Sex und Tot­schlag im Ho­tel

„Don Gio­van­ni“als Ins­ze­nie­rung von Keith War­ner in Wi­en / In Karls­ru­he bringt der Re­gis­seur „Wahn­fried“her­aus

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Mord in der Ho­tel­lob­by: Ein Ero­to­ma­ne hat sich gera­de an ei­ne Frau her­an­ge­macht, de­ren Va­ter kommt ihr zu Hil­fe. Prak­tisch, dass an der Wand zwi­schen den Fahr­stüh­len zwei Sä­bel als De­ko hän­gen, da kann man dem Ver­füh­rer rasch Pa­ro­li bie­ten. Doch der ist flink, sticht zu – und tot ist Il Com­men­da­to­re. Das geht rasch und über­ra­schend. Eben noch hat der Mann an der Re­zep­ti­on, der aus­sieht wie Heinz Er­hard und Le­po­rel­lo heißt, sei­ne Un­lust am Di­enst­leis­ter­da­sein be­kun­det, schon kommt es zu der töd­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung. Po­li­zei und Spu­ren­si­che­rung tre­ten auf den Plan. Der­weil be­klagt die se­xu­ell be­läs­tig­te Don­na An­na das Ab­le­ben ih­res ge­lieb­ten Er­zeu­gers und schwört ih­ren Ver­eh­rer Don Ot­ta­vio auf Ra­che ein: Groß­ar­tig die sän­ge­ri­sche Bril­lanz, mit der Ja­ne Ar­chi­bald Schmerz und Ab­scheu zum Aus­druck bringt, und der dar­stel­le­ri­sche Fu­ror, mit dem die So­pra­nis­tin die dop­pelt trau­ma­ti­sier­te Frau dar­stellt.

Der Re­gis­seur Keith War­ner, der 2014/15 am Ba­di­schen Staats­thea­ter den „Par­si­fal“in­sze­niert hat und dort im Ja­nu­ar Av­ner Dorm­ans „Wahn­fried“her­aus­brin­gen wird, hat Mo­zarts „Don Gio­van­ni“für das Thea­ter an der Wi­en in ei­nen Be­her­ber­gungs­be­trieb der Bu­si­ness­class ver­legt. Der Zeit­sprung in die Ge­gen­wart hebt nicht nur die his­to­ri­sche Dis­tanz zu ei­nem Stoff auf, der den Geist der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on at­met, son­dern sen­si­bi­li­siert für das Un­ge­heu­er­li­che des Ge­sche­hens. Wenn Don­na An­na im letz­ten Akt schil­dert, wie in der Un­glücks­nacht ein Mann an ihr Bett kommt und sie im ers­ten Au­gen­blick meint, es sei Don Ot­ta­vio, der Mann, dem sie sein Herz ge­schenkt hat, und plötz­lich merkt, da will ihr ein an­de­rer an die Haut – dann ist das kei­ne Schau­er­ge­schich­te aus ei­ner fer­nen Epo­che mehr, son­dern es wird schlag­ar­tig be­wusst, was da ab­geht: Ein Frem­der dringt näch­tens ins Ho­tel­zim­mer ein und ver­sucht ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung.

Den Sprung ins hier und heu­te nutzt der Re­gis­seur zugleich für al­ler­lei ko­mö­di­an­ti­sche Mo­men­te. Don­na El­vi­ra, mit leicht über­dreh­ter Ver­ve ge­sun­gen von Jen­ni­fer Lar­mo­re, be­klagt nicht bloß die ent­hemm­ten Ver­füh­rer-Ak­ti­vi­tä­ten ih­res Gat­ten Don Gio­van­ni, son­dern rauscht mit sämt­li­chem Ge­päck und Zi­cken-At­ti­tü­de in die Lob­by, Stich­wort „Ich rei­se ab“. Und wenn Jo­na­than Le­ma­lu mit sei­den­wei­chem, war­mem Bass Le­po­rel­los Re­gis­ter-Arie singt, dann zeigt er nicht nur die je­wei­li­gen Des­sous-Grö­ßen (üp­pig im Win­ter, ma­ger im Som­mer), son­dern bei Nen­nung der Län­der, in de­nen Don Gio­van­ni als Don Juan tä­tig war, öff­nen sich die Auf­zu­g­tü­ren: Da wer­den et­wa sei­ne ero­ti­schen Ak­qui­si­tio­nen in Deutsch­land (231) mit ei­ner Frau in stren­gem Dirndl und die in Spa­ni­en (1003) mit leicht be­klei­de­tem Strand­volk il­lus­triert.

