Jungspund ge­gen geist­rei­che Gift­sprit­ze

Mit „Swit­z­er­land“ver­neigt sich das Thea­ter Ba­den-Ba­den vor Thril­ler­au­to­rin Patri­cia Highs­mith

Pforzheimer Kurier - - KULTUR -

Men­schen­freund­lich ist sie nicht gera­de, die al­tern­de Schrift­stel­le­rin Patri­cia Highs­mith: „Men­schen sind am bes­ten, wenn sie am schlech­tes­ten sind“, haut sie dem jun­gen Ver­lags­mit­ar­bei­ter Ed­ward Rid­ge­way um die Oh­ren, der sie in ih­rem ab­ge­le­ge­nen Schwei­zer Re­fu­gi­um auf­ge­sucht hat, um sie zu ei­nem neu­en Ro­man zu über­re­den – zu ei­nem letz­ten Buch über ih­re be­rühm­tes­te Fi­gur, ih­re fas­zi­nie­rends­te Schöp­fung: den so selbst­süch­ti­gen wie skru­pel­lo­sen Mör­der Tom Ri­pley. Doch Highs­mith, ver­bit­tert durch ih­re Re­du­zie­rung auf den Sta­tus ei­ner „Kri­mi­au­to­rin“, wehrt sich ve­he­ment. Rid­ge­ways Vor­gän­ger hat sie schon ver­trie­ben, in­dem sie ihm beim mor­gend­li­chen Er­wa­chen ein Mes­ser an die Keh­le ge­setzt hat. Hat der schüch­tern wir­ken­de Jungspund Rid­ge­way da über­haupt ei­ne Chan­ce?

Aus die­ser fik­ti­ven Kon­stel­la­ti­on, die sich am rea­len Le­bens­abend der „Thril­ler-Queen“Highs­mith ori­en­tiert, schöpft das Zwei-Per­so­nen-Stück „Swit­z­er­land“, das nun am Thea­ter Ba­den-Ba­den sei­ne deutsch­spra­chi­ge Erst­auf­füh­rung er­leb­te, sei­ne Span­nung. Das 2014 ent­stan­de­ne Stück der aus­tra­li­schen Au­to­rin Jo­an­na Mur­ray-Smith sieht vor­der­grün­dig wie ein „very-well­ma­de-play“aus: Ein kla­rer Kon­flikt zwei­er ge­gen­sätz­li­cher Kon­tra­hen­ten, de­ren Macht­ver­hält­nis­se sich im Lauf der Stücks im­mer wie­der ver­schie­ben, weil sie nur be­dingt mit of­fe­nen Kar­ten spie­len – „Enig­ma“von Eric-Em­ma­nu­el Sch­mitt lässt grü­ßen. Hin­zu kom­men et­li­che zy­ni­sche Bon­mots, die der mis­an­thro­pen Highs­mith in den Mund ge­legt wer­den, et­wa: „Wer glück­lich ist, stellt nur nicht ge­nug Fra­gen.“Der mi­ni­ma­le äu­ße­re Auf­wand macht das Stück auch für kleins­te Büh­nen taug­lich: In Ba­denBa­den wird es im kusch­li­gen Am­bi­en­te des Spie­gel­foy­er ge­spielt, als Büh­nen­bild ge­nü­gen ein Schreib­tisch, ein So­fa und ein Bei­stell­tisch (Büh­ne und Ko­s­tü­me: An­ja Furth­mann, Se­bas­ti­an Ganz).

Doch der Text birgt, ganz wie Highs­mith’ Ro­man­fi­gu­ren, mehr als sei­ne Ober­flä­che er­ken­nen lässt: Mur­rayS­mith lässt ih­re Wort-Du­el­lan­ten auch über den Zau­ber der Li­te­ra­tur re­den, über die Ent­ste­hung gan­zer Wel­ten aus ei­nem ers­ten Wort – und sie lässt sie ge­mein­sam neue Fan­ta­sie­bö­gen spin­nen, de­nen man beim Zu­hö­ren so ge­fes­selt folgt wie ei­ner Highs­mith-Sto­ry. Da­durch wird „Swit­z­er­land“zu ei­ner reiz­vol­len Re­flek­ti­on über das Schrei­ben und des­sen Wirk­mäch­tig­keit. Und auch wenn klar ist, dass ei­ne sol­che Hom­mage an ei­ne sol­che Au­to­rin auf ei­ne „un­er­war­te­te“Schluss­wen­dung zu­lau­fen muss, ist die Schlüs­sig­keit und Kon­se­quenz die­ser Wen­dung dann tat­säch­lich über­ra­schend. Nicht zu­letzt, weil die Re­gis­seu­rin Odet­te Be­res­ka dem Text und ih­rem Darstel­ler­duo ver­traut. Ro­sa­lin­de Renn macht aus der Fi­gur Highs­mith die Pa­ra­de­rol­le ei­ner geist­rei­chen Gift­sprit­ze: Oh­ne Vor­war­nung schal­tet sie um von schroff auf spöt­tisch, von neu­gie­rig auf ab­wei­send, von zer­mürbt auf an­griffs­lus­tig. Renn spielt die des­il­lu­sio­nier­te Zy­ni­ke­rin sehr re­so­lut und kon­kret, lässt aber zugleich of­fen, ob ih­re Dau­er­at­ta­cken in Wahr­heit nur Ha­ken sind, die sie auf ih­rer Flucht vor der Schreib­ver­pflich­tung schlägt.

Mat­tes Her­re wirkt als Ed­ward Rid­ge­way an­fangs ex­akt so blass und lin­kisch wie Highs­mith ihn wahr­nimmt, doch nach und nach fä­chert er wei­te­re Fa­cet­ten auf: Mit leuch­ten­den Au­gen spricht er über Li­te­ra­tur, ki­chernd re­det er sich mit der dau­er­al­ko­ho­li­sier­ten Highs­mith in ei­nen Rausch – und im­mer wie­der blitzt ein sie­ges­ge­wis­ses Lä­cheln auf, als ha­be er ei­nen noch un­ge­spiel­ten Trumpf im Är­mel. All die Nuan­cen kom­men in dem klei­nen Raum (der mit 30 Zu­schau­ern voll be­setzt ist) bes­tens zur Gel­tung. Auch wenn Highs­mith für grif­fi­ge Wer­be­la­bels wie „in­tel­li­gen­te Un­ter­hal­tung“wohl nur Ver­ach­tung üb­rig hät­te – die 80-mi­nü­ti­ge Auf­füh­rung ist genau das, und zwar im bes­ten Sin­ne. Andre­as Jütt­ner

RIN­GEN UM EI­NEN LETZ­TEN RO­MAN: Die al­tern­de Schrift­stel­le­rin Patri­cia Highs­mith (Ro­sa­lin­de Renn) wird in „Swit­z­er­land“von dem Ver­lags­ab­ge­sand­ten Ed­ward Rid­ge­way (Mat­tes Her­re) be­drängt. Fo­to: Klenk

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.