38. Fort­set­zung

Pforzheimer Kurier - - BENNI / ROMAN -

„Letz­ter Büh­ler­ta­ler Kriegs­ge­fan­ge­ner heim­ge­kehrt“. Nichts über ei­nen Lei­chen­fund im Bret­ter­wald. Sie dach­te an den merk­wür­di­gen An­ruf. Wer hat­te an­ge­ru­fen und sich für Nour­ri­di­ne aus­ge­ge­ben? Wer wuss­te, dass sie den To­ten ge­se­hen hat­te? Sie schrak zu­sam­men, als sich Mor­gen­tha­ler ne­ben ihr dis­kret räus­per­te.

„Die Pra­xis von Dok­tor Neu­haus fragt an, ob Sie den Ter­min bei ihm noch ein­hal­ten kön­nen. Er war­tet auf Sie.“

Im ers­ten Mo­ment ver­stand sie nicht, was er von ihr woll­te. Doch dann fiel es ihr ein. Die Frisch­zel­len­kur, zu der sie an­ge­mel­det war. War es schon so spät? Muss­te sie da wirk­lich hin? Wie gern hät­te sie sich mit Eck­stein be­spro­chen, so­gar mit Ari. Sie war es nicht ge­wohnt, al­lein zu sein oder al­lein zu ent­schei­den. In Oma­rim be­spra­chen sie al­les ge­mein­sam. Der Jun­ge räus­per­te sich schon wie­der.

„Rich­ten Sie aus, dass ich gleich kom­me. Ich muss nur noch ein­mal kurz auf mein Zim­mer.“

Dort wi­ckel­te sie vor­sich­tig die Pa­ra­bel­lum aus dem Kauf­haus­pa­pier, pack­te dann das Holz­käst­chen wie­der da­rin ein und stell­te es zu­rück in den Schrank. Die Waf­fe steck­te sie in ih­re Hand­ta­sche und merk­te im sel­ben Mo­ment, wie un­sin­nig das war. Was soll­te ihr jetzt ei­ne Waf­fe hel­fen?

Als sie den Schlüs­sel an der Re­zep­ti­on ab­gab, bat sie den jun­gen Mor­gen­tha­ler, ihr den Weg zu Dok­tor Neu­haus’ Kli­nik zu zei­gen.

Eif­rig hielt der Jun­ge ihr die Tür auf und lief dann vor ihr den Kies­weg ent­lang. Hin­ter dem Tor mit dem stei­ner­nen Ad­ler ga­bel­te sich der Weg. Dort blieb Mor­gen­tha­ler ste­hen und zeig­te auf ein hin­ter der Bu­chen­he­cke auf­ra­gen­des wei­ßes Ge­bäu­de. „Das ist die Kli­nik“, sag­te er. „Es sind kei­ne fünf Mi­nu­ten.“

Ro­sa be­dank­te sich, tat, als ob sie los­lau­fen woll­te, fass­te sich statt­des­sen an den Kopf, so als wä­re ihr noch et­was ein­ge­fal­len. „Ich woll­te Sie fra­gen, ob Sie den An­ruf ges­tern Abend selbst ent­ge­gen­ge­nom­men ha­ben.“

Er schüt­tel­te den Kopf. „Der Zet­tel lag in Ih­rem Fach. Ma­dame Rei­sacher hat die Nach­richt no­tiert. Wenn Sie wol­len …“

„Nein, nein“, un­ter­brach ihn Ro­sa schnell. „Aber ich ha­be ganz ver­ges­sen, mich zu er­kun­di­gen, ob die­ser Mon­sieur Nour­ri­di­ne ei­ne Num­mer hin­ter­las­sen hat, wo er zu er­rei­chen ist.“

„Hunds­eck“, ant­wor­te­te er. „Kann ich sonst noch et­was für Sie tun?“

„Nein dan­ke.“Ro­sa zau­ber­te sich ein dank­ba­res Lä­cheln ins Ge­sicht. Sie hol­te ein Mark­stück aus dem Porte­mon­naie und drück­te es ihm in die Hand. Al­so die Haus­da­me. Die Rei­sacher wur­de ihr im­mer un­heim­li­cher. Durch­such­te ihr Zim­mer, fälsch­te Nach­rich­ten.

