Fo­to­ka­len­der sind grmpffff . . .

Pforzheimer Kurier - - FAMILIE UND GESELLSCHAFT - von Sibylle Kra­nich

„Grmpff, arghhh, SCH .... !!“Das ist der Sound­track des Ad­vent. Nix mit „Jing­le Bells“oder „Let It Snow“. Von lieb­li­chem Glöck­chen­ge­läut sind die Ge­räu­sche, die an die­sen Ta­gen aus den Ar­beits­zim­mern gut-bür­ger­li­cher Wohn­be­hau­sun­gen drin­gen, so weit ent­fernt, wie der Nord- vom Süd­pol. Was Men­schen so sehr flu­chen macht, dass das Christ­kind sich die Oh­ren zu­hal­ten mag? Die Gestal­tung des ob­li­ga­to­ri­schen Fo­to­ka­len­ders für Omas, Opas und an­de­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der jen­seits der 75 ist der Grund.

Auf den ers­ten Blick ist so ein Jah­res­zäh­ler mit dem Best-of der Schnapp­schüs­se aus 365 Ta­gen ei­ne tol­le Sa­che. Per­sön­lich, kos­ten­güns­tig, gut fürs Herz. Die Er­stel­lung am hei­mi­schen Com­pu­ter ist aber die mit Ab­stand ner­ven­auf­rei­bends­te Auf­ga­be, die man sich in der Vor­weih­nachts­zeit ans Bein bin­den kann. Das Pro­blem be­ginnt schon da­mit, sämt­li­che Fo­to­da­tei­en, die ei­ne fünf­köp­fi­ge Fa­mi­lie in zwölf Mo­na­ten pro­du­ziert, zu sich­ten und aus­zu­wäh­len. Hat man die von Han­dys, Fest­plat­ten, USB-Sticks und se­mi-öf­fent­li­chen So­ci­al-Me­dia-Platt- for­men end­lich zu­sam­men­ge­tra­gen, ist der drit­te Ad­vent längst vor­bei.

Das Aus­su­chen ei­ner Soft­ware ist nicht min­der zeit­rau­bend. Ein­fach sind die Pro­gram­me an­geb­lich al­le. Das ist aber im­mer ge­lo­gen und nicht mal aus­ge­bil­de­te Me­di­en­ge­stal­ter könn­ten den An­wen­dun­gen mit ih­ren 5000 ver­schie­de­nen Hin­ter­grün­den und ih­ren 8000 Clip­arts noch Über­sicht­lich­keit at­tes­tie­ren. Beim Plat­zie­ren der Fotos, ist äu­ßers­te Vor­sicht ge­bo­ten: Ein fal­scher Klick und das sorg­sam be­schnit­te­ne Bild ver­schwin­det auf Nim­mer­wie­der­fin­den in ir­gend­ei­nem Un­ter­ord­ner. Ein Kar­di­nal­feh­ler ist es, die Fa­mi­lie in ei­nem de­mo­kra­ti­schen Pro­zess an der Aus­wahl der Bil­der be­tei­li­gen zu wol­len. Lei­der wer­den Kin­der über die Jah­re schlau­er, blei­ben pe­ne­trant in der Nä­he und dro­hen mit le­bens­lan­ger Pfle­ge­ver­wei­ge­rung, soll­te man die­ses oder je­nes Bild aus­wäh­len.

Zum Schluss – der Weih­nachts­klas­si­ker: Beim Hoch­la­den bricht das WLAN zu­sam­men. Das, was jetzt aus dem Ar­beits­zim­mer tönt, klingt nicht mal an­nä­hernd nach „Stil­le Nacht.“

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