Die Saat des Has­ses

Pforzheimer Kurier - - POLITIK - MAR­TIN FERBER

Ein Alp­traum ist wahr ge­wor­den, das schlimms­te mög­li­che Sze­na­rio, von dem die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen und die Si­cher­heits­be­hör­den im­mer hoff­ten, dass es nie ein­tre­ten mö­ge, hat sich er­eig­net. Aus­ge­rech­net ein Weih­nachts­markt, In­be­griff deut­schen Brauch­tums und vor­weih­nacht­li­cher Freu­de, wur­de Ziel ei­nes ter­ro­ris­ti­schen An­schlags, mehr noch, es traf nicht ir­gend­ei­nen Platz, son­dern den pro­mi­nen­ten Weih­nachts­markt an der Ber­li­ner Kai­ser-Wil­hel­mGe­dächt­nis­kir­che, ge­le­gen im Her­zen der deut­schen Haupt­stadt, über­aus be­liebt bei Ein­hei­mi­schen wie bei Tou­ris­ten. Der Tä­ter, der nach dem Vor­bild von Niz­za mit ei­nem Sat­tel­schlep­per un­ge­bremst in die Bu­den­stra­ße ras­te, wuss­te ganz ge­nau, was er tat: Kurz vor Weih­nach­ten, dem Haupt­fest der Chris­ten, ging es ihm ein­zig dar­um, mög­lichst vie­le un­schul­di­ge Men­schen zu tö­ten. Ei­ne ab­so­lut sinn­lo­se Tat, für die es kei­ne Be­grün­dung ge­ben kann, erst recht kei­ne re­li­giö­se. Der To­des­fah­rer woll­te mit sei­ner Tat ein Höchst­maß an Auf­merk­sam­keit er­zie­len. Die Er­kennt­nis könn­te furcht­ba­rer nicht sein: Der Ter­ro­ris­mus ist end­gül­tig in Deutsch­land an­ge­kom­men.

Bis­lang war die Bun­des­re­pu­blik, ob­wohl sie schon seit lan­gem im Vi­sier der Fa­na­ti­ker und Ter­ro­ris­ten steht, im Ge­gen­satz zu Frank­reich oder Bel­gi­en glimpf­lich da­von­ge­kom­men. Doch die Ru­he war trü­ge­risch, das Glück währ­te nicht end­los. Be­son­ders be­un­ru­hi­gend: Der zu al­lem ent­schlos­se­ne At­ten­tä­ter ist noch im­mer auf frei­em Fuß. Die Freu­de über die schnel­le Ver­haf­tung ei­nes Tat­ver­däch­ti­gen er­wies sich als vor­ei­lig. So gibt es nach den zahl­lo­sen Pres­se­kon­fe­ren­zen des gest­ri­gen Ta­ges mehr Fra­gen als Ant­wor­ten: Wer war der Tä­ter? War es ein Ein­zel­tä­ter, ein so­ge­nann­ter ein­sa­mer

Wolf? Oder gab es Hin­ter­män­ner, wur­de er vom Aus­land ge­steu­ert, vi­el­leicht so­gar ge­zielt ein­ge­schleust? Dann am Abend be­kann­te sich der IS zu dem An­schlag. Für die po­li­ti­sche De­bat­te wird das At­ten­tat in Ber­lin nicht oh­ne Fol­gen blei­ben, auch wenn die Fak­ten­la­ge der­zeit noch eher dünn ist. Die furcht­ba­re Tat in Ber­lin ist Was­ser auf die Müh­len all de­rer, die schon im­mer ei­ne strik­te Ab­schot­tung und ei­ne Ein­schrän­kung des Asyl­rechts ge­for­dert ha­ben und die mas­si­ve Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­kanz­le­rin üben.

Die Fra­ge steht im Raum, ob die Tat ei­ne Fol­ge der Über­for­de­rung der Be­hör­den vor ge­nau ei­nem Jahr war. Und sie muss be­ant­wor­tet wer­den, auch und ge­ra­de im In­ter­es­se der vie­len un­be­schol­te­nen Flücht­lin­ge, die in Deutsch­land ei­ne neue Hei­mat fin­den und nicht ei­nem Ge­ne­ral­ver­dacht aus­ge­setzt sein wol­len. Aus die­sem Grun­de ist es wich­tig, be­son­nen und be­däch­tig zu re­agie­ren, da­mit die Saat des Has­ses nicht auf­geht und das Kal­kül der Ter­ro­ris­ten schei­tert, die deut­sche Ge­sell­schaft auf­zu­wie­geln. Hys­te­rie be­kämpft den Ter­ror nicht. Ei­ne freie, of­fe­ne Ge­sell­schaft bleibt ver­wund­bar, ei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit gibt es nicht. Wohl aber ste­hen die Re­gie­rung und die Be­hör­den in der Pflicht, al­les zu tun, für ein Höchst­maß an Si­cher­heit zu sor­gen.

Deutsch­land wird auch nach der furcht­ba­ren Tat in Ber­lin ein frei­es und of­fe­nes Land blei­ben, in dem es Weih­nachts­märk­te, Sil­ves­ter­fei­ern und öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen gibt. Den Tri­umph, nun aus Angst al­les auf­zu­ge­ben, was zu Deutsch­land ge­hört und was sein welt­weit be­wun­der­tes Le­bens­ge­fühl aus­macht, darf man den Ter­ro­ris­ten nicht gön­nen. Sonst hät­ten sie ge­won­nen.

Der Ter­ror ist in Deutsch­land an­ge­kom­men

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