Hor­ror­sze­na­rio wird Rea­li­tät

An­schlag mit ei­nem Last­wa­gen auf Ber­li­ner Weih­nachts­markt lässt an den Ter­ror von Niz­za den­ken

Pforzheimer Kurier - - ZEITGESCHEHEN -

Berlin. Es ist die Hor­ror­vor­stel­lung, vor der die Po­li­zei seit Jah­ren warnt: Ein An­schlag auf ei­nen be­leb­ten Weih­nachts­markt. Ges­tern Abend ist die­ses düs­te­re Sze­na­rio of­fen­bar Rea­li­tät ge­wor­den. Um kurz vor neun Uhr am Abend gibt es die ers­ten Mel­dun­gen: Ein Last­wa­gen sei in Berlin über ei­nen Geh­weg ge­fah­ren und ha­be Pas­san­ten ver­letzt. Von ei­nem To­ten ist we­nig spä­ter die Re­de. Fo­tos und Vi­de­os ver­brei­ten sich im In­ter­net. Schnell wird klar, dass es kein Un­fall ge­we­sen sein kann. Und dass das, was ges­tern Abend in Berlin in der Nä­he der Ge­dächt­nis­kir­che zu se­hen ist, eher an den Ter­ror­an­schlag von Niz­za er­in­nert.

Am 14. Ju­li, dem fran­zö­si­schen Na­tio­nal­fei­er­tag, hat­te dort ein is­la­mis­ti­scher At­ten­tä­ter mit ei­nem Last­wa­gen 86 Men­schen ge­tö­tet und mehr als 300 ver­letzt, als er über die Ufer­pro­me­na­de ras­te. Die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) hat­te für das At­ten­tat die Ver­ant­wor­tung über­nom­men. Wer den gro­ßen schwar­zen Last­wa­gen in Ber- lin sieht, die zer­stör­ten Weih­nachts­bu­den, die Ver­letz­ten und To­ten auf der Stra­ße, der muss un­wei­ger­lich an das At­ten­tat von Niz­za den­ken. Auch wenn zu­nächst völ­lig un­klar ist, wel­che Mo­ti­ve oder Tä­ter hin­ter den Ge­scheh­nis­sen in Berlin ste­cken. Die Ber­li­ner Po­li­zei re­agiert schnell. Sie schickt per Twit­ter ei­ne Mit­tei­lung an die Bür­ger: „Blei­ben Sie zu Hau­se und ver­brei­ten Sie kei­ne Ge­rüch­te.“Auch das er­in­nert an ein Schre­ckens­sze­na­rio: Beim Amok­lauf in München, zwei Wo­chen nach dem An­schlag in Niz­za, ge­riet die ge­sam­te Stadt in Pa­nik. Ge­rüch­te und Fal­sch­mel­dun­gen über meh­re­re be­waff­ne­te Tä­ter mach­ten die Run­de und sorg­ten im­mer wie­der für Angst und Schre­cken. An meh­re­ren Plät­zen brach im­mer wie­der Pa­nik aus, ob­wohl es da­für kei­nen Grund ge­ge­ben hat­te.

Auf dem Ber­li­ner Breit­scheid­platz bricht ges­tern Abend plötz­lich die Höl­le los. Der 21-Jäh­ri­ge Paris ist gera­de auf dem Weg in ei­ne na­he ge­le­ge­nen Bar, als die sonst so abs­trak­te Angst vor dem Ter­ror plötz­lich sehr re­al wird. „Vor­sicht, er hat ei­ne Waf­fe“ruft ein Pas­sant – und meint da­mit of­fen­bar den Fah­rer des LKW, der gera­de in den Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che ge­rast ist. Es herrscht ein Durch­ein­an­der aus flie­hen­den Men­schen, zu­sam­men­ge­bro­che­nen Bret­ter­bu­den und dem Hu­pen der Mar­tins­hör­ner. Paris, der ei­gent­lich nur ei­nen un­be­schwer­ten Abend ver­brin­gen will, mag die Fra­ge, wie es ihm ge­he, schon gar nicht mehr be­ant­wor­ten, zu tief sitzt der Schock. „Wir ka­men aus dem S-Bahn­hof“, er­zählt er dann noch, „uns lie­fen vie­le Leu­te ent­ge­gen. Ich dach­te so­fort, es war ein An­schlag. Und wir hat­ten Angst um un­se­re Müt­ter, die auf dem Weih­nachts­markt wa­ren.“Am An­fang sei­en nur we­ni­ge Po­li­zis­ten vor Ort ge­we­sen, er­in­nert sich Paris. Sie hät­ten ex­trem laut „weg, weg“ge­schrien. Frau­en hät­ten be­gon­nen zu wei­nen, ein Mann sei in Ohn­macht ge­fal­len. „Ein an­de­rer schrie ,Bom­be, Bom­be‘. Nur we­ni­ge Leu­te sind ru­hig ge­blie­ben, und ich sah meh­re­re Per­so­nen re­gungs­los am Bo­den lie­gen.“We­nig spä­ter ha­ben Paris und sei­ne Freun­de we­nigs­tens Ge­wiss­heit, dass ih­re Müt­ter in Si­cher­heit sind.