Über­haupt schöpft War­ner in sei­ner Ins­ze­nie­rung aus dem Jahr 2006, die jetzt neu ein­stu­diert wur­de, aus den Vol­len. Bei der gro­ßen Fest­sze­ne ver­wan­delt sich Ed Dev­lins raf­fi­nier­tes Büh­nen­bild in ei­nen Spie­gel­saal, in dem sich Ho­tel­gäs­te und Per­so­nal ei­nem ve­ne­zia­ni­schen Mas­ken­ball hin­ge­ben, die Fried­hof­sze­ne han­delt im Kof­fer­la­ger der Über­nach­tungs­stät­te: Dort sto­ßen Don Gio­van­ni und Le­po­rel­lo nicht wie in Lo­ren­zo da Pon­tes Li­bret­to vor­ge­se­hen auf die Sta­tue des to­ten Com­men­da­to­re, son­dern auf des­sen Kopf, den Don­na An­na wie ei­ne Re­li­quie in ei­ner glä­ser­nen Box mit sich führt – mit der Fol­ge, dass die von Don Gio­van­ni und Le­po­rel­lo im Du­ett be­schwo­re­ne „sta­tua“in der deutsch­spra­chi­gen Über­ti­te­lung als „Kopf“er­scheint.

Das letz­te Gast­mahl des halt­lo­sen, in­zwi­schen er­grau­ten Ver­füh­rers schließ­lich trägt deut­li­che Zü­ge des Sil­ves­ter-Dau­er­bren­ners „Din­ner for One“– wo­mit denn auch ei­ne Schwä­che des Re­gie­kon­zepts deut­lich wird: Vor lau­ter Bur­les­ke ver­pufft Don­na El­vi­ras an­rüh­ren­des Be­mü­hen, den Sex­be­ses­se­nen zur Um­kehr zu be­we­gen. Nat­han Gunn gibt ihn glei­cher­ma­ßen voll­tö­nig wie ge­schmei­dig und über­zeugt um­so mehr, als er auf Ma­choMätz­chen ver­zich­tet und nur auf sei­ne Aus­strah­lung ver­traut. Da wird al­le­mal plau­si­bel, dass Zer­li­na ins Schwan­ken ge­rät – Ma­ri Eriks­mo­en singt die Par­tie mit so viel Witz, Ver­ve und Fri­sche, dass sie zeit­wei­se zur Haupt­per­son wird.

Wei­te­re schö­ne Fa­cet­ten lie­fern ne­ben dem Ar­nold Scho­en­berg Chor Ta­req Naz­mi als Ma­set­to, Sai­mir Pir­gu mit sei­nem wohl­tö­nen­den Te­nor als Don Ot­ta­vio, Lars Woldt als Com­men­da­to­re. Das Mo­zar­te­um­or­ches­ter Salz­burg un­ter dem zu­pa­cken­den Di­ri­gat von Ivor Bol­ton bie­tet ei­nen sehr dy­na­mi­schen Mo­zart. Im Ver­gleich zur ak­tu­el­len Neu­ein­spie­lung der Oper von Teo­dor Curr­ent­zis wirkt er schnör­kel­los, so­li­de und ro­bust, zeigt we­ni­ger die Ab­grün­de als Lust am be­herz­ten Spiel. Micha­el Hübl

SMARTER VER­FÜH­RER: Nat­han Gunn als Don Gio­van­ni in Keith War­ners Ins­ze­nie­rung der Mo­zart-Oper. In Karls­ru­he ist War­ner durch sei­nen „Par­si­fal“be­kannt. Fo­to: Kme­titsch

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