„Die EU ist der Sün­den­bock“

FDP-Lan­des­chef Theu­rer warnt vor Rück­fall in die Kle­in­staa­te­rei

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Karls­ru­he. Br­ex­it, Trump, zu­neh­men­der Po­pu­lis­mus und ver­stärk­ter Na­tio­na­lis­mus – die Eu­ro­päi­sche Uni­on hat der­zeit an vie­len Fron­ten zu kämp­fen und muss sich drin­gend mit ih­rem mas­si­ven Image­pro­blem be­schäf­ti­gen. Ma­ri­ne Le Pen hat be­reits an­ge­kün­digt nach ei­nem even­tu­el­len Sieg bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len in Frank­reich die EU „zer­schla­gen zu wol­len“. Ita­li­en denkt laut­stark über ei­nem Eu­ro-Aus­tritt nach und auch der Blick nach Po­len ist min­des­tens be­sorg­nis­er­re­gend. Von vie­len Bau­stel­len und nicht min­der we­ni­gen Er­klä­rungs­au­to­ma­tis­men für den Grund der Kri­se ist übe­r­all die Re­de.

„Die Kri­se Eu­ro­pas ist ein Ver­sa­gen der Ein­zel­staa- ten“, sagt der FDP-Ab­ge- ord­ne­te im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment Michael Theu­rer und wird in sei­ner Wort­wahl deut­lich: „Die EU ist der Sün­den­bock für vie­les.“Be­kann­ter­ma­ßen sind die Goog­le-An­fra­gen à la „Was ist die EU ei­gent­lich?“nach dem Re­fe­ren­dum in Groß­bri­tan­ni­en sprung­haft an­ge­stie­gen, mit dem Aus­tritt aus der Staa­ten­ge­mein­schaft wer­den sich die Bri­ten „öko­no­misch ins eigene Fleisch schnei­den“, pro­gnos­ti­ziert Theu­rer, der wie vie­le sei­ner Kol­le­gen die Flücht­lings­the­ma­tik als ei­nen der Haupt­grün­de für den Br­ex­it an­führt. „Die bri­ti­sche Re­gie­rung macht die EU für Din­ge ver­ant­wort­lich, die sie selbst ent­schie­den hat.“ Um das Aus­ein­an­der­bre­chen der Staa­ten­ge­mein­schaft zu ver­hin­dern, sei ein ge­mein­sa­mer Weg not­wen­dig, so der Lan­des­vor­sit­zen­de der Li­be­ra­len bei ei­nem Vor­trag in Karls­ru­he, zu dem die Rein­hold-Mai­er-Stif­tung ge­la­den hat­te. Wie die­ser kon­kret aus­se­hen könn­te, wie es zu ei­ner ge­mein­sa­men und star­ken Wäh­rungs- und Wirt­schafts­po­li­tik kom­men soll, da­zu ha­be man in Ber­lin kei­ne Lö­sungs­an­sät­ze – in Brüssel al­ler­dings auch nicht.

„Er­heb­li­chen Re­form­be­darf“sieht auch Jür­gen Mor­lok, FDP-Eh­ren­vor­sit­zen­der in Ba­den-Würt­tem­berg. Die EU müs­se schlicht ein­fa­cher und schnel­ler wer­den, 28 Kom­mis­sa­re sei­en zu vie­le um die drin­gend be­nö­tig­ten Re­for­men der In­sti­tu­ti­on und die Fül­le an Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern. Mor­lok streift da­mit das be­reits mehr­fach von Po­li­ti­kern al­ler Cou­leur auf­ge­grif­fe­ne Mo­dell ei­nes klei­ne­ren „Ker­n­eu­ro­pas“.

Theu­rer wie­der­um kann der­zeit kei­ne ge­mein­sa­me In­te­gra­ti­ons- und Flücht­lings­po­li­tik er­ken­nen, da sich die EUMit­glieds­staa­ten nicht auf „ei­ne ge­mein­sa­me Li­nie“ei­ni­gen kön­nen. „Der Rück­fall in na­tio­na­le Kle­in­staa­te­rei kann je­doch nicht die Lö­sung sein“, so Theu­rer. Zwar ha­be die EU Schwä­chen, aber oh­ne sie gä­be es noch ganz an­de­re Pro­ble­me, be­ton­te er. Er mer­ke bei sei­ner Ar­beit für das EU-Par­la­ment deut­lich, dass die Bür­ger „stink­sau­er“sind, stellt je­doch klar: „Die Po­li­ti­ker in Eu­ro­pa ha­ben den Krieg in Sy­ri­en nicht her­bei­ge­führt.“

Theu­rer führt vor al­lem den Eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt als Er­run­gen­schaft an. Der star­ke Wirt­schafts­raum sei nicht zu­letzt für die Deut­schen ein gro­ßer Vor­teil. Hart geht er mit sei­nen Kol­le­gen im EU-Par­la­ment ins Ge­richt. Et­wa ein Drit­tel der Ab­ge­ord­ne­ten sei­en of­fen ge­gen die EU und tref­fen in den Brüs­se­ler Gre­mi­en Ent­schei­dun­gen, hin­ter de­nen sie dann in den Hei­mat­län­dern nicht ste­hen. „Wir brau­chen ein Be­kennt­nis der Ent­schei­dungs­trä­ger für die EU“.

Der EU-Par­la­men­ta­ri­er spricht sich zu­dem für ei­ne grenz­über­schrei­ten­de Zu­sam­men­ar­beit der Po­li­zei aus, die der­zeit nur „halb­her­zig“funk­tio­nie­re und meint zur ak­tu­el­len Si­cher­heits­de­bat­te in der Flücht­lings­po­li­tik: „Die bio­me­tri­sche Er­fas­sung der Men­schen, die zu uns kom­men, muss mög­lich sein. Die Ame­ri­ka­ner la­chen da über uns.“Ja­ni­na Beu­scher

Michael Theu­rer

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