Ein Vi­deo, ge­dreht von ei­nem Mit­ar­bei­ter der „Ber­li­ner Mor­gen­post“, zeigt ge­spens­ti­sche Sze­nen: Men­schen, die wie tot vor Glüh­wein­und Im­biss­bu­den lie­gen, an­de­re Be­su­cher, die sich um sie küm­mern, und ei­nen gro­ßen Sat­tel­schlep­per ei­ner pol­ni­schen Fir­ma, der weit in den Markt hin­ein ge­schlit­tert ist, gut und ger­ne 50 Me­ter. Die Front­schei­be ist zer­split­tert, die Fah­rer­ka­bi­ne leer, am Bo­den of­fen­bar wei­te­re Op­fer, die im Halb­dun­kel aber nur zu er­ah­nen sind.

Die Po­li­zei geht früh schon von ei­nem An­schlag aus. Ei­ne hal­be St­un­de spä­ter ist be­reits von min­des­tens neun To­ten und et­wa 50 teil­wei­se schwer Ver­letz­ten die Re­de, an­geb­lich soll auch ein Schuss ge­fal­len sein. Der Sat­tel­zug war von der Sei­te Kant­stra­ße/Bu­da­pes­ter Stra­ße kom­mend meh­re­re Me­ter über den Weih­nachts­markt ge­rast, wie ein Po­li­zei­spre­cher sagt. Da­nach sei er zu­rück auf die Bu­da­pes­ter Stra­ße ge­fah­ren und dort zum Ste­hen ge­kom­men. „Was wir hier se­hen, ist dra­ma­tisch“, sag­te Ber­lins Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler, der auf den Breit­scheid­platz ge­eilt ist. Sei­ne Ge­dan­ken sei­en bei den Fa­mi­li­en, die To­te oder Ver­letz­te zu be­kla­gen hät­ten.

Der Weih­nachts­markt an der Ge­dächt­nis­kir­che ist ei­ner der be­lieb­tes­ten in Berlin, Tou­ris­ten wie Ein­hei­mi­sche be­su­chen ihn glei­cher­ma­ßen ger­ne, weil er aus al­len Rich­tun­gen gut er­reich­bar und nicht ganz so über­lau­fen wie an­de­re Märk­te ist. Mül­ler er­klärt we­nig spä­ter, die Si­tua­ti­on sei un­ter Kon­trol­le. Kran­ken­häu­ser wie die Cha­rité

Der Markt ist ei­ner der be­lieb­tes­ten in Berlin

sei­en dar­auf ein­ge­stellt, vie­le Ver­letz­te auf­zu­neh­men. Es greift ein Kri­sen­plan. Auch die Po­li­zei ver­sucht wei­ter, die Auf­re­gung zu dämp­fen. Der­zeit ge­be es kei­ne Hin­wei­se auf wei­te­re ge­fähr­den­de Si­tua­tio­nen in der Ber­li­ner Ci­ty, er­klärt sie via Twit­ter. Da ist be­reits be­kannt, dass ein Ver­däch­ti­ger fest­ge­nom­men wur­de.Zu­vor war noch die Re­de da­von ge­we­sen, der Fah­rer des Last­wa­gens sei auf der Flucht. In Mdien­be­rich­ten ist zu­dem von ei­nem bei­fah­rer die Re­de, der tot sei. Ei­ne of­fi­zi­el­le Be­stä­ti­gung da­für gibt es zu­nächst nicht.

Ge­gen kurz nach zehn Uhr mel­det sich Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) zu Wort. Der Karls­ru­her Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Pe­ter Frank über­neh­me die Er­mitt­lun­gen in dem Fall, teilt Maas mit. Die Bun­des­an­walt­schaft wird im­mer dann ak­tiv, wenn der Ver­dacht des Ter­ro­ris­mus im Raum steht. Es ist un­ge­wöhn­lich, dass der Jus­tiz­mi­nis­ter sich zu Wort mel­det, um den Fall ex­pli­zit an Karls­ru­he zu über­ge­ben. Auch im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um, so scheint es, geht man be­reits früh von ei­nem ter­ro­ris­ti­schen Hintergrund der Tat aus.

rwa/tob/dpa/AFP

IN DER NÄ­HE DER GE­DÄCHT­NIS­KIR­CHE beim Breit­scheid­platz in Berlin herrscht ges­tern Abend Groß­alarm. Ein Last­wa­gen war dort in den Weih­nachts­markt ge­rast. Fo­tos: AFP/dpa(2)

DER LKW RAS­TE meh­re­re Me­ter in den Weih­nachts­markt hin­ein, dann fährt er zu­rück auf die Stra­ße und kommt dort zum Ste­hen.

DER FAH­RER des Last­wa­gens war zu- nächst auf der Flucht.

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