Büh­ler­hö­he

Ro­man

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

Die Aus­re­de hat­te sie sich noch drau­ßen aus­ge­dacht, als ihr ei­ne Ein­ge­bung, klar wie ein Som­mer­mor­gen, sag­te, was sie zu tun hat­te. Als die Na­men Sil­ber­mann und Gold­berg nur ei­ne fi­xe Idee der Ma­dame Rei­sacher ge­we­sen wa­ren.

„Gna­de dir Gott, wenn ich raus­fin­de, dass du mich für dumm ver­kau­fen willst“, droh­te ihr Hart­mann. „Du machst heut nicht nur die Abrech­nun­gen für Kell­ner und Kü­che, son­dern auch die für die Braue­rei und die Wein­lie­fe­ran­ten. Und wenn nur ei­ne Stel­le hin­ter dem Kom­ma nicht stimmt, setz ich dich vor die Tür. Und jetzt bring erst mal dei­ne Klei­der in Ord­nung.“

Die nächs­ten St­un­den sor­tier­te Ag­nes Be­le­ge, schrieb Zah­len in die ent­spre­chen­den Spal­ten des Bu­chungs­bu­ches, ad­dier­te, sub­tra­hier­te, mul­ti­pli­zier­te, di­vi­dier­te, kon­trol­lier­te, bis sie sich si­cher war, dass ih­re Rech­ne­rei kei­ne Feh­ler auf­wies. Men­schen mach­ten ihr Angst, die Zah­len nie­mals. Die ge­horch­ten ihr, die konn­te sie bän­di­gen wie ein Domp­teur sei­ne Raub­kat­zen.

Es däm­mer­te be­reits, als sie Hart­mann die Abrech­nun­gen vor­leg­te und er sie gnä­dig in den Fei­er­abend ent­ließ. In ih­rem Zim­mer tausch­te sie die wei­ße Hemd­blu­se und den en­gen Rock ge­gen ihr wei­tes All­tags­kleid, schnür­te sich die Wan­der­schu­he und steck­te die Ta­schen­lam­pe ein, die ihr die Mut­ter letz­tes Jahr zu Weih­nach­ten ge­schenkt hat­te. Der Spa­ten stand im Schup­pen hin­ter den Schnee­schip­pen, wie sie es in Er­in­ne­rung hat­te. Sie trug ihn eng am Kör­per auf der lin­ken Sei­te. Nie­mand konn­te ihn se­hen, der zu­fäl­lig aus dem Fens­ter blick­te, als sie den Park­platz vor dem Hunds­eck über­quer­te.

Wie schon bei ih­rer Su­che nach Wal­burg ober­halb der Her­tahüt­te blieb ihr we­gen der an­bre­chen­den Dun­kel­heit nicht viel Zeit. Die Stel­le, wo sie die­ser Frau Gold­berg in die Ar­me ge­rannt war, fand sie schnell wie­der. Jes­ses, sie hat­te wirk­lich ei­ne Spur, brei­ter als die ei­ner Her­de Wild­säue, hin­ter­las­sen! Sie schul­ter­te den Spa­ten und klet­ter­te den Berg hin­auf, über­quer­te dann die Lich­tung, such­te die Tan­ne mit dem krum­men Wip­fel, die sie sich ge­merkt hat­te, als sie mit­tags auf dem Rück­weg von der Büh­ler­hö­he, auf­ge­schreckt durch die Schüs­se im Wald, nach Wal­burg ge­sucht und den to­ten Ara­ber ge­fun­den hat­te. Ganz au­to­ma­tisch hat­te sie beim Ein­tritt in den Wald die Bäu­me ge­zählt und an je­dem ein Äst­chen ab­ge­knickt. Beim fünf­zehn­ten hat­te der schwar­ze En­gel ge­le­gen. Es war jetzt be­reits so dun­kel, dass sie Mü­he hat­te, die ab­ge­knick­ten Äs­te zu fin­den. Ei­gent­lich war sie froh dar­über, denn tot­ge­schos­sen bot der schwar­ze En­gel kei­nen schö­nen An­blick. Es fiel be­stimmt leich­ter, ihn zu ver­schar­ren, wenn sie nicht mehr je­de Ein­zel­heit er­ken­nen konn­te. Den­noch klopf­te ihr das Herz bis zum Hals, je nä­her sie dem fünf­zehn­ten Baum kam. Und dann war da nichts mehr. Mit der Ta­schen­lam­pe leuch­te­te sie den Bo­den ab, lief so­gar noch bis zum sech­zehn­ten, sieb­zehn­ten Baum und zu den Bäu­men rechts und links da­ne­ben. Nichts. Der schwar­ze En­gel war ver­schwun­den. Für ei­nen Au­gen­blick dach­te sie, der Teu­fel per­sön­lich hät­te ihn sich ge­holt, und ein Schau­er, kalt wie der Abend­hauch, er­fass­te sie. Nicht dass der Beel­ze­bub sie auch noch mit­nahm, so sehr, wie sie sich den Tod des Drecks­seckels ge­wünscht hat­te!

