Wei­ter­le­ben als Skan­dal

The­men­stück „Ster­ben hel­fen“am Staats­thea­ter Karls­ru­he ur­auf­ge­führt

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Das Dra­ma hat Fi­gu­ren, Kon­flik­te und Dia­lo­ge. Das The­men­stück hat – nun ja, das The­ma. Und seit sich das Thea­ter gern „ge­sell­schaft­lich re­le­vant“gibt, hat es auch Konjunktur. Et­wa am Ba­di­schen Staats­thea­ter, das zum The­ma „Ster­be­hil­fe“ein Stück von Kon­stan­tin Kü­spert zeigt. Der viel ge­frag­te Au­tor war von 2013 bis 2015 Dra­ma­turg an die­sem Haus und hat dort schon zwei er­gie­bi­ge Re­cher­che­stü­cke zu NSU und NSA er­ar­bei­tet („Rechts­ma­te­ri­al“und „Ich be­reue nichts“).

Um den Sinn und die Ver­ant­wor­tung von Ster­be­hil­fe zu un­ter­su­chen, ent­wirft Kü­spert nun in „Ster­ben hel­fen“ein Ge­gen­mo­dell zu un­se­rer Ge­sell­schaft: Für die Fi­gu­ren in sei­nem Stück ist es nor­mal, bei Al­ter oder Krank­heit die eigene Be­er­di­gung als gro­ße Fei­er zu in­sze­nie­ren, bei der man mit vie­len Weg­ge­fähr­ten fröhlich Rück­schau hält, be­vor man per Ner­ven­gift-In­ha­la­tor „wür­de­voll“da­hin­schei­det.

In die­ser Ge­sell­schaft ist es ein Skan­da­lon, dass die er­folg­rei­che Ge­schäfts­frau und glück­lich ver­hei­ra­te­te Mut­ter Lu­cy sich wei­gert, an­ge­sichts ei­ner Krebs­er­kran­kung den Löf­fel ab­zu­ge­ben und statt­des­sen The­ra­pie und Pfle­ge ein­for­dert.

Die­se nicht un­in­ter­es­san­te Grund­idee wird dann lei­der nur noch aus­buch­sta­biert. Die Fi­gu­ren, die in Mar­le­ne An­ne Schä­fers Ins­ze­nie­rung oft di­rekt ins Pu­bli­kum von ih­ren Er­in­ne­run­gen an Lu­cys Ster­ben spre­chen (mo­ti­viert durch ei­ne im Stück­text vor­ge­ge­be­ne Fil­mDo­ku­men­ta­ti­on, die in der Auf­füh­rung al­ler­dings ge­stri­chen ist), sind rei­ne Funk­ti­ons­trä­ger: Der Va­ter steht für den he­do­nis­ti­schen Ego­is­mus die­ser Ge­sell­schaft, die Ärz­tin für den öko­no­mi­schen Prag­ma­tis­mus, und der am un­plan­mä­ßi­gen Sui­zid sei­ner 15-jäh­ri­gen Nich­te lei­den­de Se­ni­or-As­sis­tent für die Schat­ten­sei­ten des all­sei­ti­gen „un­be­schwer­ten“Ster­bens. Das ist der­art of­fen­sicht­lich, dass es selbst durch ver­sier­te Schau­spiel­kräf­te wie Klaus Co­fal­kaAda­mi, An­net­te Bü­schel­ber­ger und Pe­ter Pich­ler nicht in­ter­es­sant wird – zu­mal die Fi­gu­ren in der Auf­füh­rung noch ein­di­men­sio­na­ler wir­ken als vom Text vor­ge­ge­ben.

Ute Bag­ge­röhr lässt Lu­cy mit le­dig­lich zwei Ge­sichts­aus­drü­cken aus­kom­men, wäh­rend Sithem­bi­le Menk als Lu­cys Ehe­frau, Lu­is Quin­ta­na als ihr klei­ner Sohn und Alex­an­der Küs­ters als Er­zäh­ler (des­sen Prä­senz am En­de des Stücks im­mer­hin so et­was wie ei­ne Po­in­te er­gibt), ge­lin­de ge­sagt, un­ter­for­dert wir­ken. Und das „In­ter­es­se des Re­gie­teams an Lu­cys Le­bens­freu­de“, das im Pres­se­ma­te­ri­al an­ge­kün­digt wird, er­schöpft sich in plat­ten Ak­tio­nis­mus-Aus­brü­chen, so dass die­ser an­geb­lich vom Ster­ben han­deln­de Abend über wei­te Stre­cken lei­der ster­bens­lang­wei­lig ist. Andre­as Jütt­ner

Foto: Grün­schloß

HÄNGT AM LE­BEN: Die krebs­kran­ke Lu­cy (Ute Bag­ge­röhr, hier mit Alex­an­der Küs­ters) will sich nicht „Ster­ben hel­fen“las­sen.

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