Ein mu­si­ka­li­scher Nach­ruf

Ge­denk­kon­zert der Aca­de­my of St. Mar­tin in the Fiel­ds für Sir Ne­vil­le Mar­ri­ner

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Die Ge­schich­te der Aca­de­my of St. Mar­tin in the Fiel­ds be­ginnt da­mit, dass sich in den 1950er Jah­ren Mu­si­ker der gro­ßen Lon­do­ner Orches­ter tra­fen, um Ba­rock­mu­sik in nicht-ro­man­ti­sie­ren­der Wei­se zu spie­len. Spä­ter zog Ne­vil­le Mar­ri­ner vom Gei­gen­pult an das des Di­ri­gen­ten. Das Orches­ter mach­te Welt­kar­rie­re. Mar­ri­ner starb hoch­be­tagt An­fang Ok­to­ber, das Kon­zert in Ba­den-Ba­den fand zu sei­nem Ge­den­ken statt. Da­zu hat­te die Aca­de­my ein Pro­gramm aus­ge­wählt, das von Fe­lix Men­dels­sohn-Bar­thol­dy ge­prägt war und des­sen Mu­sik das Le­ben fei­ert. Er­öff­net wur­de der Abend un­ter dem Di­ri­gat von Jai­me Mar­tin, der eben­falls aus den Mu­si­kern der Aca­de­my her­vor­ge­gan­gen ist und als So­lo­flö­tist wirk­te, mit der 4. Sin­fo­nie in A-Dur, op. 90, die „Ita­lie­ni­sche“ge­nannt. Hur­tig nimmt das Orches­ter das The­ma des ers­ten Sat­zes. Licht­durch­flu­tet steigt es aus den Strei­chern em­por, scheint über dem trei­ben­den Holz­blä­ser­fun­da­ment zu schwe­ben. Al­les ge­lingt so leicht und luf­tig. Doch, man be­greift nach nur we­ni­gen Tak­ten, war­um die Aca­de­my zu den füh­ren­den Orches­tern der Welt zählt. Der Di­ri­gent ar­bei­tet das Sei­ten­the­ma in den Holz­blä­sern plas­tisch her­aus. Das „Con mo­to“des zwei­ten Sat­zes nimmt Mar­tin ernst: Die­ses An­dan­te schrei­tet lust­voll aus. Ita­li­en wur­de zu Men­dels­sohns Zei­ten er­wan­dert. Das Me­nu­ett ist ei­gent­lich von ru­hi­ger Na­tur, doch auch hier si­gna­li­sie­ren Blä­ser­ru­fe und Flö­ten­t­ril­ler Auf­bruch. Mit der Pia­nis­tin Yu­li­an­na Av­deeva, Preis­trä­ge­rin des Cho­pin-Wett­be­werbs 2010, war ei­ne hoch ta­len­tier­te Vir­tuo­sin So­lis­tin in Men­dels­sohns 1. Kla­vier­kon­zert g-Moll. Blitz­ar­tig fuh­ren ih­re Fin­ger über die Tas­ta­tur, der Kla­vier­part ver­langt au­ßer­ge­wöhn­lich schnel­les Skalen­spiel. Die bril­lan­ten Kas­ka­den am Schluss des Kon­zert ris­sen das Pu­bli­kum zu star­kem Bei­fall hin. Qua­si re­li­gi­ös und an den Ab­schied von der Welt ge­mah­nend ge­lang dem En­sem­ble Men­dels­sohns 5. Sin­fo­nie. Sie ver­han­delt The­men des evan­ge­li­schen Mu­sik­ka­nons. Als Ju­de ge­bo­ren wur­de Men­dels­sohn noch als Kind ge­tauft. Die Mu­sik evo­ziert zu­nächst ei­ne stren­ge Stim­mung. Über­win­det die­se je­doch trost­reich im letz­ten Satz mit groß an­ge­leg­ten Cho­ral­va­ria­tio­nen über „Ein fes­te Burg ist un­ser Gott“. Ein mu­si­ka­li­scher Nach­ruf, der Sir Ne­vil­le Mar­ri­ner wür­dig war. Jens Wehn

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