„Sie droh­te, uns al­le in die Luft zu spren­gen“

„Gen­tle­men-Räu­ber“pla­gen Ban­ker noch heu­te

Pforzheimer Kurier - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied El­vi­ra Wei­sen­bur­ger

Karls­ru­he. Er kam den so­ge­nann­ten „Gen­tle­men-Räu­bern“ver­dammt na­he – so na­he, dass er die­se Mo­men­te wahr­schein­lich für den Rest sei­nes Le­bens nicht mehr aus dem Ge­dächt­nis til­gen kann. „Ich war mit dem männ­li­chen Tä­ter im Tre­sor­raum“, er­zählt der Bank­an­ge­stell­te Die­ter Wa­gner (Na­me ge­än­dert). „Ich ha­be er­lebt, wie er fast aus­ras­te­te und mit der Pis­to­le her­um­fuch­tel­te – und ich ha­be in sei­nen Au­gen ge­se­hen, dass er im Zwei­fels­fall ernst macht.“

Die­se Mi­nu­ten am Nach­mit­tag des 10. De­zem­ber 2016, in de­nen die be­rüch­tig­ten Bank­räu­ber ih­ren letz­ten Über­fall mach­ten, ehe sie bei der Schie­ße­rei mit­ten in Karls­ru­he star­ben – sie sind Die­ter Wa­gner auf quä­len­de Wei­se prä­sent. „Um 15.59 ha­ben sie die Bank be­tre­ten“, er­in­nert er sich ganz genau. Und in den dar­auf fol­gen­den Mi­nu­ten er­leb­te der Bank­kauf­mann, was das be­deu­tet: To­des­angst aus­zu­hal­ten. „Ich dach­te: ,Aus die­ser Ge­schich­te kommst du nicht mehr heil raus‘. Die paar Mi­nu­ten ka­men mir wie ei­ne hal­be Ewig­keit vor.“Jah­re­lang hat er nur im en­gen Fa­mi­li­en­und Freun­des­kreis über die­ses Ex­tre­m­er­leb­nis ge­spro­chen. Doch als die Ba­di­schen Neu­es­ten Nach­rich­ten vor ei­ni­gen Ta­gen über je­nen Mann be­rich­te­ten, der da­mals als Pas­sant in die Schie­ße­rei und den Po­li­zei­ein­satz nach dem Bank­raub ge­riet und seit­her trau­ma­ti­siert ist – da sei­en bei Die­ter Wa­gner al­le Er­in­ne­run­gen wie­der mit Macht an die Ober­flä­che ge­spült wor­den. Da sei ihm klar ge­wor­den: „Ich muss mei­ne Ge­schich­te auch end­lich er­zäh­len.“Denn die­sen an­de­ren Be­trof­fe­nen kön­ne er sehr gut ver­ste­hen, sagt Wa­gner. „Ich bin heu­te noch in The­ra­pie.“Nach dem Bank­raub sei er mo­na­te­lang ar­beits­un­fä­hig ge­we­sen. Noch heu­te reich­ten klei­ne Er­leb­nis­se aus, um die Qu­al je­nes Ta­ges vor sechs Jah­ren noch­mal zu durch­le­ben, er­zählt Wa­gner. „Wenn ich ei­nen Men­schen se­he, der ähn­lich aus­sieht wie die Tä­ter, oder wenn ich auf ei­nen Ar­ti­kel über ei­nen Bank­über­fall sto­ße … dann drückt es mir die Brust zu.“

Kri­mi­se­ri­en schaut sich der Mitt­fünf­zi­ger am bes­ten gar nicht an – er hat­te mehr als ge­nug rea­len Ner­ven­kit­zel. Zum Bei­spiel in je­nem Mo­ment, als er und sei­ne eben­falls in den Tre­sor­raum ge­zwun­ge­ne Kol­le­gin die For­de­run­gen des Bank­räu­bers nicht er­fül­len konn­ten. „Er woll­te Fünf­hun­der­ter-Schei­ne, aber wir hat­ten nur Hun­der­ter“, er­zählt Wa­gner. Oder als der Räu­ber gar nicht so gen­tle­men-ar­tig ein Flucht­au­to for­der­te: „Er woll­te, dass ich ihm so­fort ei­nen Au­to­schlüs­sel ge­be – aber ich hat­te kei­nen griff­be­reit.“Re­agiert der Bank­räu­ber so un­ge­hal­ten, dass er den Ab­zug drückt und auf der Stel­le je­man­den er­schießt? Für Wa­gner war das äu­ßerst rea­lis­tisch. „Ich ha­be ver­sucht, den Mann ir­gend­wie zu be­ru­hi­gen. Das