Doch dann schalt sie sich für ih­re Dumm­heit und fasste sich an den Kopf, weil sie nicht gleich auf die rich­ti­ge Lö­sung ge­kom­men war. Die Wal­burg hat­te den schwar­zen En­gel be­gra­ben. Nur ei­ne wie Wal­burg, die den Wald so gut kann­te wie sonst kei­ner, konn­te ei­ne Lei­che hier spur­los ver­schwin­den las­sen. Mit ei­nem Mal fühl­te sich Ag­nes leicht wie ein Vög­lein im Som­mer­wind. Die Wal­burg hat­te ihr Ver­spre­chen wahr ge­macht und den schwar­zen En­gel in die Höl­le ge­schickt. Nie mehr wür­de sie ihm be­geg­nen, nie mehr wür­de er nachts als Alp auf ihr Ge­müt drü­cken. Er schmor­te jetzt im Feu­er der ewi­gen Ver­damm­nis. Nur Wal­burg und sie wuss­ten das. Und sie wür­den die­ses Ge­heim­nis mit ins Gr­ab neh­men. Zum Früh­stück teil­te der Ober­kell­ner Ro­sa ein Kat­zen­tisch­chen zu, weit weg von den Pan­ora­ma­fens­tern, da­für ganz nah an der Tür, die zur Rund­hal­le führ­te. Ein Ser­vier­mäd­chen brach­te ihr Kaf­fee in ei­nem Sil­ber­k­änn­chen, und sie or­der­te ein weich­ge­koch­tes Ei und zu den Bröt­chen ein Schäl­chen dunk­len Tan­nen­ho­nig. Durch die na­he Tür schraub­te sich in klei­nen Stö­ßen das Ge­mur­mel aus der Rund­hal­le in den Früh­stücks­sa­lon.

Sie ließ sich die Re­gio­nal­zei­tung brin­gen, rühr­te sie aber nicht an. Statt­des­sen dach­te sie an ih­ren Traum. In ei­nem schwin­deln­den Rei­gen hat­ten al­le auf sie ein­ge­re­det: Nour­ri­di­ne und Pfis­ter, die Haus­da­me und von Dros­te, Oz und Til­ly La­pid, aber sie ver­stand nicht, was sie von ihr woll­ten, und ern­te­te da­für höh­ni­sches Ge­läch­ter. Zwi­schen­durch war im­mer wie­der Ra­chel auf­ge­taucht und streck­te ihr das Foto mit den Lei­chen­ber­gen ent­ge­gen. Mit ei­nem Kloß im Hals war sie auf­ge­wacht.

Sie zwang sich, ei­nen Schluck Kaf­fee zu trin­ken, und blick­te kurz auf. Die Ti­sche im Sa­lon wa­ren gut be­setzt, drei Kell­ner und zwei Ser­vier­mäd­chen schweb­ten ge­räusch­los durch den Raum. Die Da­men und Her­ren schwie­gen oder flüs­ter­ten, la­sen Zei­tung oder bis­sen mit Ver­ve in ein Bröt­chen und in­ter­es­sier­ten sich of­fen­sicht­lich für nie­man­den. Den­noch fühl­te sich Ro­sa be­äugt und ta­xiert. Sie spür­te Miss­bil­li­gung, ja Ab­scheu hin­ter der dis­tin­gu­ier­ten Höf­lich­keit und der brä­si­gen Zuf­rie­den­heit der Leu­te. Ihr war, als trü­ge sie ein Kleid aus gel­ben Stoff­s­ter­nen, als war­te­ten al­le nur auf ein Zei­chen, um sie hin­aus­zu­wer­fen, um wie­der un­ter sich zu sein. Auf ewig wür­de sie ei­ne Aus­ge­sto­ße­ne blei­ben, ei­ne, die man, wenn der po­li­ti­sche Wind sich dreh­te, wie­der ver­trei­ben, ent­eh­ren, ver­ga­sen wür­de. Sie konn­te nie­man­dem trau­en. Nicht ein­mal dem ein­bei­ni­gen Staats­an­walt, der sie als Ein­zi­ger freund­lich grüß­te, nachts aber wohl von Dä­mo­nen ge­plagt wur­de, wie sie aus leid­vol­ler Er­fah­rung wuss­te. Auch in die­ser Nacht hat­te er sie mit sei­nen Schrei­en zwei­mal aus dem Schlaf ge­holt. Als Ein­zi­ger von all den Gäs­ten hier, so schien es ihr, konn­te er den Krieg nicht voll­stän­dig ver­drän­gen.

„Denk nicht an das, was die Deut­schen ge­tan ha­ben“, hat­te Til­ly ge­sagt. „Denn sonst wirst du ver­rückt. Du brauchst ei­nen kla­ren Kopf, um hand­lungs­fä­hig zu sein.“Til­ly im fer­nen Hai­fa hat­te gut re­den, aber Ro­sa wuss­te, dass sie recht hat­te. Al­so zwang sie sich, ih­re Ge­dan­ken wie­der auf den Auf­trag zu rich­ten. Am Nach­mit­tag soll­te end­lich der Kanz­ler ein­tref­fen. Das hat­te Ro­sa auf dem Weg zum Früh­stück von zwei schwat­zen­den Zim­mer­mäd­chen auf­ge­schnappt. So wie sie es en pas­sant er­fah­ren hat­te, konn­te es je­dem zu Oh­ren ge­kom­men sein. Wahr­schein­lich wuss­ten al­le von der An­kunft des Kanz­lers. Auch der Scharf­schüt­ze, wenn er sich be­reits hier auf­hielt. Und was wür­de sie tun, wenn der Kanz­ler an­kam? Ein paar St­un­den, um das zu über­le­gen, blie­ben ihr noch.

Vi­el­leicht konn­te sie im Lokalteil der Zei­tung we­nigs­tens et­was über Nour­ri­di­ne er­fah­ren, denn es be­stand zu­min­dest va­ge die Mög­lich­keit, dass Ag­nes die Po­li­zei ver­stän­digt und die­se die Lei­che weg­ge­schafft hat­te. „Om­ni­bus auf der Hö­hen­stra­ße in der Nä­he der Un­terstmatt ab­ge­stürzt. Von den 28 Fahr­gäs­ten wur­den 21 teils schwer, teils leicht ver­letzt“, las sie, und et­was wei­ter un­ten stand: Fort­set­zung folgt

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