Kul­tur­kampf im Kö­nig­reich

Die Br­ex­it-Ent­schei­dung hat Groß­bri­tan­ni­en in zwei un­ver­söhn­li­che La­ger ge­spal­ten

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Jo­chen Witt­mann

Lon­don. Als die Bri­ten vor ei­nem knap­pen hal­ben Jahr für den Br­ex­it stimm­ten, herrsch­te Un­ter­gangs­stim­mung bei den „Re­mai­nern“, je­ner knap­pen Hälf­te der Bri­ten, die für ei­nen Ver­bleib in der Eu­ro­päi­schen Uni­on ge­stimmt hat­te. Nach 43 Jah­ren, fünf Mo­na­ten, drei Wo­chen und zwei Ta­gen der Mit­glied­schaft hat­te sich Groß­bri­tan­ni­en am 23. Ju­ni 2016 ent­schie­den, nicht mehr Mit­glied im Klub sein zu wol­len. Adieu Eu­ro­pa, sag­ten 51,9 Pro­zent ge­gen­über 48,1 Pro­zent der Wäh­ler. Das scheint auf den ers­ten Blick ein knap­per Aus­gang zu sein, aber es wa­ren im­mer­hin 17 410 742 Bri­ten, die die Schei­dung ver­lang­ten – rund 1,3 Mil­lio­nen mehr als drin­blei­ben woll­ten. An der de­mo­kra­ti­schen Le­gi­ti­mi­tät des Vo­tums kann es kei­nen Zwei­fel ge­ben. Die Wahl­be­tei­li­gung war mit 72 Pro­zent so hoch wie bei kei­ner lan­des­wei­ten Wahl seit 30 Jah­ren.

Jetzt ha­ben wir den Sa­lat, dach­ten sich am 24. Ju­ni all je­ne, die auf ei­nen an­de­ren Aus­gang ge­hofft hat­ten. Denn das Er­geb­nis ist ein ein­zi­ger Scher­ben­hau­fen. Groß­bri­tan­ni­en hat­te ei­nen mo­na­te­lan­gen Wahl­kampf über das EU-Re­fe­ren­dum ge­führt, und der Aus­gang war deut­lich, doch er hin­ter­ließ ein zer­ris­se­nes Land. Ein Land, das ge­spal­ten ist nicht nur zwi­schen den Al­ters­grup­pen, wo die Jun­gen mehr­heit­lich für den EU-Ver­bleib und die Äl­te­ren eher für den Aus­tritt ge­stimmt ha­ben. Ge­spal­ten auch zwi­schen den so­zia­len Klas­sen, wo ge­ring qua­li­fi­zier­te Lohn­grup­pen im Br­ex­it-La­ger stan­den und bes­ser aus­ge­bil­de­ten Bür­ger sich für die Eu­ro­päi­sche Uni­on aus­spra­chen. Und es ist auch ein Land, das geo­gra­phisch zer­ris­sen ist: Drei gro­ße Re­gio­nen, Lon­don, Nord­ir­land und Schott­land, woll­ten vom Br­ex­it nichts wis­sen. Zu­min­dest im Fall von Schott­land kann das noch erns­te Kon­se­quen­zen ha­ben, denn das Land will jetzt ein zwei­tes Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum an­steu­ern.

Aber wenn auch die Ent­schei­dung ge­fal­len ist, so ist die De­bat­te nicht aus der Welt. Die ei­ne Hälf­te der Bri­ten will sich nicht so oh­ne wei­te­res da­mit ab­fin­den, von der an­de­ren Hälf­te aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on ge­zerrt zu wer­den. Jetzt rächt sich, dass der Wahl­kampf die At­mo­sphä­re ver­gif­tet und den Ton der Aus­ein­an­der­set­zung im­mer schril­ler ge­macht hat. „Ein kon­sti­tu­tio­nel­les Re­fe­ren­dum hat ei­nen ziem­li­chen de­struk­ti­ven Ein­fluss auf den öf­fent­li­chen Dis­kurs“, weiß der Po­li­to­lo­ge Da­vid Torran­ce, der die Volks­ab­stim­mung über die schot­ti­sche Un­ab­hän­gig­keit vor zwei Jah­ren eng ver­folgt hat. „Denn es bie­tet ei­ne bi­nä­re Ant­wort auf ei­ne hoch kom­ple­xe Fra­ge. Al­les wird dann in Schwarz und Weiß ge­se­hen.“Und das hat zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Kon­se­quen­zen. Wie vor zwei Jah­ren in Schott­land hat man jetzt in En­g­land ei­nen mas­si­ven Ver­fall der po­li­ti­schen Streit­kul­tur er­lebt: Da wur­den Ex­per­ten als par­tei­isch ab­ge­tan, der po­li­ti­sche Geg­ner als Lüg­ner hin­ge­stellt, Fak­ten igno­riert, und schließ­lich glaub­te kei­ne Sei­te der an­de­ren ir­gend­et­was mehr. Groß­bri­tan­ni­en ist auf dem Weg zur so­ge­nann­ten „Post-Truth-Ge­sell­schaft“, wie sie sich in den USA dar­bie­tet: ei­ne Ge­sell­schaft ver­fein­de­ter La­ger, die sich nicht mehr über das ver­stän­di­gen kön­nen, was als wahr gel­ten soll. Das neue Bri­tan­ni­en wird zu ei­nem Land, in dem Glau­bens­sät­ze re­gie­ren. Die ei­nen sind über­zeugt, dass Br­ex­it ein wirt­schaft­li­ches De­sas­ter wer­den muss. Die an­de­ren glau­ben, dass ein von den EU-Ket­ten be­frei­tes Kö­nig­reich als welt­wei­ter Cham­pi­on des Frei­han­dels er­folg­reich sein wird. Je­der Ein­wand, je­de Kri­tik gilt der an­de­ren Sei­te als Hä­re­sie. Ein un­schö­ne Sei­te die­ses Kul­tur­kamp­fes ist die Re­nais­sance des eng­li­schen Na­tio­na­lis­mus. Er hat Ober­was­ser, denn er fühlt sich als Gewinner, schließ­lich hat „das Volk ge­spro­chen“. Auch Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May fin­det Ge­schmack am Po­pu­lis­mus, will sich zur An­wäl­tin des Br­ex­it-Volks ma­chen und sagt dann Sprü­che wie die­sen: „Wer glaubt, ein Bür­ger der Welt zu sein, ist ein Bür­ger von nir­gend­wo.“

DER UNI­ON JACK ZU­ERST: Dies ist die Bot­schaft des Br­ex­it, der die bri­ti­sche Ge­sell­schaft nach wie vor spal­tet. Fo­to: dpa

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