Im Tre­sor­raum wirk­te der Ver­bre­cher höchst ner­vös

macht man in­tui­tiv. So ei­ne Si­tua­ti­on kann man nicht wirk­lich trai­nie­ren.“

All­zu gut er­in­nert sich Wa­gner auch an die weib­li­che Tä­te­rin, die vor­gab, sie tra­ge ei­nen Spreng­stoff­gür­tel am Kör­per. „Sie droh­te, uns al­le in die Luft zu ja­gen …“Der Spitz­na­me des Räu­ber-Du­os wirkt da ge­ra­de­zu zy­nisch: „Gen­tle­menRäu­ber“. Den Bei­na­men er­hiel­ten die Se­ri­en­tä­ter, weil sie bei ih­ren Über­fäl­len oft höf­lich auf­tra­ten, in Ein­zel­fäl­len so­gar Ent­schul­di­gungs­post­kar­ten an über­fal­le­ne Bank­mit­ar­bei­ter schick­ten. In der En­ge des Tre­sor­raums hat Wa­gner das ganz an­ders er­lebt. Ag­gres­siv und „zu al­lem fä­hig“– so ha­be der Ver­bre­cher auf ihn ge­wirkt. Ein Spre­cher des Karls­ru­her Po­li­zei­prä­si­di­ums be­stä­tigt die­sen Ein­druck: „Ner­vö­ser als sonst“sei­en die Bank­räu­ber bei ih­rem letz­ten Über­fall ge­we­sen. Die Er­mitt­ler ver­mu­ten, dass die Tä­ter drin­gend neu­es Geld brauch­ten, als sie an je­nem De­zem­ber­tag 2010 die Volks­bank am Karls­tor über­fie­len – in nächs­ter Nä­he zum gut be­wach­ten Bun­des­ge­richts­hof.

Und das blu­ti­ge Fi­na­le nach dem Bank­raub ha­be ja be­wie­sen, wo­zu die „Gen­tle­men“fä­hig wa­ren: Sie er­öff­ne­ten das Feu­er auf die Po­li­zis­ten, ver­letz­ten ei­ne Be­am­tin schwer. Als der männ­li­che Tä­ter bei der Schie­ße­rei töd­lich ge­trof­fen wur­de, er­schoss sich sei­ne Kom­pli­zin und Ehe­frau auf of­fe­ner Stra­ße. Dass er selbst und sei­ne Kol­le­gin­nen mit dem Le­ben da­von­ka­men – das kann Wa­gner manch­mal noch heu­te kaum glau­ben. „Der 10. De­zem­ber ist mein zwei­ter Ge­burts­tag“, sagt er. Als er vor ei­ni­ger Zeit Groß­va­ter wur­de, war so­fort die­ser Ge­dan­ke da: „Ich bin froh, dass ich das mit­er­le­ben darf.“

Si­cher: Es gibt in­zwi­schen auch Wo­chen, in de­nen er gar nicht an den Über­fall den­ken muss. Doch dann su­chen ihn wie­der Alb­träu­me heim, in de­nen es 15.59 Uhr ist und die Bank­räu­ber die Schal­ter­hal­le be­tre­ten. Wenn Wa­gner dann er­neut mit den Dä­mo­nen der Er­in­ne­rung kämpft, sei das auch für sei­ne Fa­mi­lie nicht ein­fach: „So ein Er­leb­nis ver­än­dert den Men­schen“, sagt er. „Die Zeit heilt Wun­den – aber die Nar­ben wer­den Sie nicht mehr los.“

MIT DIE­SEN FAHNDUNGSFOTOS such­te die Po­li­zei nach den Se­ri­en­bank­räu­bern. Der Bank­mit­ar­bei­ter, der beim letz­ten Über­fall mit dem männ­li­chen Tä­ter im Tre­sor­raum war, bang­te um sein Le­ben und lei­det im­mer noch un­ter die­sem Trau­ma. Fo­tos: Po­li­zei/dpa

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