„Im­mer zu Di­ens­ten“, mur­mel­te Mor­gen­tha­ler mit glü­hen­den Oh­ren, und das glaub­te ihm Ro­sa wirk­lich. Der Jun­ge konn­te ihr viel­leicht noch an­der­wei­tig nütz­lich sein, sie soll­te et­was net­ter zu ihm sein. „Kom­men Sie hier aus der Ge­gend?“, frag­te sie.

„Aus Bai­ers­bronn“, be­rich­te­te er be­reit­wil­lig. „Das ist auf der an­de­ren Sei­te vom Berg. Dort ist der Schwarz­wald schwä­bisch.“„Wie ist Ihr Vor­na­me?“„Ot­to“, ant­wor­te­te er, und jetzt glüh­ten nicht nur sei­ne Oh­ren, son­dern das gan­ze jun­ge Ge­sicht. „Und wie alt sind Sie?“„Ich wer­de schon acht­zehn im Au­gust.“ „Acht­zehn, so­so.“„Auf Wie­der­se­hen, gnä­di­ge Frau.“Acht­zehn! An ih­ren acht­zehn­ten Ge­burts­tag er­in­ner­te sich Ro­sa genau. Da war end­lich die Was­ser­lei­tung in Oma­rim ge­legt, und die Män­ner hat­ten die Du­schen fer­tig­ge­baut. Die Zei­ten, als sie sich di­rekt an der Qu­el­le oder in der Zink­wan­ne wa­schen muss­ten, ge­hör­ten der Ver­gan­gen­heit an. Als Ge­burts­tags­kind durf­te sie als Ers­te du­schen. Was für ein Ge­nuss war es ge­we­sen, als ihr das Was­ser von oben aus dem Kopf der Brau­se über den Kör­per rann! Die wohl­duf­ten­de Sei­fe, mit der sie sich ein­schäum­te! Ein Ge­schenk von Ra­chel. Weiß der Him­mel, wo sie die auf­ge­trie­ben hat­te! Und frisch ge­wa­sche­ne Klei­der war­te­ten auf Ro­sa. Aber das größ­te Ge­schenk an die­sem Tag war der Bo­den, den sie end­lich wie­der un­ter den Fü­ßen spür­te. Aus­ge­rech­net auf den glit­schi­gen Ka­cheln! Oma­rim, ja, Oma­rim war ih­re Hei­mat. Dort ge­hör­te sie hin, dort war ihr Zu­hau­se. Sie rutsch­te mit den Fü­ßen auf dem nas­sen Bo­den hin und her, hüpf­te auf und ab, hat­te im­mer Stand. Trä­nen der Er­leich­te­rung misch­ten sich mit Was­ser, Glück glit­zer­te in Tau­sen­den von Was­ser­trop­fen in die­sem noch blü­ten­wei­ßen Raum.

Da stand sie nun an ei­ner Weg­ga­be­lung, grub die Schu­he in den Kies und sehn­te sich nach fes­tem Bo­den. Spä­tes­tens seit dem Vor­tag war der Auf­trag ein paar Num­mern zu groß für sie. Die Frisch­zel­len­kur kam ihr so über­flüs­sig vor wie die Waf­fe in ih­rer Hand­ta­sche. Aber was soll­te sie sonst tun? Ob an der Wun­der­kur et­was dran war? „Es war ver­dammt schwer, über­haupt noch ei­nen Ter­min für dich zu krie­gen. Bei dem Mann ste­hen Pa­ti­en­ten aus der gan­zen Welt Schlan­ge“, hat­te Til­ly La­pid ge­sagt. „Neu­haus ist ei­ne Ko­ry­phäe.“Viel­leicht ver­hal­fen die Frisch­zel­len ihr nicht nur zu neu­er Ener­gie und glat­ter Haut, son­dern auch zu ei­nem kla­ren Kopf? Nichts brauch­te sie im Au­gen­blick drin­gen­der.

