­fen, aber ei­ne be­hand­schuh­te Hand war schnel­ler. Sie steck­te in ei­nem Uni­for­mär­mel, der die Beu­te des Ta­ges an sich riss.

„Das hin­ter Ih­nen ist Po­li­zei­ober­meis­ter Ne­u­mann“, sag­te der im grau­en Man­tel, „und wir zwei ken­nen uns ja noch, Ser­gej Rosta­kov. Sie sind fest­ge­nom­men.“Rings­her­um war me­tal­li­sches Klicken zu hö­ren. Tho­mas, Ali, Ke­vin und Ro­bert wur­den eben­so aus dem Ein­kaufs­cen­ter ge­lei­tet, selt­sa­mer­wei­se von de­nen, die Ser­gej für lie­be­vol­le El­tern ge­hal­ten hat­te.

„So­ko Weih­nachts­mann war toll“, ju­bel­te der klei­ne Lu­ca und schob sei­ne Hand in die des Man­nes im grau­en Man­tel. „Pa­pa, jetzt su­chen wir aber den ech­ten, gell?“

Su­san­ne Jabs

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.