Ein neu­er „Zo­cker­markt“?

Deut­sche Bör­se plant pas­sen­des Han­dels­seg­ment für jun­ge Fir­men

Pforzheimer Kurier - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Erik Ne­bel

Frankfurt/Main. Die Deut­sche Bör­se wagt ei­nen neu­en An­lauf: Mit ei­nem rund­er­neu­er­ten Han­dels­seg­ment will sie jun­gen Un­ter­neh­men wie­der ei­ne Hei­mat am Ak­ti­en­markt ge­ben. Ziel ist es, klei­nen und mit­tel­stän­di­schen Fir­men bes­se­ren Zu­gang zu Ri­si­ko­ka­pi­tal zu ver­schaf­fen. Denn die schlech­te Ver­sor­gung mit Geld für Wachs­tum galt in den ver­gan­ge­nen Jah­ren als ei­nes der größ­ten Pro­ble­me der deut­schen Grün­der­sze­ne. Groß war der po­li­ti­sche Druck. Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag hat sich die ak­tu­el­le Bun­des­re­gie­rung vor­ge­nom­men, ei­nen „Neu­en Markt 2.0“ins Le­ben zu ru­fen. Doch da­vor scheu­te die Bör­se lan­ge zu­rück wie der Teu­fel vor dem Weih­was­ser. Zu dun­kel sind die Er­in­ne­run­gen an die Geld­ver­nich­ter des Neu­en Markts rund um die Jahr­tau­send­wen­de.

Zum Start am 10. März 1997 knal­len auf dem Frank­fur­ter Par­kett noch die Sekt­kor­ken. Gold­grä­ber­stim­mung macht sich breit, die Aus­sicht auf schnel­len Reich­tum lockt tau­sen­de Pri­vat­an­le­ger in Ak­ti­en. Doch Kurs­ral­lys brin­gen den Neu­en Markt als „Zo­cker­markt“in Ver­ruf, auf­ge­bla­se­ne Bi­lan­zen, Kurs­be­trug und In­si­der­han­del ge­ben der „New Eco­no­my“den Rest. Seit dem 5. Ju­ni 2003 ist die­ser Neue Markt Ge­schich­te. Seit­dem fehlt der Deut­schen Bör­se ein wirk­lich at­trak­ti­ves Seg­ment für klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men. Und für vie­le Fir­men in Deutsch­land fällt die Bör­se da­mit als Geld­ge­ber in ei­ner kri­ti­schen Pha­se der ei­ge­nen Ent­wick­lung aus. Das soll sich nun än­dern. „Mit un­se­rem neu­en Seg­ment brin­gen wir die­se Un­ter­neh­men mit In­ves­to­ren zu­sam­men und er­mög­li­chen so die Fi­nan­zie­rung von Wachs­tum“, er­klär­te Deut­sche-Bör­se-Chef Cars­ten Ken­ge­ter jüngst.

Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) be­grüß­te die Initia­ti­ve: „Ich bin zu­ver­sicht­lich, dass das neue Seg­ment ent­schei­dend da­zu bei­tra­gen kann, dass wir wie­der mehr Bör­sen­gän­ge von jun­gen in­no­va­ti­ven Wachs­tums­un­ter­neh­men in Deutsch­land se­hen.“Am 1. März 2017 star­tet das neue An­ge­bot – und da­bei will die Bör­se al­te Feh­ler un­be­dingt ver­mei­den. Es ist zwar als Teil des so­ge­nann­ten Frei­ver­kehrs vor­ge­se­hen, dem et­was we­ni­ger re­gu­lier­ten Teil des Ak­ti­en­han­dels. Al­ler­dings soll bei Wei­tem nicht je­der In­ter­es­sent in die­ses Seg­ment auf­ge­nom­men wer­den. So sol­len hö­he­re Be­richt­er­stat­tungs­pflich­ten gel­ten als beim so­ge­nann­ten En­try Stan­dard, der von dem neu­en An­ge­bot er­setzt wer­den soll. Un­ter­neh­men müs­sen sich be­reits bei In­ves­to­ren be­währt ha­ben.

Fünf Kri­te­ri­en hat die Bör­se da­für fest­ge­legt, von de­nen drei er­füllt sein müs­sen. Da­zu zählt et­wa, dass die Fir­men min­des­tens 20 Mit­ar­bei­ter, ein po­si­ti­ves Ei­gen­ka­pi­tal und ei­nen Jah­res­um­satz von min­des­tens zehn Mil­lio­nen ha­ben soll­ten. Die Bör­sen­eig­nung muss zu­dem von Ex­per­ten be­stä­tigt wer­den. Zu­dem müs­sen sich die Fir­men zu ver­gleichs­wei­se gro­ßer Trans­pa­renz ver­pflich­ten. Da­zu zäh­len et­wa re­gel­mä­ßi­ge Ak­ti­en­ana­ly­sen, die von der Deut­schen Bör­se in Auf­trag ge­ge­ben wer­den. Da­mit sol­len An­le­ger mög­lichst un­ab­hän­gi­ge In­for­ma­tio­nen et­wa über den Fi­nan­zie­rungs­stand der Un­ter­neh­men be­kom­men. Die Kan­di­da­ten ver­pflich­ten sich au­ßer­dem zu ak­tu­el­len Mit­tei­lun­gen über wich­ti­ge Un­ter­neh­mens­ent­schei­dun­gen, sie müs­sen über Ak­ti­en­ge­schäf­te von Füh­rungs­kräf­ten in­for­mie­ren und In­si­der­lis­ten füh­ren. Da­mit soll mög­li­chen Blen­dern der Wind aus den Se­geln ge­nom­men wer­den, und An­le­ger sol­len Ver­trau­en in das neue An­ge­bot auf­bau­en.

Zu­letzt hat­te die Deut­sche Bör­se mit ih­ren Ide­en für neue Ge­schäf­te eher we­nig Glück. So ha­ben meh­re­re Plei­ten den Markt für Mit­tel­stands­an­lei­hen in Ver­ruf ge­bracht. Auch der Ver­such, sich als Bör­se für chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men zu eta­blie­ren, miss­glück­te. Der Er­folgs­druck ist da­her groß. Vor­stands­chef Ken­ge­ter hat dem Ge­schäft mit jun­gen Un­ter­neh­men – ne­ben dem ge­plan­ten mil­li­ar­den­schwe­ren Zu­sam­men­schluss mit der Lon­do­ner Bör­se LSE – ho­he Prio­ri­tät ge­ge­ben. Be­reits kurz nach sei­nem Amts­an­tritt im Früh­jahr 2015 be­gann der Kon­zern mit dem Auf­bau der Platt­form „Ven­ture Net­work“, die in­zwi­schen et­wa 200 in­ter­na­tio­na­le In­ves­to­ren und gut 100 Wachs­tums­un­ter­neh­men in Deutsch­land – wie et­wa den On­li­ne-Bril­len­händ­ler Mis­ter Spex, das In­ter­net­mö­bel­haus Ho­me 24 und das Fin­tech Kre­di­tech – ver­bin­det. Das neue Seg­ment ist nun der nächs­te Schritt.

Kri­te­ri­en sol­len schär­fer als im „Neu­en Markt“sein

FÜR KURSSPRÜNGE hat­te der Neue Markt einst an der Bör­se ge­sorgt – bis der Ab­sturz folg­te. Bald wagt die Bör­se ei­nen neu­en Vor­stoß. Archivfoto: dpa

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