Am Emp­fang der Kli­nik er­war­te­te sie ein al­ters­lo­ses Fräu­lein in frisch ge­stärk­tem Weiß. Sie müs­se sich ge­dul­den, wies sie Ro­sa an, der Herr Dok­tor ha­be ei­ne an­de­re Pa­ti­en­tin vor­ge­zo­gen. „Sie ha­ben wirk­lich Glück, dass er Sie über­haupt noch emp­fängt“, füg­te sie schnip­pisch, re­gel­recht ein­ge­schnappt hin­zu.

Ro­sa war­te­te ei­ne hal­be St­un­de, dann bat Neu­haus sie in sein Bü­ro, das von ei­nem Schreib­tisch aus Ma­ha­go­ni be­herrscht wur­de. Den gut­bür­ger­li­chen Cha­rak­ter des Zim­mers ver­stärk­ten bur­gun­der­ro­te Per­ser­tep­pi­che und gro­ße Öl­ge­mäl­de an den Wän­den. Al­pen­land­schaf­ten vor al­lem und Sze­nen bäu­er­li­chen Le­bens. Til­ly hat­te ihr er­zählt, dass Neu­haus Bil­der aus dem LeiblK­reis sam­mel­te und sich für Archäo­lo­gie in­ter­es­sier­te.

Ganz Wie­ner Char­meur, küss­te Neu­haus ihr die Hand, be­vor er sie bat, Platz zu neh­men. Dass er mehr als ei­nen Kopf klei­ner war als sie, hat­te Ro­sa erst be­merkt, als er vor ihr stand. Der Mann wirk­te nicht klein. Er hat­te et­was Prä­sen­tes, et­was Raum­fül­len­des. Er wirk­te wie je­mand, der sich auf je­dem Par­kett be­we­gen konn­te.

„Wenn S’ ein of­fe­nes Wort er­lau­ben, Frau Pro­fes­sor Gold­berg, ich weiß nicht recht, was ich für Sie tun kann.“

Er setz­te sich hin­ter sei­nen Schreib­tisch, be­dach­te sie mit ei­nem an­er­ken­nen­den Blick und nes­tel­te ei­ne sil­ber­ne Ta­schen­uhr aus der Wes­ten­ta­sche, de­ren De­ckel er auf- und wie­der zu­schnap­pen ließ. Er zeig­te ihr, wie knapp und kost­bar sei­ne Zeit war, sie muss­te ihm zei­gen, dass er sie mit ihr nicht ver­geu­de­te.

„Wis­sen S’, ich küm­mer mich um die er­mü­de­ten Hel­den der deut­schen Wun­der­wirt­schaft mit Herz­kas­perln, um al­tern­de Opern­di­ven oder Mil­lio­närs­wit­wen mit ei­ner Vor­lie­be für Mohn­buch­teln und Ma­la­kofftor­ten. Und na­tür­lich um wich­ti­ge Leut wie den Herrn Bun­des­kanz­ler. Lei­der nicht um schö­ne Frau­en. Was soll ich denn bei Ih­nen bes­ser machn?“

Ro­sa lös­te das Tuch, das sie um den Hals ge­schlun­gen hat­te, und deu­te­te auf ihr De­kol­le­té. „Mein Mann ist Archäo­lo­ge“, be­gann sie ih­re Lü­gen­ge­schich­te, „ich be­glei­te ihn auf sei­nen For­schungs­rei­sen. Die letz­ten zwei Jah­re ha­ben wir in der Nä­he des To­ten Meers nach der He­ro­des-Fe­s­tung Masa­da ge­sucht, von der Fla­vi­us Jo­se­phus schreibt. Wüs­te, wo­hin das Au­ge reicht, sen­gen­de Son­ne von früh bis spät, da schrum­pelt die Haut schon im Schat­ten, und mei­ne erst recht. Fort­set­zung folgt

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